Leben an Brennpunkten

In vielen Krisengebieten dieser Welt leben Menschen, die der Fokolar-Bewegung verbunden sind. Wie sie den Situationen ihrer Länder begegnen, was sie beschäftigt und woraus sie Kraft schöpfen,  blitzt in Nachrichten aus einigen Brennpunkten auf, die uns in den vergangenen Wochen erreichten.

Gabun: Bündnis der Friedensstifter
Nach den Präsidentschaftswahlen am 27. August kam es im zentralafrikanischen Gabun zu Ausschreitungen; das Parlamentsgebäude wurde in Brand gesetzt; mehrere Menschen starben. Die Opposition fordert eine Neuauszählung der Stimmen und stellt die hauchdünne Wiederwahl des bisherigen Präsidenten Ali Bongo Ondimba infrage. Gabun zählt aufgrund großer Ölvorkommen zu den wirtschaftlich stärksten Ländern Afrikas. Dennoch lebt ein Drittel der Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze, jeder Fünfte ist arbeitslos. Knapp die Hälfte der etwa zwei Millionen Einwohner lebt in der Hauptstadt Libreville an der Atlantikküste. Sie gehören 40 verschiedenen Volksgruppen an, sind Christen, Muslime oder Gläubige der Naturreligionen.

Die Gemeinschaft der Fokolar-Bewegung in Libreville schreibt: „Danke, dass ihr uns im Herzen habt. Leider ist es wahr, dass unser Land nach den Wahlen eine Zeit der Gewalt erlebt. Es gibt große Spannungen und der Bevölkerung wurde geraten, sich Wasser- und Lebensmittelvorräte anzulegen und die Häuser nicht zu verlassen. Es fanden bereits Überfälle auf Supermärkte statt. Die Regierung überwacht die Medien und wir können täglich nur für kurze Zeit das Internet nutzen. Die sozialen Netzwerke wie Facebook, Whatsapp … wurden komplett abgeblockt. Überall sieht man Militär auf den Straßen. Wir warten noch auf die Ergebnisse der Untersuchungen des Verfassungsgerichts. Danach könnten neue Unruhen ausbrechen. Die Menschen fürchten um die Zukunft des Landes.

Wir brauchen das Gebet. Unter uns hier haben wir uns verbündet: Wir wollen Friedensstifter sein und uns, dort wo jeder im Alltag lebt, für Einheit und Dialog mit allen einsetzen. Jetzt ist es mehr denn je notwendig, so zu leben!“

Syrien: Auftanken
Anfang August kamen 65 Jugendliche aus Aleppo, Homs, Kafarbo, Benyas, Tartous und Damaskus zu einem „Training der Barmherzigkeit“ zusammen. Sie suchten dabei nach „handfester Unterstützung“ für die täglichen Herausforderungen.Ich habe gelernt, angesichts der Schwierigkeiten nicht zu verzweifeln“, erzählt einer der Jugendlichen nach den drei Tagen, die sie unter Anleitung einer libanesischen Ordensfrau und Sozialwissenschaftlerin verbracht hatten.

Erstmals seit Beginn des Bürgerkrieges vor fünf Jahren konnten im Juli wieder 230 Menschen aus allen Regionen des Landes in Al Btar (in den Bergen an der Küste) zu einem Sommertreffen der Bewegung, einer Mariapoli, zusammenkommen. Der chaldäisch-katholische Bischof Antoine Audo von Aleppo bezeichnete die Begegnung als „ein wahres Himmelsgeschenk mitten in diesem Terror und dieser Gewalt“. Ein Teilnehmer kommentiert: „Wir sind abgefahren mit dem Himmel im Herzen, um ihn in die Hölle zu bringen, die uns umgibt.” Die Italienerin Maria Grazia, die erst seit einigen Monaten in der Fokolargemeinschaft von Damaskus lebt, erzählt: „Wer von außen kommt, hat den Eindruck, ein Wunder zu erleben. Manchmal fragt man sich schon, ob die Einheit nicht doch eine Utopie ist? Ob es wirklich überhaupt noch Frieden geben kann? Viele haben sehr harte Erfahrungen hinter sich; keiner weiß, was morgen sein wird; man lebt in absoluter Unsicherheit. Die gemeinsamen Tage waren wie ein Aufatmen in frischer, klarer Luft.“

Venezuela: Sich gemeinsam einsetzen
Das südamerikanische Land steckt in der größten Wirtschaftskrise seiner Geschichte. Die Bevölkerung ist tief gespalten. In diesem Kontext bemühen sich die Fokolargemeinschaften an unterschiedlichen Orten des Landes um Versöhnung und Solidarität.

