Leidenschaft für geknickte Rohre und glimmende Dochte
Ängste bestimmen uns, obwohl wir in Wohlstand und Sicherheit leben. Im christlichen Glauben steckt das Potential, sie aufzubrechen. Davon ist der Mailänder Priester Angelo Casati überzeugt. Aus seinem neuesten Buch 1) veröffentlichen wir einige Gedanken zum Umgang mit der Angst, unsere Schwachheit und Grenzen zu zeigen.
Zensur gibt es immer noch. Es ist schlimm, wenn der Wahrheit ein Maulkorb verpasst wird, Informationen beschnitten werden: Empören müssten wir uns, aufstehen in Zeiten wie den unseren, in denen es an vielen Orten und in mancherlei Kreisen immer noch riskant ist, laut zu denken. Man könnte einen Maulkorb verpasst bekommen!
Freilich ist dies nicht die einzige Art von Zensur. Es gibt auch eine subtilere, von unseren eigenen Ängsten diktierte. Von der Angst vor der eigenen Schwäche zum Beispiel, der Angst, seine Grenzen oder Verletzlichkeit zu zeigen. Es ist eine leise Zensur ohne viel Aufhebens, die zunächst einmal nicht wehtut.
Verständlich ist sie in einer Gesellschaft, in der Leistung und Effizienz zu Mythen geworden sind. Es zählt der Erfolg, die Leistung, die Schönheit. Zelebriert und zur Schau gestellt wird die – vermeintliche – Perfektion. Wer rausfällt aus dem Raster, fällt durch. Mit der Folge, dass unablässig Masken aufgesetzt werden, mit deren Hilfe die ungeschminkte Wahrheit verborgen werden soll. … Wer die Maske der Eitelkeit trägt, der freilich täuscht sich und die anderen. Als ob es etwas Unehrenhaftes oder ein Absturz wäre, die eigene Schwäche oder Verletzlichkeit zu erkennen zu geben! Es ist die Angst vor der Begrenztheit, die uns von Natur aus zu eigen ist – und die vielleicht sogar unsere eigentliche Schönheit ausmacht. …
An uns liegt es, das falsche Spiel nicht mitzuspielen, innerlich Nein zu sagen, nicht allen Idolen nachzulaufen. … Es gibt eine Alternative: das wirkliche Leben zu bejahen, es zu leben und zu lieben. Als Ganzes, so wie es ist. Mit seinen Licht- und Schattenseiten. Mit dem ihm eigenen Rhythmus. Bringen wir es nicht um seine Natur, es hat auch seine eigentümliche Langsamkeit: Wenn wir sie nicht annehmen, verliert es an Farbe und Geschmack.
Nicht zuletzt sollten wir der Illusion der unbegrenzten Möglichkeiten entgehen: Sie treibt uns in etwas hinein, wo wir in Wirklichkeit gar nicht sind; wir geraten in eine Traumwelt: Unsere Augen sind nicht im Hier und Jetzt, nicht bei dem Menschen, der uns gegenübersteht, nicht bei der Empfindung des Augenblicks.
Vielleicht kann uns in diesem Zusammenhang die Menschwerdung Gottes Wichtiges sagen: Es ist ein Gott, der das Bruchstückhafte gewählt hat, der darin Wohnung genommen hat und unser begrenztes, von Armut und Schwachheit geprägtes Leben geteilt hat. …
Dieser Jesus ist einer, der voll Eifer und prophetischer Leidenschaft die Masken herunterreißt; einer, der die fatalen Reden jener Frommen entlarvt, die einer vermeintlichen Vollkommenheit das Wort reden und damit den Leuten untragbare Lasten aufbürden. …
Dieser Jesus hat nicht die Rolle eines triumphierenden Messiaskönigs beansprucht; er war ein Messias, der sich hinunterbeugte. Nie und nimmer hätte er einem Menschen, dessen Leben in die Brüche gegangen war und der am Boden lag, auch noch den Todesstoß versetzt. Vielmehr hatte er bei seinem Vater im Himmel das Handwerk des Töpfers gelernt: „Missriet das Gefäß, das er in Arbeit hatte, wie es beim Ton in der Hand des Töpfers vorkommen kann, so machte der Töpfer daraus wieder ein anderes Gefäß, ganz wie es ihm gefiel“ (Jeremia 18,4). Nichts lag ihm ferner als eine Politik des „Aufräumens“. Seine Leidenschaft waren die geknickten Rohre und die glimmenden Dochte, er stellte erstere wieder her und tränkte letztere vorsichtig und geduldig mit neuem Öl.
Seine Augen und seine Hände zu haben, das ist eine Bitte an ihn, die mir immer wieder über die Lippen kommt. Wie wünschte ich es für mich, der ich manches Mal links liegen lasse, was schwach und dürftig erscheint: Sehende Augen, zärtliche Hände, die auch zupacken können, wo es nötig ist. Auf Jesu Spuren gehen, das heißt, dem Kleinen, dem Schwachen, dem Zerbrechlichen und Zerbrechenden seinen Wert wiedergeben, es wahrnehmen, stärken und aufrichten.
Lassen wir uns neu begeistern für die kleinen, unscheinbaren Dinge … Lassen wir uns neu berühren von dem „Alltäglichen“. Öffnen wir das Fenster, verlieren wir uns in der Betrachtung des blauen Himmelsstreifens über den Dächern der Stadt, im Staunen über die Schönheit der Mondsichel, im Betrachten eines Kindergesichts oder der Linien, die die Falten auf die Stirn eines alten Menschen malen, in der Freude über eine Blume, über die sich haltenden Hände von Verliebten, über das fröhliche Treiben der Kinder im Nachbarhof … Öffnen wir das Fenster, schauen wir, lauschen wir! – Sehen, was das Leben mir an diesem Tag hinhält. Es gibt so vieles, was wir noch nicht wahrgenommen haben, so vieles, was darauf wartet, entdeckt zu werden. …
1) Angelo Casati: Ängste, die in uns wohnen – und wie der Glaube uns befreit. Verlag Neue Stadt 2015
Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, April 2015)
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