Unsere Wünsche sind unterschiedlich.

Erfahrungsberichte: Leben nach dem Wort 

Unsere Wünsche sind unterschiedlich

Das Wort des Lebens vom Oktober hat mich und einen Freund auch bei unserem zweiwöchigen Urlaub auf Teneriffa begleitet: „Vergib deinem Nächsten das Unrecht, …“ (Sirach 28,2). Wenngleich wir beide schon viele Male miteinander unterwegs waren, sind unsere Interessen und Wünsche doch ziemlich verschieden. Deshalb gab es auch diesmal wieder so manche Meinungsverschiedenheit und gelegentliche gegenseitige Verletzungen. Doch der Aufforderung zur Vergebung folgend, haben wir uns immer wieder sofort beieinander entschuldigt, spätestens aber beim Tagesabschluss. Dies ließ uns eine besondere Zeit erleben, beschenkt mit vielen wunderbaren Momenten durch die herrliche Natur, Begegnungen mit Menschen und sonderbaren glücklichen „Zufällen“, vor allem aber in der Gewissheit, dass Gott mit dabei ist.
H.E.

Auf der Flucht umgekommen

Seit Jahren lebte sie in unserem Land, hatte – als Flüchtling – die deutsche Sprache gut gelernt und sich liebevoll als alleinerziehende Mutter um ihre Kinder gekümmert. Dann erhielt sie eine Botschaft, die ihr Leben neu aufwühlte: Ihre Mutter und ihre Schwester waren auf der Flucht im Mittelmeer umgekommen. Ihr Bruder hatte überlebt und überbrachte die Botschaft. Sie flog nach Griechenland und suchte auf kleinen Inseln Strände ab, in der Hoffnung ihre Lieben zu finden – vergeblich. Immer wieder teilte sie mit uns ihre hoffnungslose Situation, war froh über jeden Kontakt, der sie nicht verzweifeln ließ. Viel mehr als da sein, zuhören, mitleiden konnten wir nicht tun.
Monate später bohrten Fragen in ihr. „Gibt es Gott? Wer ist er, dass er so schwere Lebenssituationen zulässt?“ Später, in einem vertrauensvollen Gespräch, erzählt sie uns: „Aber wenn ich euch alle hier erlebe, wenn ich sehe, was ihr für andere macht und wie ihr euch einsetzt, spüre ich, dass da etwas ist, was mich tief anspricht und anzieht. Ich möchte das noch viel tiefer erleben und kennenlernen!”
M.W.

Im Abteil saß nur eine Frau.

An dem Morgen hatte ich mir extra einen ruhigen Platz im Zug gesucht. Auf der Fahrt wollte ich einen schönen Text lesen, ihn meditieren und mich auf den Tag einstimmen.
Im Abteil saß nur eine Frau. Auf meinem Smartphone begann ich den Text zu lesen, den ich vorher abgespeichert hatte. Sofort fragte mich die Mitfahrerin: „Brauchen Sie das Telefon?“ Überrascht über die Frage, versuchte ich den tieferen Sinn zu verstehen und fragte: „Wollen Sie jemand anrufen?“ – „Nein“, antwortete sie und wiederholte die Frage. So antwortete ich einfach: „Ja. Ich lese etwas.“ Sie sagte mir, dass die Strahlung sie störe und schädlich für das Gehirn sei.
„Na ja“, dachte ich zunächst, „das meint sie. Aber für mich ist das nicht so und sie kann sich ja auch einen anderen Platz suchen.“ Aber ich wusste, dass es schwierig wäre, ein Abteil zu finden, in dem keine Handys an waren. Außerdem kam mir das Wort, das ich mir zuhause noch schnell vorgenommen hatte: vergeben. So schaltete ich mein Handy aus, lächelte die Frau an und sagte ihr, dass ich etwas anderes lesen würde. Sie zog sofort einen Apparat aus der Tasche, um die Strahlung zu messen. Dann bestätigte sie die Kontrolle mit einem einfachen Danke.
Beeindruckt von so viel Vorsicht, vertiefte ich mich in einen schwierigen wissenschaftlichen Text. Als wir dann an derselben Station ausstiegen, verabschiedete sich die Frau so strahlend von mir, dass es mich tief berührte. Mir schoss ein Gedanke in den Kopf: „Ich wollte über Jesus meditieren und stattdessen kam er mir direkt entgegen. Merk dir: Eines ist es, über ihn zu lesen, etwas ganz anderes, das zu leben, was er sagt.“
I.C.

(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, Januar/Februar 2017)
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