Wie ein Lüftchen, das irgendwo weht.

Hinhören, sich aufeinander einlassen, einen gemeinsamen Klangraum eröffnen: Das sind für die Chorleiterin Judith Hamberger aus Linz nicht nur musikalische Erfahrungen.

Chorleiterin ist Judith Hamberger eigentlich nur „durch Zufall“ geworden, wie sie lachend sagt. Trotzdem brennt sie förmlich, wenn sie davon erzählt. Vor vier Jahren – sie hatte gerade eine Chorleitungsausbildung beim Landesmusikschulwerk abgeschlossen und sang nun wieder „einfach so im Chor mit“ – ging der Chorleiter ihres Kirchenchores nach Bozen und übernahm dort die Domkapellmeisterstelle. „Und alle sagten: Wir wollen aber weitersingen, übernimm du doch!“ Sie selbst hatte sich eigentlich nicht in dieser Rolle gesehen – „und ich hab dann schon Bauchweh gehabt, nach so einem exzellenten Chorleiter weiterzuarbeiten“, gesteht sie. Fast staunt sie, wie gut es dann doch funktioniert hat. „Nach und nach kamen immer mehr Leute dazu – auch unterschiedlicher Überzeugungen und nicht alle religiös verwurzelt“, erzählt die Linzerin. „Irgendwie hat es denen, die da waren, wohl gefallen. So ist ein buntes Volk zusammengekommen.“

Judith Hamberger. – Fotos: (c) Ursel Haaf

Ursprünglich als Kirchenchor in einer Pfarre entstanden, hat sich der Chor dann aber durch verschiedene Umstände ein neues Zuhause gesucht – „in einem Krankenhaus hier in Linz, bei den Elisabethinen, hat sich das dann gut ergeben.“ Inzwischen gestalten sie dort im Lauf des Jahres verschiedene Liturgiefeiern mit und haben sich auch schon zweimal an der „langen Nacht der Kirchen“ beteiligt. „Das letzte Mal sogar mit einem Gesamt-Kunstprojekt – mit einem Schauspieler als Sprecher, Instrumentalsolisten und einer Tänzerin.“
Judith Hamberger fasziniert die Arbeit mit den Stimmen – und mit den Menschen! „Der Chor soll offen sein für jeden, und jeder soll sich wohlfühlen können“, unterstreicht sie ihr Anliegen. „Und auch wenn wir kein Profichor sind, möchten wir doch eine gewisse Qualität liefern.“ Weil der Chorleiterin der persönliche Kontakt ein Herzensanliegen ist, hörte sie nach und nach viele Anliegen heraus: „Die einen sagten: ‚Ja, das taugt mir, aber ich will mich nicht verpflichten.’ Die anderen wollten nicht immer nur Messen singen und sind an den Feiertagen ohnehin unterwegs. Wieder andere wollten einfach nur zu einer Gemeinschaft dazu gehören. Und die Oberin im Krankenhaus wollte so gern, dass auch ihre Schwestern ab und zu ihre Stimme schulen.“

Hinhören, Mitgehen, Raum geben, Aushalten

All das trieb die gelernte Restauratorin für Gemälde und Fresken um. Nach ihrer Heirat hatte sie sich entschieden, bei den Kindern zuhause zu bleiben. Die Mutter von drei Töchtern (20, 18, 13) ist sich bewusst, dass jede Frau und jede Familie da ihren eigenen Weg finden muss, aber sie selbst hat es nie bereut, damit auch eine eigene Karriere aufgegeben zu haben. „Zurückblickend denke ich, dass man durch die vielen Jahre mit den Kindern auch durch eine Schule geht: das Hinhören, Mitgehen, ihnen den Raum geben, es auch aushalten, bis etwas gereift ist. Das ist nicht immer einfach. Aber es zahlt sich aus!“ So hatte sie sich dann in der Sommerpause des Chores auch gefragt, wie sie mit den unterschiedlichen Anfragen umgehen könnte. Nach und nach kamen ihr zwei Ideen: „Zum einen ein ‚offenes Singen’. Einmal im Monat kann da jeder kommen, der will. Es sind abgeschlossene Einheiten. Und es eignet sich vor allem für diejenigen, die sich nicht fest binden wollen mit Proben und Aufführungen. Oder für diejenigen, die merken, sie schaffen es nicht mehr, ganz mitzuhalten, aber die Chorgemeinschaft nicht ganz missen möchten.“ Schon zu den ersten Abenden kamen 20 bis 30 Personen, auch ganz neue. Fast ein wenig „schräg“ sei die bunte Mischung gewesen, beschreibt die Chorleiterin lachend. Egal wie viele kommen, ihr liegt daran, dass keiner sich als Nummer, sondern jeder sich als Mensch wahrgenommen fühlt. Nicht selten bekommt sie das zurückgespiegelt: „Einmal schrieb mir jemand nach einer ersten Probe: ‚Noch nie bin ich in einer Gruppe so herzlich willkommen geheißen worden!’“

