Wir konnten in Ruhe reden.
Erfahrungsberichte: Leben nach dem Wort Gottes
Wir konnten in Ruhe reden.
Mit meinem Bruder verstehe ich mich nicht. Wir gingen uns seit langem aus dem Weg. Zu gegensätzlich sind unsere Meinungen zu verschiedenen Themen. Mir war aber auch klar: So konnte ich als Christ eigentlich nicht leben.
Vorige Woche habe ich mir dann ein Herz gefasst und ihn einfach zum Frühstück eingeladen. Er nahm die Einladung an. Wir konnten in Ruhe über unsere gegensätzlichen Auffassungen reden. In der Sache sind wir uns nicht näher gekommen; aber jeder hat die Meinung des anderen respektiert.
Jetzt können wir uns wieder in die Augen sehen und müssen uns nicht mehr aus dem Weg gehen.
A.M.
Wie kann ich für sie da sein?
Anfang September teilte ich in der Klinik das Zimmer mit einer Frau. Wir waren jeweils nur kurz miteinander im Gespräch, während mich meine Müdigkeit immer wieder überrollte. Vor allem in der Nacht merkte ich, dass es Frau B. nicht gut ging. Meine Hilfe war nicht angebracht, da sie sich lieber selbst um alles kümmerte. Aus den kurzen Gesprächen wusste ich, dass sie wegen ihrer Krebserkrankung vom Notarzt wieder in die Klinik gebracht worden war.
„Wie kann ich für sie da sein?“ Diese Frage beschäftigte mich sehr. Das Wort des Lebens („Liebe deinen Nächsten, wie dich selbst“) schien mir das einzig Wichtige. Und doch: Wie war meine Liebe in dieser Situation „richtig“ und nicht lästig? Ich spürte meine ganze Ohnmacht! Die Situation drängte mich geradezu, mehr mit Jesus im Gespräch zu sein. Immer wieder kam mir der Satz: „Nur von Ihm können wir lernen, was Liebe ist und wie lieben geht.“
Irgendwann wurde mir klar: Wenn ich an ihrer Stelle wäre, wäre ich froh, wenn jemand für mich beten würde. Das schien mir im Moment der einzige Weg. Und es wurde zu einem tiefen Moment mit Gott, nicht für mich, sondern für diesen Nächsten, den er mir zur Seite gestellt hatte.
Einige Zeit später fragte sie mich, ob ich Kinder habe. Nach meiner Antwort, dass ich ehelos in einer Gemeinschaft lebe, hörte sie sehr aufmerksam zu. Später erzählte sie mir ihre schmerzliche Arbeits-Erfahrung. Danach war das Eis gebrochen. Wir unterhielten uns intensiv. Bald darauf wurde ich entlassen und besorgte ihr vorher noch ein paar Blümchen.
Zu Hause verging kein Tag, ohne dass ich an sie dachte. Es ärgerte mich, dass ich ihren Namen nicht aufgeschrieben hatte. So sagte ich zu Jesus: „Du kennst sie und weißt, was sie braucht. Ich vertrau sie dir an; schick du ihr Menschen, die ihr Kraft und Liebe schenken.“ Wie überrascht war ich, als ich Wochen später erfuhr, dass ein älterer Herr schon seit dem Frühjahr für Frau B. betete, weil eine ihrer Arbeitskolleginnen ihm sehr bedrückt von deren schwerer Krebsdiagnose erzählt hatte. Jesus hatte längst schon an sie gedacht und ihr liebevolle Menschen zur Seite gestellt!
I.F.
Mein Kaffee war schon lange kalt.
„Besuch diese Familie!“ Stark spürte ich diesen Impuls. Sie waren vor einigen Monaten aus Syrien gekommen, gezeichnet von den Leiden der vergangenen Jahre. Also fuhr ich hin.
Voller Freude empfingen sie mich, mit großer Gastfreundschaft in ihren ärmlichen Verhältnissen. „Wir haben Freunde in Syrien,“ erzählten sie mir. „Sie mussten innerhalb des Landes fliehen. Ihre Töchter waren der rohen Gewalt randalierender Soldaten ausgesetzt. Nun leben sie als Christen verborgen in einem Dorf – unerkannt.“
Tag für Tag standen beide Familien in Kontakt – über WhatsApp. „Können Sie uns nicht helfen“, beschworen sie mich, „diese Menschen hier nach Deutschland zu holen? Es ist so schwer für uns alle! Wir sitzen hier im Warmen. Und wenn wir still werden, denken wir nur an unsere Freunde, die so bedroht sind und denen wir so wenig helfen können!”
Tränen standen uns allen in den Augen. Auch ich konnte nur wenig dafür tun, dass diese Flüchtlinge ihre Freunde wieder in die Arme schließen konnten. Aber ich konnte bleiben, mit ihnen, unter dem Kreuz dieses unendlichen Schmerzes der Flüchtlinge in meiner Stadt. Und so blieb ich.
Ich ging erst, als mein Kaffee schon lange kalt war. Und als wir einander in all dem Leid – von Herz zu Herz – begegnet waren.
M.W.
(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, Dezember 2015)
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