Anstöße geben und Ideen fördern

Seit sechs Jahren setzt sich Anita Berger in der Kirchenpflege in Lenzburg dafür ein, dass Neues in der Kirche Platz finden kann. Dabei sucht sie auch das Gespräch mit Menschen, die anders denken als sie selbst.

Fotos: (c) Luana Nava

„Komm ruhig herein!“ Anita Berger empfängt mich herzlich an der Tür des Pfarreizentrums der katholischen Herz Jesu Kirche in Lenzburg, am Sonntag nach dem Gottesdienst. Seit sechs Jahren ist sie nun ehrenamtlich in der Kirchenpflege tätig, zwei davon als Präsidentin. Davor war sie über zehn Jahre in der Freiwilligenarbeit. „Das ist genug“, scherzt sie heute. Neben ihrer Familie mit drei Kindern und ihrem Amt in der Kirchenpflege absolviert sie momentan einen Aufbau-Studiengang in Organisationsentwicklung, dessen Inhalte sie selbstbewusst in die Kirchenarbeit integriert.
Geboren in Ungarn, kam Anita im Alter von vier Jahren mit ihren Eltern in die Schweiz, nachdem sie – unter anderem aus Glaubensgründen – ihre alte Heimat verlassen mussten. Sie kamen in der Hoffnung, den Glauben in der Ferne frei ausleben zu dürfen und der damit verbundenen Haltung, für den Glauben alles zu riskieren. Heute distanziert sich Anita vom starken, radikalen Glauben ihrer Eltern, weiß ihn jedoch auch versöhnlich in die eigene Geschichte einzubetten und bezeichnet ihn als „starr, aber nicht böse gemeint“. Jedoch prägte dieser traditionelle Glaube sie für lange Zeit und kennzeichnet den Beginn eines Weges, in dem die Abgrenzung von der Einstellung der Eltern und die Öffnung für andere Glaubensansichten stetige Begleiter blieben.
Anita kam mit zwanzig Jahren für die Pflegeausbildung nach Zürich – und begann nach einem Ort zu suchen, wo sie ihren Glauben mit anderen teilen konnte. Im Studentenheim des „Opus Dei“, in dem sie die ersten paar Monate auf Wunsch des Vaters lebte, wurde es ihr jedoch schnell zu eng – trotz der guten Beziehungen, die sie dort lebte. Mit einer Portion Selbstironie erzählt sie von der darauffolgenden Zeit, in der sie die Vielfalt der christlichen Bewegungen kennenlernte: Sie war nach und nach nicht nur bei Opus Dei, sondern auch bei der Schönstattbewegung, Pro Ecclesia, Aktion365 und der Fokolar-Bewegung und versuchte sich – wie sie heute sagt – ihre „eigene Suppe zu mischen“. Als ihr nahelegt wurde, sich zu entscheiden, blieb sie bei der Fokolar-Bewegung, bei der sie heute noch ist. Doch die ständige Suche nach einer Gemeinschaft und nach gelebtem Glauben endete damit nicht, sondern durchzieht ihr gesamtes Leben. Weil sie sich stark für Kirchgemeinden interessiert und dafür, wie sie funktionieren, konnte sie Erfahrungen in unterschiedlichsten Pfarreien sammeln.

Foto: privat

Was hat sie von der Vielfalt an Gemeinden und Bewegungen mitgenommen? „Ich bin offener geworden“, davon ist Anita heute überzeugt. Und obwohl sie deutlich die Unterschiede innerhalb der Gemeinschaften sieht, erkennt sie heute: „Ich habe wunderbare Beziehungen in jeder Gemeinschaft aufgebaut.“ Sie fügt hinzu: „Es gibt bei jeder Gemeinschaft drei Ebenen. Da gibt es den Gründer oder die Gründerin, die Spiritualität und schliesslich die Mitglieder der Gemeinschaft. Und es ist sehr wichtig, diese Ebenen auseinanderzuhalten.“ Oder wie der Priester an diesem Tag im Gottesdienst erwähnte: „Die Kirche ist nicht heilig wegen uns, sondern wegen Jesus.“ Dies bedeutet auch, dass die Kirche immer nur das ist, was die Menschen in ihr sind. Mit einem liebenswürdigen, jedoch klaren Blick beschreibt Anita die Personen, die schlussendlich eine Bewegung oder Gemeinschaft zu dem machen, was sie ist. Und zwischen Gründer/in, Spiritualität und Mitgliedern zu unterscheiden hilft ihr auch heute in ihrem Alltag als Präsidentin der Kirchenpflege.
Anita führt mich weiter um die hohe, weiße Herz Jesu Kirche herum über den grünen Rasen vor dem Pfarreihaus. Die Luft riecht nach Herbst und Wind, und sie zieht ihre olivgrüne Jacke noch näher an sich, während sie mir die Umgebung zeigt. Der Garten vor dem Pfarreihaus wirkt friedlich. Ein schmaler, extra angelegter Erdstreifen bildet die Grenze zum Parkplatz: ein  Ansatz für mehr Biodiversität auf den Grundstücken der Kirchengemeinde. Das ist nur eine von vielen Initiativen, welche Anita in ihrer Kirchgemeinde vorantreiben möchte. Dabei sind ihr insbesondere die Familien und die Jugendlichen ein großes Anliegen. Sie hat schon kürzere Predigten, innovative Gottesdienstformate und die vermehrte Unterstützung von Hilfsbedürftigen angeregt. So setzt sie sich täglich und überzeugt dafür ein, dass Kirchengemeinden auch in ein paar Jahrzehnten noch Orte der Gemeinschaft sein können.

