Atems Wege

Vor anderthalb Jahren kam Atem Morfaw, 21, aus dem Kamerun zum Studium nach Deutschland. Wie fühlt er sich hier? Seine Beobachtungen, seine Träume, sein Blick auf kulturelle Unterschiede.

Dortmund, 19. Juni, Eröffnungsgottesdienst vom Evangelischen Kirchentag am Ostentor mit 50 000 Menschen. Atem Morfaw aus dem Kamerun steht auf der Bühne: Der 21-Jährige singt mit der Projektband der Jugendkirche Hamm und der Tanzgruppe vom T&L Dance Studio Hamm. Mit eleganten „Moves“ und seiner tiefen, vollen Stimme hat Atem – Betonung auf der zweiten Silbe! – eine gewinnende Ausstrahlung. Im Song „Church“ von Samm Henshaw hat er den Solo-Part. „Es war eine große Ehre, den Gottesdienst mitzugestalten: ein tolles Erlebnis!“, erinnert sich Atem nicht ohne Stolz. Wenn er singt, ist er in seinem Element. „Das geht nach Gefühl. Noten kann ich nicht lesen.“

Screenshot Fernseh-Übertragung vom Evangelischen Kirchentag: Atem Morfaw mit der Projektband der Jugendkirche Hamm

Atem Morfaw hat schon mit seinen vier Geschwistern Musik gemacht. „Als ich elf war, haben wir ein Album veröffentlicht“, erzählt er. „Die Lieder handelten vom Krieg, vom Frieden und von der Bedeutung der Fokolar-Bewegung in meiner Heimat. Denn deren Gründerin hat in Fontem (s. u. im Info-Kasten), dem Ort, wo meine Familie herkommt, einen besonderen Ruf. Durch sie haben sich ein Krankenhaus, ein Internat Schule und vieles mehr entwickelt.“
Nach dem Abi wollte Atem Ingenieurwissenschaften studieren. Die Aufnahmeprüfung bei der Technischen Hochschule in Kameruns Hauptstadt Jaunde schaffte er. Englischsprachige Studenten wie er, vom englischen Bildungssystem geprägt, haben es allerdings schwer, sich in das französische System einzufinden. „Mein Fach Bauingenieurwesen war sehr theoretisch aufgebaut, kaum praxisorientiert, wenig Platz für Kreativität“, berichtet Atem. So belegte er am Goethe-Institut in Jaunde einen Deutschkurs.

Foto: privat

2016, im Jahr zuvor, hatte Atem seinen Taufpaten in Hückelhoven besucht. Die Eltern Morfaw hatten selbst lange in Deutschland gelebt; hier war Atem geboren und hatte seine ersten zwei Jahre verbracht, bevor seine Eltern nach Kamerun zurückkehrten. Sie bauten dann in der 70 000 Einwohner-Stadt Dschang – 40 Kilometer von Fontem – eine Schule auf. In der „Rainbow School“ können dank deutscher Sponsoren Kinder aus reichen und armen Familien gemeinsam lernen. Als der Taufpate von Atems Zukunftsplänen hörte, empfahl er ihm, in Aachen zu studieren.
Ende März 2018 kam er nach Deutschland. Atem fühlte sich gut vorbereitet. Immer wieder hatten deutsche Freunde sie im Kamerun besucht. Studenten aus Deutschland waren gekommen, um an der Rainbow-School ein freiwilliges soziales Jahr zu absolvieren. „Und meine Eltern haben uns Kindern vieles von der deutschen Mentalität vermittelt“, sagt Atem. Eine ältere Schwester lebte schon in Essen. Die erste Zeit wohnte er bei ihr.
„Anfangs habe ich sehr bedächtig gesprochen“, erzählt Atem. „Manche Leute haben dann ins Englische gewechselt. Aber Freunde und Bekannte hörten geduldig zu. Keiner hat sich lustig gemacht. Das wäre bei uns anders. Die Deutschen sind da sehr höflich. Ich musste sogar darum bitten, korrigiert zu werden, wenn ich Fehler mache.“ In der Uni fühlte er sich zunächst als Außenseiter. Später wurde ihm klar, dass die Deutschen nicht so spontan wie Afrikaner sind. Es braucht Zeit, um miteinander warm zu werden. Atem lässt sich davon aber nicht beirren: „Wenn ich etwas brauche, spreche ich einfach jemanden an. Nur manchmal merke ich, wenn ich irgendwo hingehe: ‚Hier muss ich aufpassen!’“
In der ersten Zeit in Aachen wohnte Atem bei einer älteren Dame. Immer wieder wollte er sie einbeziehen, zum Beispiel wenn er zum Studentengottesdienst ging. „Bist du sicher? Soll ich wirklich mitkommen?“ Ihre Fragen wunderten ihn. Später erlebte er, dass die Generationen hier viel stärker getrennt sind als bei ihm zu Hause. „Werden die Leute bei uns alt, nehmen ihre Kinder sie auf. Und das finde ich hier schade: Du erziehst Kinder und musst den Lebensabend dann im Altersheim verbringen. Klar, wenn alle berufstätig sind, wer kann sich dann noch um Oma oder Opa kümmern?“

