Mit anderen Augen
Christen glauben, dass in jedem Menschen Jesus ist. Ihn im anderen lieben, wie kann ich das verstehen?
Jesus im Mitmenschen lieben heißt einerseits, in ihm eine Tiefe zu erfassen, ein Reservoir von Bedürfnissen und Sehnsüchten, das allen Menschen gemeinsam ist und sich darin äußert, Liebe geben und empfangen zu wollen. Andererseits heißt es, an der Person auch das Schöne und den Reichtum ihrer Andersartigkeit zu begreifen: Ihre Einzigartigkeit beruht auf ihrer persönlichen Geschichte und ihren Erfahrungen. Der andere verdient, von mir uneingeschränkt respektiert zu werden, und diese Haltung ist für meine innere Ausgeglichenheit unabdingbar.
Aber, im anderen Jesus sehen und lieben, was heißt das im Alltag? Dazu folgendes Ereignis: Eine junge Frau fuhr mit dem Auto von der Arbeit nach Hause und verursachte einen kleinen Unfall. Unter Tränen erklärte sie dem Unfallgegner, dass das Auto noch neu sei – wie könne sie den Schaden nur ihrem Mann erklären? Der Fahrer des anderen Autos zeigte Verständnis, bestand aber darauf, die Daten von Personalausweis und KFZ-Versicherung auszutauschen. Auf der Suche nach den Dokumenten entdeckte die junge Frau einen Zettel mit der Handschrift ihres Mannes: „Im Fall eines Unfalls sei sicher, Schatz, dass ich DICH liebe, nicht das Auto!“
Jeder hat in der Fähigkeit zu lieben seine Grenzen. Aber schon der Wunsch, im anderen Jesus sehen zu wollen, hat seinen Wert. Mein Psychologie-Professor sagte: „Behandle deine Patienten nicht entsprechend dem, wie sie sich geben, sondern wie sie sein sollten.“ Im Rückblick halte ich seinen Rat für berechtigt. Ein anonymer Mystiker des 14. Jahrhunderts schreibt in dem Text „Die Wolke des Nichtwissens“: „Gott sieht mit seinen barmherzigen Augen nicht auf das, was du bist oder gemacht hast, sondern was du zu sein wünschst.“ Solche Augen wünsche ich auch uns.
Pasquale Ionata
(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, April 2015)
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