Ihrer zweiten Sommerpausen-Idee gab Judith Hamberger den Titel „Klangauszeit – Innehalten im Hören“: „Damit können wir die Musik, den Gesang in den öffentlichen Raum tragen, quasi als Klanggeschenke.“ Einmal im Monat singt der Chor dazu an unterschiedlichen Orten im Krankenhaus. Das erste Mal auf der Akutgeriatrie kam das auch schon sehr gut an. Beim zweiten Mal sollte es dann auf die Palliativstation gehen. „Im Grunde geht es ja immer neu darum, zu verstehen, was in dem Umfeld, in dem wir uns bewegen, ein Geschenk sein kann“, erklärt die Chorleiterin. „Kunst will ja immer etwas im Inneren der Menschen anrühren, sie in Verbindung bringen mit ihrer Seele, mit dem Unsterblichen …“ Das gemeinsame Hinspüren, was angebracht sein könnte, war der Chorleiterin ein großes Anliegen. „Und da gingen die Meinungen im Chor schon sehr weit auseinander. Ich hab mir immer gedacht, jede Meinung hat ihren Wert, und wollte allem nachgehen, nicht autoritär bestimmen.“ Den Gesprächen im Chor folgten die mit dem Primar der Station. „In letzter Minute haben wir daraufhin noch ein Stück gestrichen und ein neues aufgenommen und geprobt.“

Ein Moment zwischen Himmel und Erde, wo sich ein Stück Ewigkeit ausbreitet.

Als sie dann zur „Klangauszeit“ auf die Station kamen, erfuhren sie, dass wenige Minuten zuvor überraschend ein Patient gestorben war. „Ich dachte mir, da musst du dich jetzt vor Gott stellen“, erzählt Judith Hamberger mit großer Selbstverständlichkeit. „Wir gehen sofort, wenn es nicht passt“, bot sie der Stationsschwester trotz aller nicht ganz mühelosen Vorbereitungen an. Nach einem kurzen Gespräch mit den Angehörigen wollten die aber, dass der Chor singt. „Das war stark! Die Chorsänger waren emotional so berührt und das hat einen so besonderen Klang ergeben – durch die geöffneten Zimmertüren kam der praktisch überall hin.“ Fast andächtig beschreibt die engagierte Chorleiterin das. Und offensichtlich haben auch andere es so empfunden. Von vielen Seiten kamen Rückmeldungen an, die ihr zeigten: „Diese Klangauszeit ist nichts, was polternd auftritt, mit Macht. Sondern es ist eine Initiative, die sich langsam ihren Weg bahnt, wie ein Lüftchen, das irgendwo weht.“ Sie empfand das auch als Bestätigung für den gegangenen Weg: „Offene Fragen aufnehmen, alle ernstnehmen, es gemeinsam beleuchten und einen ersten Schritt tun, auch die Spannungen aushalten, wenn man noch nicht am Punkt ist, zu wissen … Und dann erleben, dass etwas Wunderbares, Großes herauskommt, fast so ein Moment zwischen Himmel und Erde, wo sich ein Stück Ewigkeit ausbreitet und man sich selbst als Teil davon erfährt!“

Trotz allen Engagements ist Judith Hamberger weit davon entfernt, sich das Ergebnis auf die eigene Fahne zu schreiben. Zu sehr ist sie in einer persönlichen Beziehung mit Gott verankert. „Darüber rede ich nicht viel. Aber ich suche schon geistliche Chorliteratur heraus, eher neuere von englischen und amerikanischen Komponisten. Und ich geh dann vom Text aus, versuche ihn zu erklären, ihn auch denjenigen zu erschließen, die eigentlich keinen Zugang dazu haben. Das ist für mich auch ein Weg, Leben zu teilen! Dann bahnt sich oft der göttliche Funke seinen Weg zum Gegenüber“, ist sie überzeugt.
Gabi Ballweg

(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, Januar/Februar 2017)
Ihre Meinung interessiert uns, schreiben Sie uns! Anschrift und E-Mail finden Sie unter Kontakt