Dialog des Gewissens

Themen mit Konfliktpotenzial gibt es mehr als genug. Gegensätzliche Meinungen und Einschätzungen führen allzu oft zu Spannungen – auch unter eigentlich Gleichgesinnten. Wie damit umgehen?

Bei einer Begegnung im Juli traf ich Palco Tóth aus Ungarn. Der Kommunikationswissenschaftler erzählte, dass es in seinem Heimatland auch unter den Angehörigen der Fokolar-Bewegung unterschiedliche Meinungen zur Flüchtlingspolitik gibt. „Ich habe einige Male zum Ausdruck gebracht“, so Tóth, „dass ich in diesem Punkt nicht mit der Linie der Regierung einverstanden bin. Deshalb gelte ich als verkappter Liberaler, der die christlichen Werte aufs Spiel setzt.“ Die politische Lage hat auch innerhalb der Gemeinschaft zu Spannungen geführt. Weil das so ist, spricht man – so Tóth – über bestimmte Themen nicht mehr; schließlich möchte man nicht Gefahr laufen, dass die Diskussion eskaliert, man einander verletzt oder in eine unlösbare Situation kommt.
Tóth führte nicht weiter aus, wie sich das in Gesellschaft und Kirche darstellt. Er erzählte jedoch, dass einige seiner Freunde sich nicht mit dieser schmerzlichen Situation abfinden wollten: „Wir sind doch die, die sich das Miteinander, die gegenseitige Achtung und den Respekt auf die Fahnen geschrieben haben, und schaffen es nicht einmal, mit einer solchen Situation umzugehen und unter uns im Gespräch zu bleiben?“ Die Situation war verfahren: „Einfach an die gegenseitige Liebe zu appellieren oder auf die goldene Regel 1 zu pochen, war nicht möglich. Wir mussten zu einem offenen und respektvollen Dialog finden.“ Nach vielen Überlegungen haben sie zu „einem Dialog des Gewissens“ eingeladen. Ein Prozess, so Tóth, der sich über mehr als ein Jahr hingezogen hat – und noch nicht zu Ende ist. Es ging im Prinzip darum, dass jeder sich zunächst noch einmal bewusst wird, wie und auf welcher Basis er zu seiner Meinung gekommen ist. Und diese Abwägungen mitteilte. Die anderen hörten zu, stellten höchstens Verständnisfragen und hielten aus, wenn die Person da noch nicht oder nur stammelnd antworten konnte; versuchten die Begründung erst einmal „nur“ aufzunehmen und nachzuvollziehen, nicht zu kommentieren oder gar zu bewerten. „Es ging darum, einander wieder neu als Menschen wahrzunehmen, die ehrlich und ernsthaft um die Wahrheit ringen.“
Ich gestehe, dass ich im ersten Moment dachte: „Na, was ist denn daran außergewöhnlich? Ist nicht echter Dialog genauso?“ Nach meinem Verständnis bringt da jeder ein, von was er überzeugt ist. Was ist da der Unterschied zum „Dialog des Gewissens“? Aber: Es hat mir keine Ruhe gelassen. Und ich stellte fest: Theorie ist das eine. Praxis das andere. Auch im Dialog. Und so haben die ungarischen Freunde mir mehrere Lektionen erteilt.

