Digitaler Unterricht: Nur in der Not?

Standpunkt

Meine Vision von gutem Mathematikunterricht erwächst aus der Begegnung mit den Schülern: Neue Erkenntnisse entstehen im Miteinander und Füreinander der Lerngemeinschaft (zu der auch Lehrer als Lernende zählen). Nun hat mir Corona einen Strich durch die Rechnung gemacht und ich muss digital unterrichten. Das bedeutet: Distanz statt Unmittelbarkeit, digitale Lernumgebungen statt realer Situationen, audio-visuelle Hirnstimulationen statt ganzheitlicher Bildungsprozesse – kurz: guter Unterricht war für mich plötzlich nicht mehr möglich!
Erstaunt stelle ich jedoch fest: Obwohl digitaler Unterricht für alle Beteiligten einen höheren Zeitaufwand fordert, ist er für mich weniger anstrengend. Plötzlich habe ich wieder mehr Nerven für meine eigenen Kinder. Wenn ich ein Erklär-Video für meine Schüler aufnehme, kann ich endlich ungestört reden! Ich habe plötzlich neue Energien und Ideen für die Erstellung von Unterrichtseinheiten. Und meine Arbeitstage verlaufen auf einmal auch so, wie ich sie geplant habe – eine ganz neue Erfahrung.
Aber ohne Schüler ist Mathematikunterricht als gemeinsamer Erkenntnisgewinn und kreativer Schaffensprozess unmöglich. Die Einmaligkeit des gemeinsam gelebten Momentes ist nicht digitalisierbar. Das kreative Mit- und Füreinander (und auch Durcheinander) beim Wissensschaffen wird durch ein ausschließlich wiedergebendes Nacheinander der Wissensübermittlung ersetzt. Ganz zu schweigen von eigentlichen Bildungsprozessen der Herzen.
Und der Humor im Klassenzimmer fehlt mir auch! Kinder haben ja ein feines Gespür für Situationskomik. Komisch ist die Corona-Zeit aber nun wirklich nicht. Das macht mir zu schaffen. Ich bin schließlich nicht Lehrer geworden, um Informationen über abstrakte Objekte des Geistes in Videos und digitalen Arbeitsblättern einzufangen. So wie ein Bergsteiger eben Berge besteigen und nicht Dokumentationen über die Alpen ansehen will.
Mir fehlt vor allem das Feedback meiner Schüler. So beschloss ich an einem Samstag wenigstens die Schüler meiner fünften Klasse alle einzeln anzurufen. Das dauerte vier, fünf Stunden, aber es hat sich – jedenfalls für mich – gelohnt. Es tut gut, die Stimmen der Schüler zu hören, ihre Probleme zu verstehen und mit den Eltern ins Gespräch zu kommen. Mir wurde klar, dass das Sprechen mit den einzelnen Schülern eine Möglichkeit ist, über digitale Versuche hinaus, Jesu Vorbild des guten Hirten nachzueifern. So beschäftigt mich die Frage: Wie kann man digital „hirtlich“ dienen? Ich weiß, dass andere Berufstätige während dieser Krise viel existenziellere Fragen haben und auch das bedrückt mich.
Ich habe den Schülern für den Fall, dass sie eine Frage haben, meine Telefonnummer gegeben. Es haben auch schon einige angerufen. Das freut mich jedes Mal.
Corona hat mich in eine Art „Fastenzeit“ katapultiert. Das Leben lässt sich nicht digitalisieren. Ich ahne, dass darin auch eine Chance liegt, die ich nicht verpassen will. Ein Glück, dass die Liebe die Beschränkungen durch Digitalisierung und Corona nutzen und auch immer wieder durchbrechen kann.

Foto: privat

Samuel Pfeifer,
Jahrgang 1983, ist Lehrer für Mathematik und Physik an einem Augsburger Gymnasium. Er lebt in Ottmaring bei Augsburg und gehört mit seiner Frau und seinen Kindern zur Vereinigung vom gemeinsamen Leben.

(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, Mai/Juni 2020)
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