PASSIERT

Aus dem Leben mit dem Wort

Auf meinem Weg zur Arbeit komme ich an einem Kruzifix vorbei. Das nutze ich für einen kurzen Stopp und ein Gebet – meist für die Arbeit, die Menschen, denen ich begegne, den COVID-kranken Mann meiner Kollegin und was mir so einfällt. Die vertrockneten Zweige im Väschen unter dem Kreuz störten mich. Bei einer Besorgung kam ich an einem Blumengeschäft vorbei. Eigentlich wollte ich noch etwas Leckeres aus der Bäckerei mitnehmen. Doch dann: „Nein, das Geld gebe ich lieber für Jesus aus.“ Ich schilderte dem Gärtner mein Anliegen. Er band mir Johanniskraut und eine Rose. Als ich zahlen wollte, lehnte er ab. Fast zeitgleich sagten wir: „Sie können mich ja in Ihr Gebet einschließen.“ und: „Ich werde dort für Sie beten.“
A.L.

Illustration: (c) FrankRamspott (iStock)

Vor einer Projektwoche im Kosovo erfuhr ich, dass albanisch und italienisch gesprochen werden würde. Beides konnte ich nicht. Mir wurde flau. Ich bat Jesus, dass das kein Hindernis sei, um zu lieben. An einem Tag sah ich, wie ein kleiner Junge weinte. Gerne wollte ich ihn trösten. Aber wie mich mit ihm verständigen? Da munterte ihn schon jemand anderes auf. Es fühlte sich an, als hätte ich weggeschaut, als es jemand schlecht ging. Später saßen wir mit vielen am Tisch, auch der Junge. Er hatte UNO-Karten dabei. Doch sein Gegenüber reagierte nicht. Schnell ging ich zu ihm und zeigte auf die Karten. Sofort teilte er sie aus. Ohne Worte waren wir im Gespräch und lachten viel.
L.S.

Kurz vor Pfingsten bekam ich einen Brief. Ein Gottesdienstbesucher beschwerte sich über meine Predigten: zu lang, ermüdend und langweilig. Zwei Din-A4-Seiten voller Kritik und Bitterkeit. Ich war wie erschlagen. Manches stimmte, anderes konnte ich nicht nachvollziehen. Dann berichtete ich meinen Mitbrüdern. Sie sagten, ich solle mich um das Geschreibsel nicht kümmern. Dennoch ging mir der Mann nicht aus dem Kopf. Ich fuhr zu ihm. Er war ganz erfreut, bat mich herein und wir sprachen fast zwei Stunden. Dabei schüttete er mir sein Herz aus. Dann fanden wir viel Gemeinsames. Schließlich bat er mich, seine Wohnung zu segnen. Der Abschied fiel schwer.
A.W.

Bei einem Video-Treffen mit jungen Leuten aus ganz Europa entspann sich ein lebendiger Austausch. Eine Abiturientin klagte: „Wie soll ich mich in diesen unsicheren Monaten für einen Beruf entscheiden? Wofür mein Leben einsetzen? Das zu beantworten ist jetzt noch schwerer!“ Der Gesprächsfluss ging weiter. Ganz am Ende ließ eine Studentin aus dem Kosovo die Abiturientin wissen: „Weißt du, vor vier Jahren war ich mir auch nicht sicher, wohin mein Leben gehen sollte. Es war vieles möglich! Da habe ich meine Bibel aufgeschlagen und die Stelle gelesen, auf die mein Blick fiel. Darüber kam ich mit Gott ins Gespräch. Ich spürte, wie ich Klarheit fand für meine nächsten Schritte.“ Das Gesicht der Suchenden hellte sich auf. Es war wohl ein guter Impuls für ihren weiteren Weg.
M.W.

Ich wohne in einem Wohnheim, wo wir eine gemeinsame Küche nutzen. Einer von uns ist ziemlich unordentlich. Als ich mir eines Morgens Kaffee machen wollte, herrschte Chaos in der Küche; er hatte Gäste gehabt und alles so hinterlassen, wie es war. Nicht nur mich störte das. Einer war so empört, dass er vorschlug, nichts anzufassen, bis der Übeltäter es merken würde. Zurück in meinem Zimmer kreisten meine Gedanken immer wieder um das Durcheinander in der Küche. Was tun? Ihm eine Lektion erteilen oder ein Zeichen der Nächstenliebe setzen? Ich ging in die Küche, begann Gläser und Geschirr zu spülen, brachte den Müll raus. Zurück am Schreibtisch hatte ich den Eindruck, dass ich wieder besser verstand, was ich las.
G.T.

Ich lernte Alvaro in einer Trattoria kennen: 35 Jahre, verwahrlost, mit ungepflegtem Bart. Als er mich bat, ihm bei einigen Bewerbungen zu helfen, verabredete ich mich mit ihm für den nächsten Tag. Er tauchte erst abends auf und bekannte, dass es ihm nur um meine Freundschaft ging. Als ich die Abscheu vor seinem Geruch überwunden hatte, bot ich ihm einen Wein an. Er begann, mir von seinem Leben zu erzählen. Stunden verstrichen. Der Morgen dämmerte bereits, als er sich verabschiedete. Ich traf ihn wieder und stellte ihn meinen Freunden vor, die ihn mit gleicher Offenheit aufnahmen. Er revanchierte sich mit verschiedenen Arbeiten: ein echter Alleskönner. Dann fand er Arbeit, heiratete und bekam zwei Kinder. Jahre später war er ein anderer Mensch. Er hatte seine Würde wiedergewonnen, auch dank des Vertrauens, das wir ihm entgegengebracht hatten.
A.C. (Italien)

Während der Einweisung in einen Aushilfsjob als Verkäufer von Sandwiches fragte ich, ob ich unverkaufte an Obdachlose verteilen dürfe. Das passte nicht zum Image des Unternehmens; ich wurde nicht eingestellt. Danach fand ich einen Job in der Küche eines Restaurants. In Absprache konnte ich nachts übriggebliebene Lebensmittel an Notleidende verteilen. Eines Tages teilte mir der Chef mit, dass nur noch ein Helfer in der Küche benötigt werde. Ich antwortete, dass dann mein muslimischer Kollege bleiben sollte, weil er Familie hatte. Mein Chef sagte mir, dass die Wahl zwar auf mich – einen jungen Mann – gefallen war, er nun aber seine Entscheidung überprüfen wolle. Am nächsten Tag entschied er, dass wir beide weiterarbeiten könnten!
D. (Großbritannien)

(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, Juli/August 2020)
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