„Rausfinden, wo mein Platz ist.“

Nach mehreren Jahren im Ausland muss Roswitha Oberfeld wieder neu Fuß fassen. Bis sich die Bewegungs- und Tanzpädagogin beruflich etabliert hat, geht sie mehreren Tätigkeiten nach. Dabei immer alles unter einen Hut zu bringen und die Ruhe nicht zu verlieren, ist wie eine Schule für sie.

Ausdrucksstark und voller Energie, lebhaft und optimistisch – so wirkt die Bewegungs- und Tanzpädagogin Roswitha Oberfeld. Und Energie braucht die gebürtige Schweizerin nicht nur auf der Bühne im Rampenlicht. Nach vierzehn „intensiven und wunderschönen“ Jahren in Argentinien lebt sie nun seit fünf Jahren in Österreich. Und obwohl der Vater aus Klagenfurt stammt, empfindet sie es als „völlig anders in einem Land zu wohnen, statt dort nur Urlaub zu machen.“ Nach der Zeit in Südamerika muss die fast 50-Jährige nun erst wieder Fuß fassen. „Als ich nach Argentinien ging, hat man noch kaum mit Computern gearbeitet. Dort hatten wir nicht das Geld für die neuesten Modelle, und für die Choreografien und Tanzstunden habe ich mit dem Kassettenrekorder gearbeitet, später mit CDs. Hier läuft alles längst mit dem MP3-Player.“ So beschreibt sie nur einige der vielen Änderungen, vor die sie sich bei ihrer Rückkehr nach Europa gestellt sah.
Auch beruflich ist der Neustart in Wien nach den Jahren in einer anderen Kultur nun nicht leicht: „Du kennst ja keinen, musst erst Beziehungen knüpfen.“ Deshalb versucht sie es auf mehreren Schienen: mit eigenen Angeboten, Vertretungen an der Musikschule Wien, beim Kinderturnen, in Projekten mit Flüchtlingen. Außerdem arbeitet sie einige Stunden im dialog.hotel.wien, „fachfremd“, vor allem im Bereich Marketing, um neue Pauschalangebote zu lancieren. Dabei kommt ihr ihre offene Art entgegen. „Vieles ergibt sich aus Kontakten, die man knüpft und pflegt.“ Obendrein hat sie noch eine weitere – „lustige“ – Arbeit: „Ich betreue ein Haus, in dem mehrere Parteien wohnen, für jemand, der im Ausland lebt.“

Roswitha Oberfeld – Foto: privat

Mit den vielen und so unterschiedlichen Tätigkeiten sind vor allem organisatorische Herausforderungen verbunden: Alles zeitlich – „und auch in mir“ – auf die Reihe zu bringen. „Wenn dann noch  Unvorhergesehenes dazu kommt … “ Auch wenn Roswitha Oberfeld den Satz nicht zu Ende bringt, ahnt man, dass ihr zu diesem Thema viel einfällt. Und tatsächlich setzt sie auch gleich nach: „Da ist dann plötzlich der Kessel in dem Wohnhaus, das ich betreue, kaputt. Die Heizung funktioniert nicht. Dann“, sie holt tief Luft und schließt lachend: „dann wird das interessant!“
Die „Hausverwalterin“ wird mit Anrufen bombardiert. „Die Mansardenwohnung ist kalt. Deshalb muss etwas getan werden. Das hat eindeutig Vorrang und da müssen die anderen auch zurückstecken.“ Andere Male fällt es ihr nicht so leicht, die Prioritäten zu erkennen. „Wenn es um Missverständnisse und Spannungen zwischen Bewohnern geht.“ Auch dafür soll sie dann zuständig sein. „Da ruft der an und der, auch wenn ich gerade beim Mittagessen bin. Die Mailbox ist fast voll.“ Ein Gefühl von Bedrängnis kann die sensible Frau da nicht ganz abschütteln. Und ernst nehmen will sie ihre Aufgabe ja auch. „Trotzdem lese ich jetzt um halb elf abends keine Mails mehr. Wenn es ganz was Wichtiges ist, sollen sie mir eine SMS schreiben. Und dann muss ich immer noch abwägen: Kann das bis morgen warten?“
Roswitha Oberfeld springt gern ein; für andere da sein ist ihr ein Anliegen – auch weil sie das als Grundauftrag ihres Christseins versteht. Ganz oft hat sie damit sehr positive Erfahrungen gemacht, viel Bestätigung erfahren, eine tiefe innere Freude erlebt, oft auch genau in den Momenten, wenn sie über ihre eigenen Grenzen hinausging. Das will sie auch nicht über Bord werfen. „Aber jetzt merke ich, dass ich unterscheiden lernen muss: Ist das dringend, weil der andere jetzt eine Idee hatte und mir das sofort sagen möchte – oder kann das auch noch warten?“