Chief-Palast. – Foto: (c) Christoph Behr

Auch wenn er heute mit seiner Familie in Dschang lebt, ist Charles Morfaw, Atems Vater, ein „Chief“, der „Häuptling“ seines Dorfes Bellah, das zu Fontem gehört. „Seine Aufgaben sind, dort das Volk zu begleiten, Probleme zu lösen, unter den Leuten für Frieden und Ordnung zu sorgen.“ Sich um die Einheit seines Volkes kümmern schließt selbst die ein, die in die USA ausgewandert sind. Chief sein heißt auch, die Entwicklung des Dorfes voranzubringen. „Mein Vater hat eine Krankenstation aufgemacht und eine Kirche gebaut.“ Irgendwann wird der Vater Atem oder einen seiner Brüder zum Chief bestimmen.
„Ich komme gerade von einem Gottesdienst der Studentengemeinde“, erzählt Atem. „Wir waren nicht mehr als zwanzig: in einer Stadt wie Aachen echt wenig!“ Im Kamerun gehört Religion zum Leben dazu. Seine Familie ist katholisch. Ihm sind Religion und Kirche wichtig. Das zeigt sich auch im Song „Irreplaceable“ – „Unersetzbar“, den Atem mit seinen Freunden von der Band „Open Rim“ aufgenommen hat. „Darin geht es um die Bedeutung von Gott in unserem Leben. – Ich habe Mitstudenten gefragt, wieso sie nicht zur Kirche gehen. Einer hat gesagt, sie sei zu konservativ: in Sachen Homosexualität und Frauenpriestertum. Er glaube zwar an Gott, aber die Kirche sei ihm egal.“ Die Antwort machte Atem kulturelle Unterschiede deutlich: „Die meisten Christen in Afrika würden eine solche Haltung ablehnen, mehr aus kulturellen als aus religiösen Gründen.“ Die Kirche würde in Europa viel zu stark als Institution gesehen und mit Bischöfen und Priestern gleichgesetzt, meint Atem. „‚Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, bin ich mitten unter ihnen’, sagt Jesus in der Bibel. Das ist für mich Kirche. Auch wenn ich Kranke besuche oder zusammen mit Freunden eine Spendenaktion für Menschen im Krieg mache.“
Dass für viele Europäer der Glaube keine Rolle spielt, erstaunt ihn. Überall scheine doch durch, dass die Gesellschaft ein christliches Fundament hat. „Viele Feiertage gäbe es sonst gar nicht. Aber wer kennt noch ihre Bedeutung? – Bei uns sind Politik und Kultur eng mit der Kirche verwoben. Und die wächst enorm!“

