Angreifbare Medien

Offener Brief an Giovanni di Lorenzo, „ Die Zeit“-Chefredakteur

Sehr geehrter Giovanni di Lorenzo,

höchste Zeit, dass sich „Medienmacher“ selbstkritisch zeigen! Redakteure, die hart mit Politikern, Unternehmen und Institutionen ins Gericht gehen, sich selbst aber für unangreifbar halten, sind unglaubwürdig. Ich erlebe, dass Kollegen durchaus ihre Arbeit und die ihrer Zunft hinterfragen, Fehlverhalten anprangern, sich distanzieren. Nur bleibt die kritische Reflexion oft in den eigenen Reihen und wird nicht Teil der öffentlichen Debatte. Anders Ihre Dresdner Rede Ende Februar, in der Sie eine Reihe von Problemen des heutigen Journalismus deutlich zur Sprache bringen. Ihre Analyse und Einordnung spricht mir aus dem Herzen!

Es stimmt: Wir können für den hohen Grad an Pressefreiheit und Medienvielfalt dankbar sein. Im internationalen Vergleich kann sich der Journalismus im deutschsprachigen Raum sehen lassen. Dennoch liegt vieles im Argen: Das wachsende Misstrauen gegenüber Journalisten ist alarmierend!

Die zunehmende Skandalisierung ist eine der Fehlentwicklungen, die Sie benennen. Sensationslust und immer knappere Halbwertzeiten von Nachrichten haben zu einem Schwarz-Weiß-Denken in den Medien geführt, das ein Teil der Leser und Zuschauer übernommen hat: Die Geister, die der Erregungsjournalismus rief, wenden sich gegen ihn selbst.

Ja, es gibt in der Medienlandschaft eine Tendenz zum Gleichklang, wenn er auch nicht „von oben“ diktiert wird. Wie kann es dazu kommen? Die Redakteure informieren sich aus gleichen Quellen, recherchieren zu wenig nach, orientieren sich zu leicht an der Konkurrenz, sind nicht immer so objektiv oder distanziert, wie sie vorgeben. Ihre Haltungen ähneln sich, weil sie oft eine ähnliche Sozialisation hinter sich haben. Nicht zu vergessen der wirtschaftliche Erfolgsdruck, unter dem die Branche steht.

Sie sagen: Wir wollen unsere Leser nicht indoktrinieren, sondern ihnen das Material liefern, mit dem sie sich eine eigene Meinung bilden können. Einverstanden. Was aber, wenn sie dazu gar nicht mehr in der Lage sind? Was wird aus Kindern, deren Eltern kaum noch mit ihnen sprechen, geschweige denn sie zum Lesen und Denken animieren? Medien spielen heute eine so zentrale Rolle, dass schon in der Schule viel mehr Handwerkszeug zu ihrer kritischen Nutzung vermittelt werden müsste!

Das Problem ist komplexer, als dass es die Journaille allein lösen könnte. Unbestritten, dass sie sich auch selbst an die Nase fassen muss. Mir gefallen die Anregungen an die Redaktionen in Ihrer Rede, mehr für Medienaufklärung und Transparenz zu tun und wieder stärker auf die Trennung von Information und Meinung Wert zu legen. Bemerkenswert der Vorschlag, die persönliche Begegnung mit medienskeptischen Bürgern zu suchen! Beeindruckend das Beispiel eines MDR-Chefreporters, der Pegida-Demonstranten eingeladen hat, ihn einen Tag lang bei seiner Arbeit zu begleiten.

Das Misstrauen zu überwinden, wird gehörige Anstrengungen kosten! Ihre Rede ist ein wertvoller Beitrag dazu. Auch andere Journalisten sind nachdenklich geworden und entschuldigen sich in letzter Zeit öffentlich für Fehler. Damit bezeugen sie den Willen, ihre Karten offenzulegen, und legen den Grundstein, das verloren gegangene Vertrauen zurückzugewinnen.

Mit freundlichen Grüßen,

Clemens Behr
Redaktion NEUE STADT

Unser offener Brief wendet sich an Giovanni di Lorenzo, 57, der seit 2004 die Redaktion der deutschen Wochenzeitung „Die Zeit“ leitet. Am 28. Februar hielt er im Dresdner Schauspielhaus eine Rede unter dem Titel: „Alles Lüge? Warum Deutschlands Medien so stark – und manchmal doch so angreifbar sind.”

www.zeit.de/kultur/2016-02/dresdner-rede-dresden-giovanni-di-lorenzo

 

(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, April 2016)
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