2. Februar 2024

Seelenblindheit

Von nst5

Rassismus und Kirche

Die Theologin und Rassismusforscherin Marita Wagner sieht die katholische Kirche weiterhin in der Gefahr, „Weiß-Sein“ mit „Herrschersein“ oder „Reinheit“ gleichzusetzen. Es gebe rassistische Strukturen und Denkmuster, die eine gleichberechtigte Teilhabe aller Gläubigen behinderten. Menschen verschiedenster Biografien und sozialer Herkünfte sollten das kirchliche Leben mitgestalten und Entscheidungsprozesse gleichberechtigt mitverantworten können. Das bedeute auch, Priester, etwa aus Nigeria oder Indien, nicht nur auf eine Rolle als Sakramentenspender zu reduzieren und mit ihrer Hilfe die personellen Lücken aufgrund des Priestermangels zu füllen.
Die Kirche in Deutschland könne viel von „People of Color“ lernen. Diese hätten aufgrund ihrer Erfahrungen ein ausgeprägtes Bewusstsein für ausgrenzende Strukturen. Sie hätten gelernt, „in einer Welt zu überleben, die ihnen oft ein gleichwertiges Menschsein abspricht“. Hierfür sei es wichtig, sich als weiß sozialisierte Menschen mit dem eigenen rassistischen Denken auseinanderzusetzen, betont Wagner. Dabei gehe es nicht um einen gewollten Rassismus rechtspopulistischer Gruppierungen, sondern um ein oft unbewusst rassistisches Denken, „in das wir von Kindesalter an“ hineingewachsen seien. Auch müssten die Perspektiven des globalen Südens in der deutschsprachigen Theologie stärker aufgegriffen werden, etwa im Religionsunterricht in Schulen und in den theologischen Fakultäten.

Unerbittlich
In der Europäischen Union sind Schwarze Menschen einer allgegenwärtigen und unerbittlichen Diskriminierung ausgesetzt. Das stellt die Agentur der Europäischen Union für Grundrechte in einer im Oktober 2023 veröffentlichten Studie fest. In 13 Mitgliedsstaaten wurden im Jahr 2022 rund 6750 Schwarze Menschen befragt, ob sie in den vergangenen zwölf Monaten Rassismus erfahren haben. Besonders häufig war das in Deutschland und Österreich der Fall. Das sind in Österreich gut 50 Prozent mehr als noch 2016, in Deutschland gar fast doppelt so viele. Für die Schweiz gibt es keine vergleichbaren Zahlen, doch auch hier stellte die Eidgenössische Kommission gegen Rassismus 2017 fest, dass Schwarze Menschen mit struktureller Diskriminierung, Stigmatisierung und Alltagsrassismus konfrontiert seien.

Foto: (c) Vladimir Vladimirov (iStock)

Angst
„Allen Formen des Rassismus ist gemeinsam, bestimmte Gruppen von Menschen von der eigentlichen Gemeinschaft auszuschließen, über sie Herrschaftsregeln anzuwenden und durchzusetzen. Rassismus ist vor allem das Produkt der Angst einer Mehrheit vor einer Minderheit, die gleichzeitig zum Sündenbock für alle negativen Entwicklungen erklärt wird. … Die in Deutschland heftigste Angst ist die Angst vor Fremden, vor Ausländern, Andersfarbigen, Ungläubigen, also die Angst vor anderen Menschen.“
Quelle: www.bpb.de

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Schule
Über 4000 Schulen in Deutschland haben sich dem Netzwerk „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ angeschlossen. Der terroristische Angriff der Hamas auf Israel und die Reaktion Israels darauf haben massive Auswirkungen auch auf diese Schulen. In einem Brief wendet sich Sanem Klaff, die Direktorin des Netzwerkes, an die Mitgliedsschulen:
„Wir sehen mit Erschrecken, wie Antisemitismus von diversen Seiten unverhohlen und öffentlich zum Ausdruck gebracht wird. Jüdische Schüler*innen tragen den Davidstern zurzeit unsichtbar unter dem Pullover, sie haben Angst vor antisemitischen Angriffen auf dem Schulweg. Palästinensische Schüler*innen beteiligen sich lieber nicht an der Diskussion über den Nahen Osten und bleiben stumm, weil sie rassistische, muslimfeindliche Angriffe befürchten.
… Die militärische und politische Lage im Nahen Osten können wir nicht beeinflussen, aber wir tragen die Verantwortung dafür, wie wir unser hiesiges Zusammenleben gestalten, damit wir weiterhin friedlich zusammenleben können. … Auch dann, wenn historisches Wissen über die Region fehlen sollte, ist der Austausch untereinander hilfreich und notwendig.“
Der ganze Brief sowie Hinweise für den Unterricht finden sich hier: www.schule-ohne-rassismus.org


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Der Artikel oben ist erschienen in der NEUEN STADT, Januar/Februar 2024.
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