In Colinas de Guacamaya (Valencia) haben sie sich intensiv mit der sozialen, wirtschaftlichen und politischen Lage auseinandergesetzt und erkannt, „dass für uns nur eines notwendig ist: die gegenseitige Liebe, die das Evangelium lehrt, angefangen bei den kleinen Gesten des Alltags.“ So wird Laura eines Tages von einer Frau angesprochen. Sie war besorgt, weil sie ihr Medikament gegen Bluthochdruck nicht mehr auftreiben konnte. Laura hingegen hatte über einen Bekannten im Ausland ihre Medikamente bekommen, und, ohne lange zu überlegen, holte Laura eine halbe Packung aus ihrer Tasche und gab sie der Frau. „Es scheinen unbedeutende Dinge, und doch kommt es hier derzeit vor, dass jemand einen anderen tötet, weil der ihm eine Mango gestohlen hat!“

Betty und Orlando haben vier Kinder und sind nach Junquito in der Nähe von Caracas gezogen: „Dort haben wir mit anderen zusammen eine sogenannte ‚soziale Pastoral’ begonnen. Wir kümmern uns darum, Familien aus der Pfarrei mit Kleidung, Nahrung und Wohnraum zu versorgen; also ganz konkret anzupacken und die Liebe des Evangeliums ‚anfassbar’ zu machen. Auch, als wir zusammen mit dem Gemeinderat ein Häuschen für einen alten Herrn gebaut haben, der vorher unter völlig unwürdigen Umständen leben musste.“

In Caracas haben sich 75 Personen, die sich in Gesellschaft und Politik engagieren wollen, darunter eine Reihe junger Leute, zu einem Austausch getroffen: „Wir spüren, dass die Gleichheit unter allen das zentrale Anliegen sein muss und wie wichtig es ist, sich gemeinsam für das Gemeinwohl einzusetzen.“ So leben an einem Ort drei Mitglieder eines Gemeinderates aus der Spiritualität der Einheit, einer gehört zur Regierungspartei, zwei zur Opposition. „Sie respektieren und unterstützen sich und geben damit für alle ein starkes Zeugnis, dass es auch anders gehen kann.“

Elfenbeinküste: „Tage der Barmherzigkeit“
Bischof Gaspard Béby Gnéba von Man hatte die „Tage der Barmherzigkeit und der Geschwisterlichkeit unter den Völkern” angeregt und die Angehörigen der Fokolar-Bewegung gebeten, sie zu organisieren. Das dreitägige „Event der Geschwisterlichkeit“ gab der Stadt ein neues Gesicht, berichten diese danach. Schon die Vorbereitung hatte Begegnungen zwischen Menschen unterschiedlicher Gruppierungen ermöglicht.

An einem Nachmittag haben dann 15 Stammesführer und 18 Imame aus 33 Stadtvierteln teilgenommen: Wie geht man mit Konflikten um, wie übt man politische Macht aus? Diese Fragen wurden aus dem Blickwinkel der Spiritualität der Einheit und mit konkreten Erfahrungen beleuchtet; das löste eine lebhafte Diskussion aus.

Ein Konzert mit Künstlern aus verschiedenen Ethnien und ein Friedensmarsch, bei dem Christen und Muslime sieben Kilometer gemeinsam durch die Stadt zogen, waren für viele starke Zeichen der Hoffnung. Danach besuchten die Teilnehmer 32 Familien in fast allen Stadtvierteln, um ihnen Geschenke zu bringen: „Die Leute waren tief gerührt, vor allem darüber, dass man die Gaben überbrachte, ohne eine Gegengabe zu erwarten, wie es leider von Seiten der Politik viel zu oft passiert, denn es ist üblich, Stimmen zu kaufen.“

Uganda: Das Land wieder aufbauen
Gulu in Nord-Uganda ist nach der Hauptstadt Kampala die zweitgrößte Stadt des Landes. Aus beruflichen Gründen oder zum Studium ziehen viele dorthin, auch Gloria Mukambonera. Sie arbeitet im Bereich der Informatik. Als sie 2013 ankam, war sie auf der Suche nach Menschen, die wie sie aus dem Evangelium leben und zum Frieden beitragen wollten. So kam sie in Kontakt mit der dortigen Fokolargemeinschaft. „Bei ihnen habe ich eine echte Familie gefunden“, erzählt sie, „in der man Freuden und Leiden miteinander teilt. Wir suchen – jeder nach seinen Möglichkeiten – auch die Gütergemeinschaft zu leben: Unser Vorbild sind die Christen der Urgemeinde. So können wir Notleidenden helfen und für die Kranken sorgen. Wir lernen, auf die Nöte unserer Mitmenschen zu achten. Und das sind viele, denn die Nachwehen des Krieges in unserem Land sind noch deutlich spürbar. Es gibt noch vieles aufzubauen.“

Ibanda liegt im Westen Ugandas. Auch dort gibt es eine Gemeinschaft, die aus der Spiritualität der Einheit lebt. „Tag um Tag das Wort des Lebens in die Praxis umzusetzen, hat die Beziehungen unter uns verändert und auch unsere Einstellungen und unser Handeln“, erzählt Sara Matziko. Das Schriftwort „Alles, was ihr also von anderen erwartet, das tut auch ihnen!“ (Matthäus 7,12) war für die kleine Gruppe dann der Anstoß, Gefängnisinsassen zu besuchen. Allmählich entstanden freundschaftliche Beziehung. Dabei lernten sie einen Jugendlichen kennen, der nach seiner Strafe unbedingt die Schule beenden wollte. „Wir haben alles daran gesetzt, ihm das zu ermöglichen. Inzwischen hat er es geschafft und findet wieder einen Platz in der Gesellschaft.“
Gabi Ballweg

(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, Oktober 2016)
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