Wer wollen wir sein?

„Du hast so dunkle Haare: Bist du wirklich Deutscher?“  Wer eine Zeit im Ausland gelebt hat, kennt solche Fragen wahrscheinlich. „Du bist ja gar nicht so…“  Klischees wie blond, ordentlich, pünktlich begegnen einem auch als Tourist. Bei mir verursachen sie ein Unbehagen, eine innere Abwehrhaltung. Ich möchte nicht auf Äußerlichkeiten oder oberflächliche Einschätzungen reduziert werden. Und dann erwische ich mich doch dabei, dass ich mich darüber ärgere, wenn eine Verabredung länger auf sich warten lässt oder wieviel Müll herumliegt.

Wer bin ich? Was ist mir wichtig? Worauf bin ich stolz? Was macht „mein Volk“ aus? Diese Fragen kommen stärker in der Fremde hoch, in der Begegnung mit der Sicht anderer. Sie wirkt wie ein Spiegel. Dann schäme ich mich dafür, wenn sich jemand aus meinem Land besserwisserisch und arrogant verhält. Dann fällt mir auf, wie verkopft, kaltherzig, abweisend manche Bemerkungen und Verhaltensweisen in anderen Kulturen wirken müssen. Das stellt mich infrage: Bin ich etwa auch so? – Ich entdecke aber auch, was Menschen anderer Länder an „unseren“ Verhaltensweisen, Charakterzügen, kulturellen Errungenschaften bewundern. Ich staune, wie sehr sie Theologen, Philosophen, Klassiker der Literatur und der Musik meiner Heimat schätzen und sie oft besser kennen als ich selbst.

Grafik: (c) elfgenpick.de

Identität hat zwiespältige Aspekte. Wir möchten als Person akzeptiert und nicht mit anderen in einen Topf geworfen werden, zugleich aber doch Teil von einer Kultur, einer Nation sein. Wir haben ein Bild von uns selbst, werden von außen aber oft anders wahrgenommen und eingeschätzt.
Identität hat viele Facetten. Im Urlaub war ich bei einer vietnamesischen Familie zu Gast, die seit über zwanzig Jahren in Norwegen lebt. Sie ist beruflich und sozial integriert, fühlt sich als Teil der norwegischen Gesellschaft. Genauso gehört sie zur vietnamesischen Kommunität. Eltern und Kinder sprechen zu Hause beide Sprachen, bewahren vietnamesische Traditionen. Auch ihr Christsein, ihre schier grenzenlose Gastfreundschaft, ihre Offenheit machen sie aus, gehören zu ihrer Identität.
Identität scheint sich also zusammenzusetzen aus Elementen, die wir in die Wiege gelegt bekommen, die sich im Laufe unseres Lebens entwickeln, und aus Dingen, für die wir uns entschieden haben. Wofür entscheiden wir uns heute? Wer wollen wir sein? Und: Lassen wir die anderen so sein, wie sie sind? Oder müssen sie erst werden wie wir, um nicht ausgegrenzt oder zumindest ernst genommen zu werden? Ich jedenfalls fühle mich dort frei und unbeschwert, wo ich einfach sein darf, wie ich bin.
Herzlichst, Ihr

Clemens Behr

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(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, September/Oktober 2018)
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