1. Oktober 2020

PASSIERT

Von nst5

Aus dem Leben mit dem Wort

Illustration: (c) ourlifelooklikeballoon (iStock)

Ich hatte Urlaub in Italien geplant.
Aber obwohl die Grenzen wieder offen waren, schien mir die Reise nicht ratsam – auch, um die in meinem Umfeld zu schützen, die der Risikogruppe angehören. Ich entschloss mich zu einem Aktiv-Urlaub zu Hause. Ich wollte etwas für meine Fitness tun und die Umgebung mit dem Fahrrad erkunden. Außer durch die Schutzmaßnahmen selbst wenig beeinträchtigt, verfolgte ich das Pandemie-Geschehen in den Medien und war getroffen vom Leid so vieler, die nicht nur der Krankheit ausgeliefert, sondern auch wirtschaftlich in schwere Bedrängnis geraten waren. Ich entschied, das eingesparte Urlaubsbudget für sie zur Verfügung zu stellen. Dann schaltete ich auf Urlaubsmodus und war erstaunt, wie gut es gelang. Oft fanden sich Freunde, die gern eine Tour mit mir unternahmen. Der Urlaub hat mich erholt; es hat mir an nichts gefehlt.
D.S.

In unserem Mehrparteien-Haus lebte ein Ehepaar sehr zurückgezogen. Eines Tages stellte ich auf dem Friedhof fest, dass die Frau dort begraben war. Bis dahin wusste niemand, dass sie gestorben war. Wie sollten wir reagieren? Mit einer Nachbarin schrieben wir einen Abschiedsbrief an sie und legten ihn mit einem Blumenstrauß aufs Grab.  – Am Anfang der Corona-Krise ordnete ich Rezepte. Einen Kuchen wollte ich ausprobieren. Weil ich ihn allein nicht essen konnte, legte ich vor jede Haustür ein Päckchen. Als Erster rief besagter Nachbar an, um sich zu bedanken. Auch letzte Woche läutete das Telefon. Er wollte einfach wissen, wie es mir ging. Zum Schluss sagte er: „Bin ich froh, dass du deine Fröhlichkeit nicht verloren hast. Wenn alles vorbei ist, machen wir ein richtiges Fest im Haus.“
M.H.

Als ich gestern eine Hl. Messe im Internet verfolgte, kam mir der Gedanke: „Besuche heute Herrn H.!” Er  hatte Krebs und seine Frau pflegte ihn liebevoll. Ich machte mich auf in ein Blumengeschäft und suchte den schönsten Strauß aus. Ich weiß nicht warum, aber mit ein paar Zeilen erinnerte ich ihn daran, „dass Gott ihn unendlich liebt”, und dankte ihm für sein Wirken. Wegen der Vorsichtsmaßnahmen wollte ich den Strauß an der Tür übergeben. Doch seine Frau drängte mich in sein Zimmer. Er blickte auf, freute sich an den „schönen Blumen” und winkte mir zu. Heute Morgen bekam ich die Nachricht, dass er in den frühen Morgenstunden verstorben ist.
E.K.

Ich arbeite als Ärztin in einer Praxis. Als ich morgens dort ankam, überfiel mich die Arzthelferin sofort mit der Nachricht: „Das Internet funktioniert nicht!“ Ich liebe solche Vormittage! Ich habe versucht, alles in Gang zu bringen, aber letztlich musste ich unseren Computerexperten anrufen. Die Mitarbeiterin dort begrüßte mich freundlich: „Wie geht es Ihnen?“ Etwas verärgert sagte ich: „Wenn mein Internet funktionieren würde, ginge es mir noch besser.“ Sofort wurde mir bewusst, dass sie ja auch nichts dafür konnte, und schaffte es, mich auf sie einzulassen. Während wir freundlich plauschten, meldete sich das Internet funktionierend zurück.
B.M.

Meine täglichen Wege auf schmalem Gehsteig in einem Randbezirk von Wien bieten mir die Chance, anderen kleine Freuden zu bereiten. So versuche ich immer, viele ganz persönlich zu grüßen. Aber in der Corona-Zeit geht es um den Abstand. So suche ich vorauszuschauen: Erwachsene mit Kindern oder Kinderwagen kommen mir entgegen oder andere, die die ganze Breite des Gehsteigs brauchen. Wir müssen einander ausweichen – aber wie? Schon aus der Entfernung suche ich eine Lücke. Wenn dann nach wenigen Sekunden die Begegnung stattfindet, sind die Passanten überrascht, dass sie sich nicht um den Abstand kümmern müssen, und lächeln mich freundlich an.
H.S.

Im Einkaufszentrum des Dorfes hatte ich einen über 80-jährigen Mann getroffen. Er war der Bruder meines Schwiegervaters. Vor einigen Jahren hatten er und die Familie seines verstorbenen Bruders meinem Schwiegervater das Land genommen, das dieser mit seinen Ersparnissen aus seiner Arbeit bei der ostafrikanischen Eisenbahn gekauft hatte. Sie hatten behauptet, er habe es mit dem Geld ihrer Großmutter gekauft. Meine Schwiegereltern mussten deshalb wegziehen und lebten seither bei uns. Die Familien sind verfeindet. Sie grüßen sich nicht, vermeiden es, einander zu treffen. Die Brüder sind wie Fremde. Auch wir Kinder wurden von diesem Kreislauf des Hasses nicht verschont. Aber Jesus fordert uns auf, unsere Nächsten zu lieben! Und als ich diesen Mann dort sah, rief ich ihn. Zweimal. Er drehte sich um und kam auf mich zu. Er lächelte. Ich auch. Er fragte: „Wie geht’s dem großen Bruder? Grüß’ ihn!“ Weil er Probleme mit dem Laufen hatte, bot ich ihm an, ihn mitzunehmen. Er war sehr glücklich. Unterwegs wollte er wissen, wie es uns geht, ob unsere Töchter geheiratet hatten; er schien um unser Wohlergehen besorgt. Die ganze Zeit sagte ich innerlich: „Jesus, du bist es. Ich liebe dich.“ Denn ich hatte Angst: „Was werden die Leute sagen?“ Jeder hier wusste um die Feindschaft zwischen unseren Familien. Als wir vor unserem Haus ankamen, fragte ich ihn, ob er den Rest allein gehen könne. Er bejahte und segnete mich.
V. (Kenia)

(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, September/Oktober 2020)
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