Hoffnung am Horn von Afrika

Offener Brief an: Abiy Ahmed Ali 

Sehr geehrter Herr Ahmed,

Sie sind erst wenige Monate im Amt und krempeln schon Ihr Land in atemberaubendem Tempo um!

Seit dem 8. Juli herrscht offiziell Frieden mit dem Nachbarn Eritrea: Beide Seiten unterzeichneten eine entsprechende Erklärung, öffneten Botschaften, gaben Grenzstraßen frei, richteten Linienflüge ein; durch die Grenze getrennte Verwandte können nach Jahren wieder miteinander telefonieren. – Drei Jahrzehnte hatte der Unabhängigkeitskrieg bereits gedauert, als sich Eritrea 1993 von Ihrem Land abspaltete. Bei einem heftigen Grenzkrieg von 1998 bis 2000 starben 80 000 Menschen, Hunderttausende wurden vertrieben. Seither herrschte eine politische Eiszeit. – Der abrupte Wandel wird Ihnen zugeschrieben: Ihrem Einsatz, Ihrem Mut, Ihrer Hingabe. Sie treiben bewusst eine Politik der Aussöhnung voran.

Europas Regierungen verfolgen die Annäherung höchst interessiert, kommen doch eine Reihe Asylbewerber aus Eritrea – wie andere Flüchtlinge der Region über Äthiopien als Transitland. Weil es das Volk unterdrückt und sich politisch isoliert, gilt Eritrea als „Nordkorea Afrikas“. Armut, Perspektivlosigkeit und der unbefristete Militärdienst treiben viele in die Flucht.

Aussöhnung ist auf vielen Ebenen Ihr Ziel: Kurz nach dem Amtsantritt haben Sie sich bei den Bürgern für die Gräueltaten vorheriger Regierungen entschuldigt und tausend politische Gefangene freigelassen. Sie hoben den Ausnahmezustand im Land auf, sagten der Korruption den Kampf an und jetzt machen Sie sich für eine Öffnung staatlicher Betriebe stark. Sie wollen mehr Demokratie, ein Mehrparteiensystem, das den Namen verdient.

Noch einen Erfolg können Sie für sich verbuchen: Das 1991 begonnene Schisma der äthiopisch-orthodoxen Kirche ist seit Ende Juli Geschichte. Damals war Patriarch Abuna Merkurios abgesetzt worden. Nun konnte er aus dem US-Exil zurückkehren. Die Kirche wird nun mit dem seit 2012 amtierenden Abuna Mathias zwei Patriarchen haben; Exil- und heimische Synode werden zusammengelegt und alle wechselseitigen Exkommunikationen aufgehoben. Von Anfang an hatten Sie die Bedeutung der Einheit der Kirche für die Einheit des Staates unterstrichen und signalisiert, eine Heilung des Schismas voll zu unterstützen.

Im Inland haben Sie sich zudem der Aussöhnung der ethnischen Gruppen verschrieben. Da bleibt noch viel zu tun: Die ostäthiopische Region Somali macht seit Jahren durch Unruhen von sich reden; oft stecken Unabhängigkeitskämpfer dahinter. Auch der Süden des Landes leidet unter ethnischen Konflikten, vor denen allein im Juni 800 000 Menschen flohen.

Ihr Bruch mit der bisherigen autoritären Herrschaft ist beachtlich! Sie sind ein Hoffnungsträger nicht nur für Ihr Land: Das Friedensabkommen könnte dem gesamten Horn von Afrika zugutekommen! Aber wer Veränderungen so konsequent angeht, macht sich auch Feinde: Auf einer Kundgebung am 23. Juni entgingen Sie einem Anschlag; zwei Menschen starben, über 150 wurden verletzt.

„Einigkeit“ lautet Ihr Motto. Möge es sich mit Ihrem Reformkurs verwirklichen! Er verdient volle Unterstützung! Wir sind gespannt, erbitten Gottes Segen und drücken die Daumen!

Mit freundlichen Grüßen,

Clemens Behr,
Redaktion NEUE STADT

Abiy Ahmed Ali
Der 42-jährige äthiopische Politiker ist seit April Ministerpräsident und damit Regierungschef seines Landes. Sein Vater ist sunnitischer Muslim vom Volk der Oromo, seine Mutter äthiopisch-orthodoxe Christin der Amhara; er selbst gehört der protestantischen Mekane-Yesus-Kirche an.
Die „ Demokratische Bundesrepublik Äthiopien “ im Osten Afrikas hat 105 Millionen Einwohner. Sie ist mit 1,1 Millionen Quadratkilometern etwa dreimal so groß wie Deutschland.

(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, September/Oktober 2018)
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