Wer bin ich und wer sind wir?

Die Frage nach unserer Identität ist in letzter Zeit wieder lauter geworden. Wie es dazu kam und warum sie nicht so einfach abzuhaken ist.

Wenn ich wissen will, was meine Identität ausmacht, sollte ich Antworten darauf finden, wer ich bin, was mich unverwechselbar macht, wo ich hin- und wo ich dazugehöre. Aber: Wenn zwei Dinge oder zwei Menschen identisch sind, dann sind sie genau gleich. Und da fängt das Problem auch schon an: Bin ich denn identisch mit mir? Bin ich zum Beispiel der Gleiche wie vor dreißig Jahren? Rein äußerlich schon mal nicht. Auch bin ich mehrmals umgezogen, habe im Ausland gelebt; Erlebnisse und Begegnungen haben mich verändert. Einiges würde ich heute anders beurteilen, anders machen, anders sehen. Bin ich also nicht mehr „Ich“? Habe ich eine Identitätskrise?
Entwarnung: Identität steht nicht unabänderlich ein für alle Mal fest. Zwar gibt es Elemente, die beständig sind. Wer meine Eltern sind und wo ich geboren bin beispielsweise. Andererseits kann sich die Beziehung eines Kindes zu den Eltern im Laufe des Lebens so verändern, dass es irgendwann nichts mehr mit ihnen zu tun haben will. So kann die Lebensgeschichte einer Person ihre Identität mitbestimmen. Konventionen, Fähigkeiten, Hobbys, Glaube, Rituale, Werte, Berufswahl, Besitz, sozialer Status, Begegnungen mit Menschen, die sie beeinflussen, Erwartungen – vieles kann in die Identität einfließen. Vieles davon ist in unterschiedlichen Lebensphasen aber auch unterschiedlich wichtig für mich. Mit manchem kann ich mich mal mehr, mal weniger stark identifizieren. (Der US-amerikanische Soziologe Rogers Brubaker spricht von Identifikation anstatt von Identität.)
Das gilt auch für mein soziales Umfeld. Bewusst oder aus dem Bauch heraus entscheide ich mich, zu welchen Gruppen ich gehören will und zu welchen nicht: von welchem Fußballclub ich Fan bin, bei welcher Clique ich mitmache, welche politische Richtung ich unterstütze. Umgekehrt erwartet die Gruppe von den Einzelnen, bestimmten Normen, Verhaltensweisen, Rollenbildern zu entsprechen. Wer sind WIR? WIR in der Kirchengemeinde, Religionsgemeinschaft, in unserem Verein, unserer Partei, unserem Land. Was macht unsere soziale, kulturelle oder nationale Identität aus?

Für die nationale Identität gelten eine gemeinsame Herkunft, Sprache, Geschichte, Kultur, Religion, ein gemeinsames Territorium als entscheidend. Was so eindeutig scheint, ist es bei einigem Nachdenken jedoch nicht. Die Sprache und das Wissen um Geschichte und Kultur lassen sich aneignen. Bei „Kultur“ bleibt zudem offen, was ich darunter verstehe und ob ich unterschiedliche Zugänge und Geschmäcker zulasse: Wer kennt und mag welche Dichter und Schriftsteller, wer hält klassische oder moderne Komponisten und Musiker kulturell für ausschlaggebend? Wir lange wollen wir bei der Frage nach unserer Identität in die Geschichte zurückgehen? Das Leben im heutigen deutschsprachigen Raum sah zur Zeit der Völkerwanderung anders aus als unter den Kaisern, Königen und Fürsten. Grenzen und Zugehörigkeiten haben sich verschoben.  Wirtschaftlichen, kulturellen und politischen Austausch, Zu- und Auswanderungen wie auch Vertreibungen hat es immer wieder gegeben. Und wie lange ist es erst her, dass wir das Recht, uns frei für eine – oder auch keine – Religion oder Konfession zu entscheiden und die Praxis, andere Glaubensüberzeugungen zu tolerieren, in unseren Breitengraden glaubwürdig umsetzen? Die für uns heute selbstverständlichen nationalen Identitäten wurden mit der Entwicklung der Staaten im 18. bis 20. Jahrhundert erst geschaffen und ein Wir-Gefühl bewusst gelenkt und gefördert, um ihnen Stabilität zu verleihen.
In Bezug auf nationale Identität und Zusammenhalt wird die Schweiz oft als beispielhaft angesehen. Beides basiere „nicht auf einer gemeinsamen Sprache, Ethnie oder Religion“, lesen wir bei Wikipedia, „sondern auf interkulturellen Faktoren wie dem Glauben an die direkte Demokratie, einem hohen Maß an lokaler und regionaler Autonomie sowie einer ausgeprägten Kultur der Kompromissbereitschaft bei der politischen Entscheidungsfindung.“ Inwiefern diese Darstellung heute in allen Punkten von der Mehrheit der Schweizer geteilt wird, kann ich nicht beurteilen. Diskutiert wird jedenfalls  auch in der Schweiz öffentlich darüber, wer dazugehören dürfen soll und wer nicht. Identität bewegt sich in der Spannbreite zwischen der Einzigartigkeit einer Person und ihrer Zuordnung zu einer größeren Gemeinschaft. Wohl weil unsere Gesellschaft konsumorientiert ist und die persönliche Freiheit hochhält, hat sie lange Zeit vor allem die Individualität des Einzelnen herausgestellt. Angesichts der Zuwanderung, der Flüchtlinge ist in den letzten Jahren jedoch die Zugehörigkeit wieder stärker zum Thema geworden. Die Begegnung – in direktem Kontakt oder über die Medien vermittelt – mit Menschen anderer Kulturen, Sprachen, Glaubensüberzeugungen hat neu die Frage hochgespült, wer „wir“ in unserem Land denn sind und sein wollen. Dabei schwingt mit, wie viele Ausländer die Gesellschaft aufnehmen kann und will. Also auch, ob und mit wem wir unsere „Reichtümer“ teilen wollen: an Land, Wohnraum, Arbeitsplätzen, Frieden, sozialer Sicherheit.
Wen Veränderungen irritieren und wem sie Angst machen, wer sich seiner Wurzeln und der eigenen Verortung in der Welt nicht sicher ist, der möchte Einfachheit und Klarheit, wer dazugehört und wer nicht. Die Antwort, dass Identität viele Seiten hat, sich entwickelt und verändert, wird ihm zu kompliziert sein. Eine Sprache, eine Hautfarbe, ein Wertkonzept, eine Herkunft, eine Religion: Das ist überschaubar, das gibt ihm Orientierung, das schafft klare Verhältnisse, wer „wir“ und wer „die anderen“ sind. Die Individualität des Einzelnen tritt in den Hintergrund; dass unsere Gesellschaft vielschichtige Lebenswelten und Subkulturen kennt, wird gerne ausgeblendet. Politiker, Medien, aber auch wir selbst haben Einfluss darauf, in welche Richtung die Suche nach der kollektiven Identität geht, wie sachlich oder emotional sie abläuft und inwiefern sie abgrenzt oder auch ausgrenzt und diskriminiert.
Clemens Behr

(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, September/Oktober 2018)
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