Dringlichkeiten herausfinden und einordnen fordert die Tanzpädagogin heraus. Da hilft es ihr, Gedanken, Aufgaben und Ideen aufzuschreiben, um sich nicht treiben zu lassen, aber auch nichts zu übersehen: „Wenn ich weiß, dass ich dann Zeit habe, gibt mir das auch die nötige Ruhe.“ Sonst fühlt sie sich immer innerlich zerrissen und gehetzt. Fixe Office-Zeiten, in denen sie keinen Termin einplant und dann Dinge angehen kann, sind das eine.
Daneben ist ihr genauso wichtig, sich Zeiten einzuplanen, in denen sie ihre Beziehung zu Gott pflegen kann. „Das hilft mir, Dinge abzugeben, ihn in mein Leben einzubeziehen und auch einfach ruhig zu werden.“ Danach fällt es ihr meist wieder leichter. Kürzlich hat sie dabei einen Gedanken des verstorbenen Aachener Bischofs Klaus Hemmerle gelesen, der sie nun im Alltag begleitet: „Jeder Tag hat ein Kreuz, das auf uns wartet. Entweder wir holen es ab oder es holt uns ab.“ Roswitha Oberfeld weiß, dass vieles schnell erledigt wäre, wenn sie es nur anginge. „Aber oft schiebe ich es vor mir her oder drücke mich drum rum wie um eine zu heiße Suppe.“ Häufig sieht sie sich nun aber vor Situationen gestellt, in denen sie schnell handeln muss. „Und da ist es doch besser, ich hol mir das Kreuz ab, statt dass es dann mit Wucht auf mich fällt und ich es auffangen muss.“
So hat Roswitha Oberfeld oft das Gefühl, durch eine besondere Schule zu gehen: Unangenehme Dinge angehen, wachsam bleiben, auch lernen, zu den eigenen Grenzen zu stehen – so benennt sie einige der „Lerninhalte“. „Ich hab immer gern spontan gesagt: Das mach ich! Und klar, das geht! Aber das geht nun eben nicht mehr so einfach. Da muss ich auch anerkennen, dass ich nicht mehr 30 bin.“ Nach den Kindertanzstunden etwa, die sie gibt, fühlt sie sich „streichfähig“ – ausgelaugt – und Besprechungen sind dann „einfach nicht mehr drin“. Und durch die Arbeit im Hotel hat sie auch die Wochenenden belegt. „So muss ich mit den Kräften haushalten. Und bei anderen Anfragen gut verstehen, was dran ist und was nicht.“ So wie kürzlich. Da hatte man sie gebeten, bei der Vorbereitung eines Benefizturniers mitzuhelfen. „Aber das wäre einfach zu viel geworden.“ Ihr war es wichtig, ihrer Absage „eine Qualität zu geben“: Deshalb wollte sie nicht einfach nur eine Mail schreiben – „was vielleicht einfacher gewesen wäre“ – sondern ihre Entscheidung direkt anbringen und erklären, warum sie da im Moment nicht einsteigen konnte und auch, „dass ich das Ganze im Herzen trotzdem mittrage.“
Sie kennt aber auch Situationen, in denen sie sich aus Bequemlichkeit heraushält oder weil sie sich gebremst fühlt, „weil ich denke, dass ich mich da ja eh nicht so gut auskenne oder nicht genug Bescheid weiß, wie das hier in Österreich läuft, welche Gesetze es gibt oder welche Gepflogenheiten.“ Und bei manchem fehlt ihr tatsächlich das fachliche Wissen. „Das dann trotzdem angehen, mich Schritt für Schritt durchfragen oder auch einfach jemand um Hilfe bitten – das kostet dann schon mal Überwindung.“ Nach und nach zeigt sich dann aber oft eine Piste. „Und manches muss auch reifen, sich ergeben.“