Illustration: (c) elfgenpick.de

Konfliktscheu?
Denn wer kennt das nicht: Dass man konfliktträchtigen Situationen aus dem Weg geht? Noch dazu wenn man sich einem Lebensstil der Gemeinschaft und des Dialogs verschrieben hat. Jede Spannung in Beziehungen ist da besonders schmerzlich. Manchmal kaschiert man das noch mit guter Absicht, weil man doch „versucht, Rücksicht zu nehmen“. Das wird sich schon wieder einrenken, denkt man. Aber die Erfahrung lehrt, dass nicht angegangene oder unter den Teppich gekehrte Spannungen sich zu großen Konflikten auswachsen können. Und es gibt fast nichts Schlimmeres, als festzustellen, dass eine Beziehung in die Brüche ging, weil man die Vorzeichen nicht aufgenommen und angesprochen hat. Schon allein, dass die ungarischen Freunde sich ihrer spannungsreichen Situation gestellt haben, verdient Respekt.
Und dann fielen mir Situationen ein, wo es um „heiße“, kontroverse Themen ging, mit Menschen, die mir nahestehen, von denen ich – oft unbewusst – ganz selbstverständlich denke, dass die doch ganz sicher derselben Meinung wären wie ich, weil wir uns doch für dasselbe engagieren, dieselbe Basis haben. Wie überraschend ist es da, wenn wir in Sachthemen nicht dieselbe Einschätzung haben – vor allem, wenn diese mit unserer Grundüberzeugung, unseren Werten verknüpft ist. Wie schnell kommt es dann dazu, dass wir mit unseren Meinungen aufeinander losgehen, einander überzeugen wollen. Wer sich da nicht sicher fühlt oder nicht so wortgewandt ist, kommt schon mal ins Hintertreffen. Da kann es hitzig werden und verletzend. Eines ergibt das andere. Meist geht man davon aus, dass der Stärkere siegt. Aber sind das die Argumente, die größere Wortgewandtheit? Und: Ist das Dialog? Oder nicht vielmehr Diskussion, Wortgefecht, Schlagabtausch? Zum Dialog gehört Stille, auch Aushalten, Ringen um Worte. Wieder so eine kleine Lektion.

Kurz-Schlüsse
Und gehe ich – vor allem, wenn es um Werte geht – nicht manchmal zu „voreingenommen“ an die Sache? Weil ich zu diesem oder jenem Schluss gekommen bin, muss doch der andere zum selben kommen – schon gar, wenn wir zur selben Gruppe gehören, uns für dasselbe einsetzen. Solche Kurz-Schlüsse sind oft unbewusst, aber sie bestimmen den Verlauf eines Gesprächs entscheidend. Und wenn man sich dann auch noch selbst infrage gestellt sieht, kommt man schnell in die Defensive oder dazu, dass man den anderen überzeugen will, ihn fast bedrängt. Natürlich sind engagierte Diskussionen nichts Schlechtes – solange man den Menschen nicht aus den Augen verliert. Und ist der nicht sehr viel mehr als seine Worte oder die Meinung in einem bestimmten Thema? Und tragen wir da nicht manchmal unsere ach so kostbaren Werte wie Schilde (und manchmal sogar wie Waffen) vor uns her? Auch da haben mir die ungarischen Freunde einiges zu bedenken gegeben.
Und noch etwas haben sie mir wieder neu bewusst gemacht: In unserer komplexen Welt sind einfache Lösungen kaum mehr möglich. Und es ist mit großer Mühe verbunden, sich in komplexen Sachverhalten eine eigene Meinung zu bilden. Die scheue ich manchmal. Und wie schnell ich mich da von einer Schlagzeile, vermeintlich ausgewogenen Artikeln oder auch nur kurz aufgeschnappten Sätzen beeinflussen lasse, erlebe ich oft genug. Und auch wenn es Themenfelder gibt, in denen ich mir die Mühe mache und schon fundierter etwas sagen kann, heißt das noch lange nicht, dass ich schon alle Aspekte wüsste. Es kann durchaus vorkommen, dass ich schon einen Tag später wieder Neues erfahre und meine Meinung zu diesem Feld differenzierter, umfassender wird. Jesús Morán, Ko-Präsident der Fokolar-Bewegung, spricht von „relationaler Wahrheit“. Er meint damit keine relative Wahrheit! Sondern vielmehr: Die Wahrheit ist eine, aber jeder bringt durch sein Verständnis andere Aspekte zum Leuchten. Im Dialog werden sie zum Geschenk, zur Herzerweiterung und können so zu einem vollständigeren Bild beitragen – die Wahrheit schlechthin zum Leuchten bringen. Noch so ein Punkt, den die ungarischen Freunde mir mit dem „Dialog des Gewissens“ vor Augen geführt haben. Und Übungsfelder dafür muss ich nicht suchen, sie werden mir täglich geliefert.
Gabi Ballweg

1 Bezeichnet einen Grundsatz menschlichen Miteinanders, den man in fast allen großen Religionen findet: „Alles, was ihr also von anderen erwartet, das tut auch ihnen!“ (Lukas 7,12)

(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, September/Oktober 2018)
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