Ein Meisterwerk im Werden

Neun Jahre hat Dominik Knoll in Moskau gelebt, einer Stadt, die er sich niemals ausgesucht hätte. Und doch ist er dort seinem tiefsten Wunsch näher gekommen. Seit Anfang des Jahres ist nun Cluj in Rumänien das Zuhause des 38-jährigen Oberösterreichers.

„Was? Du gehst nach Rumänien? Hast du dort eine Arbeit?“ Diese Reaktion hat Dominik Knoll mehr als einmal bekommen, als er im Freundeskreis über seine Pläne sprach. Seine Antwort war ebenso schlicht wie entwaffnend: „Nein, noch nicht. Meine Gemeinschaft braucht mich dort.“

Alle Fotos: privat

Dominik Knoll wurde 1981 in Ried im Innkreis (Oberösterreich) geboren. Einen Großteil seiner Schulzeit hat er in Salzburg verbracht und dort auch „Angewandte Informatik“ studiert. Von Kindheit an in der Fokolar-Bewegung beheimatet, lebt er seit Mai 2007 in einer Fokolar-Gemeinschaft – zunächst in Wien, in Loppiano (Italien) und in Montet (Schweiz). Von Januar 2011 bis Februar 2020 war das Fokolar in Moskau sein Zuhause. Seither lebt er in Cluj (Klausenburg), der zweitgrößten Stadt Rumäniens.
Keinen dieser Orte hat Dominik sich ausgesucht. Er hat sich immer auf Vorschläge des Leitungsgremiums für die Fokolar-Gemeinschaften eingelassen. Warum macht jemand so etwas?
Ein wesentliches Ereignis im Leben von Dominik, das hilft, eine Antwort auf diese Frage zu geben, geht auf das Jahr 2004 zurück. Damals nahm er zum ersten Mal an einer Begegnung für junge Menschen im italienischen Castel Gandolfo teil, die sich für die Berufung zum Fokolar interessieren.
Das Fokolar ist eine Lebensgemeinschaft von unverheirateten und verheirateten Männern oder Frauen, die ihr Leben Gott geschenkt und dies mit Gelübden beziehungsweise Versprechen bekräftigt haben. Ihr Anliegen ist es, so miteinander zu leben, dass sie die Gegenwart Jesu selbst erfahren und anderen erfahrbar machen können.
Für ihn selbst überraschend, wurde Dominik in Castel Gandolfo bald klar: „Ich möchte, dass mein Leben ein Meisterwerk werden kann.“ Dies führte zu einem inneren Dialog mit neuen Fragen und neuen Antworten: Was heißt das? Wie kann ich verstehen, was Gott für mich möchte? Nur Gott selbst kann mir das sagen! Er hat mich geschaffen. Er, der Meister, weiß, wie das Kunstwerk aussehen soll. An ihn muss ich mich wenden, ihm mein Leben anvertrauen.
So konnte Dominik am Ende der Tage ein Bündnis mit Gott schließen: „Ich lege mein Leben ganz in deine Hände, was auch immer das heißen wird.“ Unspektakulär sei das gewesen, ganz still. Und genauso war es richtig: „Es brauchte kein Feuerwerk.“
Zu diesem Zeitpunkt stellte sich die Frage nicht, auf welchen Lebensweg ihn dieses Bündnis führen würde, er war offen für alles: Familie, Priestertum und Fokolar. Etwa zwei Jahre später – das Ende des Studiums näherte sich – war das plötzlich anders.
In einem Vortrag hörte er Zitate aus einem Brief von Chiara Lubich aus den Anfängen der Fokolar-Bewegung in den 1940-er Jahren. Dort heißt es sinngemäß: Das Ideal, das Gott mit unserem Leben sichtbar machen möchte, hat zwei Seiten wie eine Medaille – eine leuchtende und eine geheimnisvolle. Die leuchtende Seite ist die Einheit. Sie ist für alle sichtbar. Die geheimnisvolle Seite ist Jesus, der sich am Kreuz sogar von seinem Vater im Himmel verlassen fühlt und ruft: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Das Leben mit ihm und für ihn ist das Geheimnis, das diejenigen verbindet, die in erster Reihe mit mir, Chiara, für das Ideal der Einheit leben möchten.
„Das ist mein Platz!“, war die spontane Reaktion von Dominik: die Gottverlassenheit teilen, um Einheit zu ermöglichen. „Es war wie ein visueller Eindruck. Ich sah mich in dieser ersten Reihe stehen.“
Auf Anregung eines Freundes hielt Dominik seinen inneren Weg in einem Brief an Chiara Lubich fest. Aufzuschreiben, was in seiner Seele gereift war, half ihm, erstmals klar zu formulieren: „Ich möchte den Weg des Fokolars beginnen.“