Foto: (c) Rebecca Gross

Manchmal sieht sich die Wahlwienerin auch mit ungerechtfertigten Anforderungen oder gar Beschuldigungen konfrontiert. Wie etwa als eine Frau aus der Pfarre sie wegen der Wohnsituation eines Flüchtlings in dem von ihr verwalteten Wohnhaus massiv anging. „Im Grunde hat sie mit völlig falschen Informationen ein Urteil gefällt. Daraus hat sie mit einer solchen Vehemenz Ansprüche formuliert und auf mich eingeredet, dass es richtig bedrängend wurde.“ Nach diesem „Gespräch“ hat es eine Weile gedauert, bis Roswitha Oberfeld das für sich wieder richtig einordnen konnte. „Das ging erst, als ich mich gefragt habe: Mit welchem Recht setzt sie mir so das Messer an die Kehle?“ Sich in solchen Situationen immer wieder bewusst zu fragen, wo ihre Kompetenzen oder die der anderen sind und wo jemand eine Linie überschreitet, die nicht gerechtfertigt ist, das hilft Roswitha Oberfeld. Und meist findet sie so auch wieder ihren inneren Frieden, um zu verstehen, wie sie die einzelnen Situationen angehen kann. „Und manchmal“, so gesteht sie, „steht mir da auch meine Sensibilität im Weg. Für den Tanz brauche ich sie! Aber sonst kann sie schon manchmal ein Hindernis sein. Zu viel Emotionalität bei mir oder anderen hilft keinem Beteiligten, Lösungen zu finden.“
Beruflich ist vieles noch sehr offen. Da gibt es zwar immer wieder Hoffnungsschimmer, aber auch Rückschläge. Etwa als sie bei einer Tanzschule als Vertretung tätig war. „Da mussten immer mindestens vier kommen, damit die Stunde stattfinden konnte. Da reist du an, bereitest dich vor und dann kommen nur drei. Dann musst du wieder heim und hast am Ende nichts verdient.“ Oder als sie in einem Projekt mitmachen sollte und sogar schon mit einer anderen zusammen angefangen hatte, sich Gedanken zu machen. Dann kam plötzlich ein Mail mit einer Absage, dass es schon ein eingespieltes Team gebe und sie doch nicht dazu passen würde. „Okay, hab ich mir gedacht, Sachertorte passt nicht zu Mango!“, erzählt sie halb witzelnd. „Zuerst bist du traurig!“, gesteht sie. „Dann half es mir zu sagen: Ich muss rausfinden, wo mein Platz ist und wo ich wertgeschätzt bin, so wie ich bin – auch mit dem, was ich einbringen kann.“ Trotzdem war diese Erfahrung für Roswitha Oberfeld nicht leicht zu verdauen! Als sie sich einige Zeit danach an den Geburtstag einer der Beteiligten erinnerte, spürte sie jedoch stark den Impuls, ihr unabhängig vom Erlebten einen Gruß zu schreiben, „einfach um die Vergebung konkret werden zu lassen“. Und natürlich hat sie sich dann auch gefreut, als eine Antwort kam, in der sich die Beteiligte quasi entschuldigte. „Ich dachte mir: ‚Wer liebt, ist frei.’ und als ich einer anderen aus dem Team dann später begegnete, konnte ich die Kraft aufbringen, auf sie zuzugehen und mich mit ihr zu unterhalten, mich auch für das Projekt zu interessieren.“
„Es ist eine Schule.“ Unter diesem Titel verbucht Roswitha Oberfeld vieles. Und bei allem trägt sie „ein immer wieder neu eroberter Glaube“, dass sie in der Hand Gottes geborgen ist. Dass er mit ihr geht und sie auch auf jenen Wegstrecken begleitet, wo sich der nächste Schritt noch nicht so eindeutig zeigt. „Vor allem merke ich, dass es mir nichts bringt, vorangegangene Entscheidungen immer wieder infrage zu stellen. Ich mache mir dann stets bewusst, dass ich sie vor Gott geprüft habe, sie nicht einfach so gefällt habe. Das hilft mir sehr! Sonst würde ich doch manchmal den Boden unter den Füßen verlieren.“

www.roswitha-oberfeld.at

(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, Mai/Juni 2017)
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