Auf dem Schulhof der “Rainbow School”. – Foto: (c) Christoph Behr

Auf dem Rückweg von einer Probe für den Kirchentag besuchte Atem in Düsseldorf einen kamerunischen Freund. Sie wollten sich in der Altstadt einen schönen Abend machen. „Der Türsteher einer Bar ließ uns nicht rein. Ich dachte, er hielt mich für zu jung und zeigte ihm meinen Pass.“ Aber der Typ blieb stur. Als die beiden fragten, warum sie nicht hinein dürften, antwortete er: „Ich entscheide, wer reinkommt!“ In einer anderen Bar erging es ihnen ähnlich. „Das war Rassismus!“ Atem war verstört. Er hatte in Deutschland schon viel Gastfreundschaft erfahren. „Chiara Lubich hat immer an das Gebet von Jesus geglaubt: ‚Vater, lass alle eins sein.’ Ich habe einen anderen kulturellen Hintergrund, sehe anders aus, aber bei den Begegnungen mit den Leuten der Fokolar-Bewegung hier merke ich keinen Unterschied. Mit den Jugendlichen haben wir uns schon am ersten Tag ganz toll verstanden. Hier spüre ich diese Einheit und fühle mich zu Hause.“
Trotzdem wandern Atems Gedanken immer wieder in die Heimat. Die ausweglose politische Lage macht ihm Sorgen: „Die Rainbow-School im französischsprachigen Teil ist einigermaßen sicher. Aber Fontem: Alles, was im Laufe der Jahre aufgebaut wurde, geht den Bach hinunter.“ Dennoch will Atem noch während des Studiums Praktika in seinem Land machen und im Anschluss dorthin zurückkehren. „Denn unsere Kultur verliert ihre Identität. Die großen Baufibeln für das Studium in Kamerun stammen aus Deutschland, China und Frankreich.“ Dabei gab es schon vor der Kolonialisierung Hütten, Gemeinschaftsgebäude und Paläste mit ihrer eigenen Architektur. Die möchte er weiterentwickeln. Francis Kéré(1) aus Burkina Faso, der seit 1985 in Deutschland lebt und in Berlin ein Architekturbüro hat, ist für ihn ein großes Vorbild. „Er hat viele Gebäude in Burkina Faso entworfen, aus Mörtel statt aus Beton, und einen eigenen Stil entwickelt, der die afrikanischen Traditionen aufnimmt. So möchte ich es auch einmal machen!“

1 www.kere-architecture.com

Fontem
Das Volk der Bangwa im Bergland Westkameruns litt unter einer so hohen Säuglingssterblichkeit, dass es auszusterben drohte. 1965 kamen aus Italien Ärzte und Krankenschwestern der Fokolar-Bewegung nach Fontem und begannen in einer Holzhütte mit der Behandlung der Bangwa, die größtenteils der traditionellen Religion angehörten. Sie sorgten für Strom aus Wasserkraft; in zehn Jahren entstanden ein Hospital, eine Schule und eine Pfarrei. Viele Bangwa ließen sich taufen. Menschen aus aller Welt kamen, um die Fokolar-Bewegung und das Zusammenleben unterschiedlicher Nationalitäten näher kennenzulernen und eine Zeit lang mitzuleben.
Spannungen und gewaltsame Auseinandersetzungen zwischen Rebellen und Regierungstruppen nahmen in den letzten zwei Jahren zu und beeinträchtigten zunehmend das Leben in und um Fontem. Fontem liegt im englischsprachigen Teil Kameruns, das sich seit Jahren von der Regierung benachteiligt fühlt. 2016 begannen Anwälte und Lehrer, gegen eine wachsende “Französischmachung” von Justiz und Bildungssystem zu demonstrieren. Separatisten wollen aus dem westlichen Teil des Landes einen eigenen Staat machen. Die kriegerischen Auseinandersetzungen in der Region haben über eine halbe Million Menschen flüchten lassen und über 1.500 Menschen umgebracht.
Bedrohungen, Entführungen, Schusswechsel, die Unsicherheit, wem noch zu trauen ist, und die immer schwierigere Versorgungslage führten auch in Fontem dazu, dass immer mehr Menschen in sichere Landesteile oder ins Ausland flohen, zum Teil unter Lebensgefahr. Denn viele Verbindungswege sind gekappt oder werden von Milizen scharf kontrolliert. Die Schule musste schließen; auch Ärzte, Priester und viele Mitarbeiter sahen sich zur Flucht gezwungen; das Hospital kann nur noch einen Notdienst aufrechterhalten.
Über fünfzig Jahre war Fontem ein Ort der Hoffnung, des Aufbruchs, ein Leuchtturmprojekt in Afrika. Wie es weitergeht, ist nicht abzusehen.
Clemens Behr

(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, September/Oktober 2019)
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