Dieser Weg führte ihn 2011 nach Moskau – wie schon angedeutet, nicht die Stadt seiner Träume, auf die er sich aber aus ganzem Herzen einlassen konnte: eine Etappe auf dem Weg zum „Meisterwerk“. Schmunzelnd sagt er: „Moskau war für mich im wahrsten Sinne des Wortes das Hundertfache!“ 1) Schließlich sei die russische Hauptstadt ziemlich genau hundertmal so groß wie Salzburg.
Diese Größe, die Anonymität, der Mangel an Natur machten Moskau zu einem harten Pflaster für Dominik. Bald entdeckte er, dass auch viele andere Menschen es sich nicht ausgesucht hatten, in Moskau zu leben, sondern aus wirtschaftlichen Gründen in die Stadt gezogen waren. So war sein „Ja“ zu Moskau eine Chance, die anstrengenden Lebensumstände mit vielen anderen bewusst zu teilen.
Mit dem Eintritt ins Fokolar hatte sich Dominik auch gegen die Möglichkeit entschieden, in Salzburg seinen Doktor zu machen. Nachdem er einige Monate lang Russisch gelernt hatte, suchte und fand er in Moskau Arbeit. Als er sie nach zwei Jahren wechseln wollte, bewarb er sich als Informatiker an einer Universität. Beim Bewerbungsgespräch hieß es dann aus heiterem Himmel: „Möchten Sie bei uns eine Doktorarbeit schreiben?“ Da war es wieder, das Hundertfache – diesmal ganz unironisch.
In Moskau hat er im Laufe der Jahre viele Menschen kennengelernt. Er durfte Freude und Leid teilen: wenn Kinder geboren wurden, später die Schule begannen, wenn Eltern starben, … Wichtige Ereignisse im Leben von Menschen und Familien mitleben zu dürfen, ist alles andere als selbstverständlich. Doch, so die Erfahrung von Dominik, wenn der Schutzwall, den viele Menschen um sich aufgebaut haben, erst einmal durchbrochen ist, dann zeigt sich die ganze Herzlichkeit und Gastfreundschaft der Russen. „Sie haben alles für mich gegeben.“
Im Leben mit den Freunden aus der Fokolar-Bewegung und für sie konnte Dominik seine Hingabe an Gott konkret leben – nicht nur in Moskau. Auch weit entfernte Gemeinschaften hat er immer wieder besucht. Besonders häufig war er in Tscheljabinsk. Die Stadt am Ural ist zweieinhalb Flugstunden und zwei Zeitzonen von Moskau entfernt. Wenn Dominik – meist mit jemand anderem – etwa alle drei Monate am Freitag nach der Arbeit dorthin flog, war es halb drei in der Nacht, als sie ankamen. Das Wochenende war dann voller Begegnungen, bevor es am Sonntag wieder nach Moskau ging.
Dominik hat diese Wochenenden als besondere Chance erlebt, etwas von seinem Leben und der Spiritualität der Einheit weiterzugeben. „Die Leute dort erwarteten uns mit Sehnsucht“, erinnert sich der Oberösterreicher, um gleich hinzuzufügen: „Und sie haben uns mit ihrem frischen Zeugnis gelebten Evangeliums reich beschenkt.“
Wien, Loppiano, Montet, Moskau und nun Cluj: Seit 13 Jahren ist Dominik auf seinem Berufungsweg unterwegs. Wie lautet seine Zwischenbilanz?
Das Besondere am Fokolar sei die Chance, „zwischen zwei Feuern zu leben“, meint der 38-Jährige und verwendet dabei ein Bild von Chiara Lubich. Der Begriff Fokolar ist ja abgeleitet vom italienischen „focolare“, was nichts anderes als das Kaminfeuer meint. Welches nun sind die beiden Feuer, von denen Dominik spricht?
Da sei zunächst die persönliche Beziehung zu Gott. Sie will – zum Beispiel in Gebet und Betrachtung – gepflegt werden, und sie durchläuft verschiedene Etappen wie jede Beziehung. Das eine Feuer. Und dann ist da das Leben in Gemeinschaft, der Wunsch, sich mit all dem, was man hat, kann und ist, der Gemeinschaft zu schenken mit dem Ziel, die Gegenwart Jesu zu erfahren. Das zweite Feuer. Beide geben Wärme und Licht, aber an beiden kann man sich auch verbrennen.