Herz Jesu Kirche in Lenzburg

Die drei Kirchen Herz Jesu, St. Antonius von Padua und St. Theresia vom Kinde Jesu, welche alle der Kirchgemeinde des Pastoralraums Region Lenzburg angehören, sind gemäss dem dualen System organisiert. Das duale System ist eine Eigenheit der katholischen Kirche in der Schweiz. Es sieht vor, dass die pastorale Seite – die Pfarrei – gemeinsam mit der Kirchgemeinde, zu der die Kirchenpflege gehört, das kirchliche Leben gestalten. Die Kirchgemeinde – die staatskirchenrechtliche Seite – ist demnach verantwortlich für die Finanzen, die Verwaltung, das Personal und die Instandhaltung der Infrastruktur. Ihre Mitglieder werden von den Gemeindemitgliedern gewählt. Die pastorale Seite ist verantwortlich für die Inhalte des Gemeindelebens, zum Beispiel die Gottesdienste und die Begleitung unterschiedlicher Gruppen. Zu ihr gehören alle Aktivitäten der Seelsorge, seien sie von haupt- oder ehrenamtlich Mitwirkenden getragen. 
Trotz all der positiven Aspekte dieser Zusammenarbeit bleiben Konflikte nicht aus. Anita stößt immer wieder an Grenzen: „Wir als Kirchgemeinde haben keinen Selbstzweck. Es bringt uns nichts, wenn die Gebäude in zwanzig Jahren noch stehen, dafür aber leer sind.“ Deswegen sucht sie immer wieder das Gespräch mit den Seelsorgern und Priestern, gibt Denkanstöße, versucht zu begeistern. Doch wie geht das konkret?
Woran es Anita nicht fehlt, sind Ideen und Engagement. Sie sieht in Liturgie und Verkündigung, Nächstenliebe und Gemeinschaft, den vier Grundvollzügen der Kirche, Chancen, Bestehendes zu überdenken und zu verändern. Auf der Ebene der Liturgie unterstützt Anita mit vollem Enthusiasmus innovative Formate wie Familiengottesdienste, eine Spielecke in der Kirche, kinder- und jugendgerechtere Predigten. Sie fügt an: „Unser Pfarrer predigt wunderbar, aber nur für die Erwachsenen. Da möchte ich eine Änderung anregen“.

Kirche St. Theresia, Seon

Im Bereich der Verkündigung setzt sie sich dafür ein, dass neue Technologien zum Zuge kommen, dass  Bibelzitate auf der Webseite der Pfarrei veröffentlicht werden oder dass die Gemeinde einen gemeinsamen Adventskalender gestaltet. Dies seien an sich kleine Anstöße, die jedoch zu einem größeren Dialog beitragen können. „Ich muss nicht vorne stehen, sondern möchte den Boden schaffen, damit solche Initiativen möglich werden“, fügt Anita an. So seien schon viele neue Ideen von Mitgliedern der Gemeinde und Mitarbeitern eingebracht und auch umgesetzt worden. „Ich sehe mich dabei als den Stachel, der die anderen immer wieder etwas anstupst und motiviert.“

St. Antonius, Wildegg

Auch der Dienst am Mitmenschen (Diakonie) und die gelebte Gemeinschaft (Koinonia) liegen ihr sehr am Herzen. Deshalb schaut sie, dass die Kirchgemeinde ihr Budget in diesen zwei Bereichen auf keinen Fall kürzt. Dass Anita in ihrer Arbeit innerhalb der Kirche nicht nur einfache Situationen erlebt hat, kann man ihr buchstäblich ansehen. Denn sie ging so weit, sich nach einem Konflikt ihre langen Locken abzuschneiden. „In der Bibel wird Haare abschneiden meistens als Verlust der Lebenskraft gezeichnet. Bei mir war das Gegenteil der Fall!“, lacht sie und fügt an: „Es hat mich gestärkt!“ Denn auch innerhalb ihrer Gemeinde stoßen manche ihrer Anregungen und Fragen auf Wiederstand. Anita berichtet über eine harte Mobbing-Erfahrung, in der sich eine Gruppe direkt gegen sie wendete. Ihre Art zu denken und auch mal auf Schwachstellen aufmerksam zu machen, war unbequem, hat aufgerüttelt, hat manchen Angst gemacht, ihnen könnte etwas weggenommen werden. Doch selbst über diese schwierigen persönlichen Herausforderungen spricht sie mit einer grossen inneren Stärke und lockeren Ernsthaftigkeit und bringt dabei sogar immer wieder ein herzhaftes Lachen unter. Im Bezug auf Konflikte innerhalb und ausserhalb ihrer Arbeit in der Kirchgemeinde meint Anita: „Es wäre viel einfacher zu gehen, als zu bleiben und etwas zu verändern.“ Transparenz und Ehrlichkeit liegen ihr am Herzen; sie bleibt, auch dann, wenn es schwierig ist. Gerade wenn problematische Situationen auftreten, ist es für sie wichtig, darüber zu sprechen: „Ich brauche das Gespräch mit anderen. Denn nur vor dem Tabernakel mit Jesus zu sitzen ist schön, aber es kommt so wenig konkret zurück.“ Schliesslich ist es auch Anitas Ziel, dass die Kirchgemeinde zu einem Ort des Austausches wird; zu einem Ort, an dem suchende und gläubige Menschen in ihrem Leben und Glauben begleitet werden. Und dafür wird sie sich weiter mit Bestimmtheit und Optimismus einsetzen
Luana Nava

(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, November/Dezember 2020)
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