Künstliche Intelligenz im Dienst am Menschen

Standpunkt

Wir erleben seit etwa dreißig Jahren eine immense technische und kulturelle Revolution durch die Informationstechnologie. Ohne Computer und Software funktionieren kaum noch irgendwelche technischen Geräte oder organisatorischen Systeme.
Aktuell hat in diesem Zusammenhang der Begriff der „Künstlichen Intelligenz“ (KI) neu Aufmerksamkeit bekommen. KI bedeutet, dass Computersoftware bestimmte Aspekte „intelligenten“ kognitiven menschlichen Verhaltens simuliert, besonders die Erkennung von Mustern in Daten. KI-Anwendungen erzeugen weitreichende Veränderungen in unserem Alltag und der Arbeitswelt: autonome Fahrzeuge; menschlichen Experten weit überlegene Diagnose- und Entscheidungssysteme; selbstlernende Programme, die eigenständig neuartige Problemlösungen erfinden; humanoide Pflege- und Serviceroboter; computergenerierte virtuelle Welten; soziale Beobachtungs- und Bewertungssysteme, die mehr über uns wissen als wir selbst; völlig neue Möglichkeiten in Materialwissenschaften oder der Biotechnologie.
Diese Entwicklungen vollziehen sich mit einer starken Beschleunigungsdynamik, sodass eine gesellschaftliche und ethische Diskussion kaum hinterherkommt. Viele Menschen haben deshalb Angst vor einer unkontrollierbaren Verselbstständigung von KI-basierten Systemen. Tatsächlich gehen Forscher davon aus, dass wir in wenigen Jahren technische Systeme haben könnten, die Menschen intellektuell überlegen sind, die sich selbst weiterentwickeln, die wir nicht mehr verstehen und deren Verhalten wir nicht nachvollziehen können. Das wäre das Ende des Zeitalters menschlicher Rationalität, mit der wir bisher im Großen und Kleinen entscheiden.
Wie gehen wir als Christen verantwortlich mit dieser hochdynamischen digitalisierten Welt und solchen „smarten“, künstlich intelligenten Systemen um?
Wir sollten verstehen, auf welchem Menschen- und Geschichtsbild diese Entwicklungen basieren: dem Humanismus, der den Menschen zum alleinigen Maßstab macht, und der Evolutionstheorie, die von einer permanenten Optimierung und Weiterentwicklung hinein in eine offene Zukunft ausgeht. Diesem Weltbild, das letztlich den „unsterblichen Übermenschen“ anstrebt, dürfen wir ein biblisches Menschen- und Gottesbild entgegensetzen, in dem wir als mit göttlichem Geist begabte Geschöpfe in die Beziehung und den Dialog mit Gott selbst gestellt sind. Unsere Zukunft ist von Gottes Plänen und der Wiederkunft Christi her bestimmt. Deshalb brauchen wir keine Angst vor sich verselbstständigenden Maschinen zu haben.
Wir sollten diese Technologien mit ihren Möglichkeiten und Grenzen gut verstehen und sie bewusst und verantwortlich aus dem Glauben proaktiv mitgestalten, statt das denen zu überlassen, die es unverantwortlich tun. Das gehört zu unserem göttlichen Schöpfungsauftrag. Ich ermutige besonders junge Christen, sich hier zu investieren. Wir brauchen dazu das Gespräch miteinander, das Gebet und das Hinhören auf Gott. Wir dürfen vom Heiligen Geist erwarten, dass er uns inspiriert und leitet, wie wir Digitalisierung und KI gestalten. Wir schaffen mit KI-Technologien keine autonomen Wesen, sondern neuartige, sehr leistungsfähige Werkzeuge, die im Zusammenspiel mit Menschen funktionieren und ihnen dienen sollen.

Foto: privat

Claus Lewerentz
(64) ist Professor für Informatik und Softwaretechnik an der Brandenburgischen Technischen Universität in Cottbus. Er ermutigt, die Digitalisierung bewusst aus dem christlichen Glauben mitzugestalten.

(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, Mai/Juni 2020)
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