Zwei Herausforderungen, Dominik nennt es Prüfungen, haben seine Jahre im Fokolar gekennzeichnet. Zum einen hakte es manchmal im Miteinander. „Wenn es Spannungen gibt, ist eine mögliche Reaktion darauf, sich zurückzuziehen. Zusammenleben heißt dann nur noch, einander nicht in die Quere zu kommen.“
Wie damit umgehen? Dominik verstand mit der Zeit, dass es darum geht, mit einer unvollkommenen Situation leben zu lernen, die Menschen so zu nehmen, wie sie sind. Das Ziel aber bleibt ein brüderliches, offenes Miteinander. Manchmal hatte er den Eindruck, der Einzige zu sein, der dazu beiträgt. Immer wieder jedoch stellte er fest, dass jeder das Beste von sich geben wollte.
Die zweite Prüfung war ungleich schwieriger: „Ich entdeckte, dass ich selbst tat, was ich bei den anderen bemängelte.“ Besonders irritierte ihn folgende Beobachtung: „Ich lebte nicht so, wie ich es möchte, und entdeckte zugleich, wie andere Menschen mein Lebenszeugnis schätzten, welche Früchte es in ihnen trug.“
Da kam ihm seine Ursprungserfahrung wieder in den Sinn, die beiden Seiten der Medaille: „Das Licht ist für alle. Das Geheimnisvolle, Unverständliche aktiv anzunehmen, ist meine Aufgabe.“ So verstand Dominik, dass es nicht nur darum ging, die anderen so zu nehmen wie sie sind, sondern auch sich selbst. Ein Meisterwerk Gottes zu werden, heißt nicht, alles richtig machen zu wollen, sondern seine Hingabe jeden Tag neu so zu leben, wie man ist.
Neun Jahre Moskau, das sind auch neun Jahre Begegnung mit einer ganz anderen Geschichte und Frömmigkeit.

Ein kurzes Gespräch mit seiner Russischlehrerin ist Dominik in Erinnerung geblieben: „Die Russen feiern den 9. Mai als ‚Tag der Befreiung‘ vom Nationalsozialismus, an dessen Seite Österreich, wenn auch nicht freiwillig, gekämpft hatte. Wir Österreicher hingegen feiern an unserem Nationalfeiertag, dass 1955 der letzte russische Soldat unser Land nach zehnjähriger Besatzung verlassen hat.“
Erst in Russland habe er verstanden, wie sehr er Österreicher sei, „wie sehr unsere Geschichte mich zu dem gemacht hat, was ich bin.“ Es sei nur dann möglich, ein Land zu verstehen, wenn man es in seiner Geschichte sehe.
Eine weitere prägende Erfahrung war die Begegnung mit der orthodoxen Welt. Am Anfang waren die Liturgien für ihn unverständlich, er verstand weder die Sprache noch die Rituale. „Es war eine Einladung, mich vor Gott zu stellen, mich einfach hineinfallen zu lassen.“ So hat die orthodoxe Religiosität ihn dazu geführt, dass Liturgie nicht nur Zuhören ist, sondern ein Dasein mit allen Fähigkeiten, allen Sinnen: der Duft, die Bilder, die Gesten. „Ich habe den Glauben in seiner ganzen Sinnlichkeit entdeckt.“
Der Abschluss der Doktorarbeit schien Dominik ein guter Zeitpunkt, sich auf etwas Neues einzulassen. Als er erfuhr, dass im Fokolar von Cluj nur zwei Fokolare lebten, fiel ihm die Entscheidung nicht schwer, dorthin zu gehen. „Warum jetzt?“, fragen ihn viele; jetzt, wo du die Sprache, die Leute, die Mentalität kennst. „Gerade jetzt!“, scheint Dominik zu antworten. Er möchte nicht so sehr auf Kenntnisse vertrauen, sondern auf den – manchmal sehr leisen – Anruf Gottes hören.
Nachdem er zugesagt hatte, zeigte sich, dass Cluj die größte Universitätsstadt in Rumänien ist und als das „Silicon Valley“ Osteuropas gilt. Die Chancen, sich auch dort beruflich entwickeln zu können, stehen also gut. Auch wenn Cluj nur doppelt so groß ist wie Salzburg: Das Versprechen des Hundertfachen scheint auch hier zu gelten.
Peter Forst

1) Im Evangelium verspricht Jesus seinen Jüngern ein Vielfaches dessen, was sie für ihn aufgegeben haben: das Hundertfache (vgl. Markus, 10,29f).

(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, Juli/August 2020)
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