Nutzen, aber nicht bestimmen lassen

Technik ist für Thomas Ballweg ein Hilfsmittel, das auch die Zukunft seiner Kinder bestimmen wird. In der Familie können alle gemeinsam lernen, damit umzugehen.

Durch meinen Beruf bin ich technischen Neuerungen gegenüber aufgeschlossen. Ich probiere in der Arbeit und privat vieles aus. Digitalisierung kann uns bei vielem unterstützen, vieles erleichtern; und vor zwanzig Jahren hätte die Corona-Krise unser Leben noch viel entscheidender beeinflusst und lahmgelegt. Jetzt kann ich mich gut mit meinem Kollegen im Homeoffice abwechseln und trotzdem von dort Konferenzen und Besprechungen durchführen. Trotzdem gilt es auch im Beruf immer abzuwägen, wo und wie Digitalisierung sinnvoll ist.
Zu Hause nutzen wir digitale „Werkzeuge“, wo es geht – angefangen bei der EinkaufsApp, die wir dann gemeinsam bearbeiten können, über WhatsApp für die schnelle Abstimmung von Tagesabläufen und –ereignissen unter uns, mit Verwandten und Freunden, bis hin zu „Alexa“. Es gibt viele sehr nützliche Tools, die den Alltag erleichtern können, und manche sind auch einfach nett: So lässt sich unser Ältester sehr gern Witze von ihr erzählen.
Während die Generation vor uns in der Familie da eher Ermutigung braucht, hat die Technik für die Kinder schon früh eine große Faszination. Nutzen dürfen die beiden Älteren das Tablet zum Spielen – altersangepasst, zeitlich begrenzt, mit den nötigen Sicherheitsvorkehrungen und klaren Regeln. Glücklicherweise können sie sich aber auch unabhängig davon gut selbst und mit anderen beschäftigen. Der Fünfjährige baut sich stundenlang aus Kartons große Häuser; wenn er dann am Tablet spielen darf, freut er sich über eine App, mit der er Burgen bauen kann. Aber natürlich gibt es schon jetzt, wo sie noch klein sind, manche heftige Diskussion. Denn aufhören ist immer schwer – nicht nur bei der Tabletnutzung. Und manchmal gibt es Situationen, wo sie auch mal länger dransitzen (dürfen) als sonst. Aber wenn sie gefrustet sind, weil etwas nicht so läuft, wie sie wollen, anfangen zu überdrehen oder gar leicht aggressiv werden, greifen wir ein und ziehen Grenzen. Mit dem Alter der Kinder werden da noch viele andere, auch komplexere Fragen auf uns zukommen.
Es geht immer darum abzuwägen, was dran ist. Und in Zeiten von Corona, wo den Kindern die äußere Struktur von Schule und Kindergarten fehlt, kann ein Tag lang werden. So nutzt der Ältere im Moment auch eine allgemeine LernApp und eine gute Englisch-LernApp. Weil bei uns auf dem Land noch nicht alle Schulen ausreichend ausgestattet sind, ist Online-Unterricht derzeit noch kein Thema für ihn. Die Krise hat gezeigt, dass hier noch viel investiert werden muss, viele Schulen enormen Aufholbedarf haben und auch die Lehrkräfte noch nicht vorbereitet sind. Als Gesellschaft müssen wir da aus der Krise unbedingt lernen. Und die Kinder wachsen in eine Welt, in der sie ohne Technik nicht auskommen werden. Da ist es gut, wenn sie – in Maßen – damit vertraut werden, lernen sie „zu nutzen“. Unsere Aufgabe ist es, sie darin anzuleiten. Das braucht Zeit und manchmal auch gute Nerven. Letztlich ist die Technik ein Hilfsmittel – wir können sie nutzen und uns das Leben erleichtern, dürfen uns aber nicht von ihr bestimmen lassen. Das müssen wir auch in der Familie gemeinsam lernen.

Foto: privat

Thomas Ballweg
40, ist IT-System-Administrator bei einem Zuliefer-Unternehmen der Autoindustrie. Er ist verheiratet mit Marion; die beiden haben drei Kinder, zwei Jungs im Alter von neun und fünf und eine Tochter mit drei Jahren.

(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, Mai/Juni 2020)
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