Der Spannungsspezialist
Peter Kossen erkennt und benennt Ungerechtigkeit.
Mit Spannungen kennt er sich aus. Er geht hinein. Mitunter erzeugt er sie. Er hält sie aus. Und läuft nicht weg.
Die einen sagen, er sei ein Held. Für andere ist er ein Verräter. Als er mir die Tür zu seiner Wohnung öffnet, steht da ein Mensch mit Herz vor mir.
Peter Kossen, 56, Pfarrer und ein „Aktivist im Kampf für Gerechtigkeit“, wie ZDF-Autorin Scarlett Sternberg ihn in ihrer Dokumentation jüngst nannte. Sein Geheimnis: Er hört hin und hört zu und das so intensiv mitunter, dass Tränen fließen können und Menschen in Not ihr Schweigen brechen und ihm übel wird.
Er lässt sich treffen. Bewegen. Er ist Seelsorger. Lange hatte er den Mitarbeiterinnen vom Caritasverband zugehört und ihren Geschichten über Menschen aus Osteuropa, die in Schlachthöfen ausgebeutet wurden. Irgendwann ist es einfach zu viel, was er gehört hat, und Peter Kossen traut sich zu reden. In einem Vorabend-Gottesdienst an einem Samstag im August. Er redet in Vechta, einem Landkreis in Niedersachsen, der mit die größte Viehdichte in Deutschland aufweist.

Er spricht über Schlachthöfe und ihre Betreiber. Über moderne Sklaverei. Alle wissen davon. Niemand redet darüber. Ein katholischer Priester in Südoldenburg, einer Hochburg der Christlich Demokratischen Union (CDU), wo sie stolz sind auf das, was sie aufgebaut haben, bricht ein Tabu.
Er steht da im Gewand im Altarraum und sagt Sätze wie: „All das, worauf wir in Südoldenburg stolz sind: Fleiß, Innovation, Mut und auch unser Gemeinschaftsgefüge verrottet von innen, wenn es uns nicht gelingt, Rechte und Gerechtigkeit allen zugänglich zu machen, auch den Migranten.“
Sätze, die treffen und sein Leben für alle Zeiten verändern. Seither ist Peter Kossen ein Stachel im Fleisch der Schlachthof-Betreiber bundesweit. Er ist wie einer, der Licht ins Dunkel einer Branche bringt, der Profitgier scheinbar über alles geht.
Er, der Mann Jesu, geht an den Kern der christlichen Botschaft. „Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan“ (Matthäus 25,40). Gott solidarisiert und identifiziert sich mit den Kleinen und Schwachen. Diese Solidarität, so sein Credo, gelte es den Schwächsten zu zeigen, den Menschen ohne Lobby.
2012 ist das. Im November liegt eines Morgens ein abgezogener Tierkadaver vor seiner Haustür, „ein Kaninchenfell mit einem Kopf dran“. Ein Mitarbeiter erzählt ihm davon, nachdem er den Kadaver entsorgt hatte. Kossen wird klar, da wollen ihn mächtige Leute zum Schweigen bringen. Er reagiert sofort, geht zur Polizei und informiert die Presse.
Ob die Schlachthof-Betreiber für ihn menschenverachtende Ausbeuter sind, lässt er ebenso offen, wie die Frage nach der persönlichen Verantwortung von uns allen, die Fleisch aus Massenproduktion essen. Man macht sich doch mitschuldig an den skandalösen Bedingungen in den Mega-Schlachtereien, oder?
Peter Kossen ist in Rechterfeld, einem Dorf unweit von Vechta, aufgewachsen. Sein Vater Georg arbeitete bei der Bundesbahn. Seine Mutter Ida war als Küsterin tätig. Er hat zwei Schwestern und einen Bruder. Bildungsgerechtigkeit war im Hause Kossen richtig wichtig.
Die Eltern gaben ihren Kindern mit auf den Weg, sich in der Schule für die einzusetzen, die da nicht so zurechtkamen. Diese Haltung, sich für Außenseiter zu engagieren, prägt seine Kindheit und Jugend. Dahinter steht die Erfahrung der Eltern, die selbst nur die Volksschule besuchen durften, da sie von Heuerleuten abstammten, landlosen Landarbeitern, denen der Zugang zur Bildung weitgehend verwehrt blieb. Dieses Schicksal seiner Vorfahren prägt Peter Kossen und bestärkt ihn, sich für Menschen am Rande der Gesellschaft einzusetzen.

Manche seiner Mit-Priester, sein Bischof und auch Gläubige sahen und sehen sein Engagement durchaus kritisch. Freunde und Bekannte distanzierten sich von ihm. Als sich abzeichnete, dass Haltung zeigen seinen Preis haben würde, stellte er sich die Frage: „Mache ich weiter oder höre ich auf?“ Er fuhr mit dem Rad zu seinen alten Eltern. Sie sprachen über das Sich-allein-gelassen-Fühlen und seine Mutter meinte schlicht: „Da muss man sich auch treu sein.“ Er sah das als Fingerzeig, seinen Weg weiterzugehen.
Heute ist Peter Kossen als Pfarrer im westfälischen Lengerich tätig, einer Industriestadt am Fuße des Teutoburger Waldes, die ihren Wohlstand unter anderem der Zementindustrie verdankt.
Als er dort ankommt, stößt er bald auf Anfragen aus den Kindergärten der Stadt. Erzieherinnen wenden sich mit der Bitte an ihn, über die Nöte von bulgarischen Familien, die in der Fleisch-Branche tätig waren, ins Gespräch zu kommen.
Aus den ersten Kontakten entwickelt sich mit Hilfe eines befreundeten Juristen die Idee, einen gemeinnützigen Verein zu gründen, um Menschen, die in Schlachthöfen arbeiten, beraten zu können. So entsteht am 4. Januar 2019 die „Aktion Würde und Gerechtigkeit“ 1. Der gemeinnützige Verein will Arbeitsmigrantinnen und -migranten aus Ost- und Südosteuropa in ihren Rechten stärken. Ein Netzwerk von Juristen und juristisch geschulten Ehrenamtlichen soll ihnen den Rechtsweg leichter zugänglich machen. Der Verein will deren oft prekäre und menschenunwürdige Lebens- und Arbeitssituation sichtbar machen und ihnen durch Beratung ein Arbeitsleben in Würde und Gerechtigkeit ermöglichen sowie ihre Integration und Teilhabe – und die ihrer Familien –unterstützen.
Im November 2020 erhält Peter Kossen einen Anruf aus dem Bundesarbeitsministerium. Das Arbeitsschutzkontrollgesetz drohe an fehlenden Stimmen aus der CDU zu scheitern. Sein Engagement und seine Expertise seien gefragt. Er setzt sich montagmorgens früh in den Zug nach Berlin. Im Handgepäck ein Papp-Schild mit der Aufschrift: „Werkverträge und Leiharbeit verbieten! Keine Schlupflöcher im Arbeitsschutzkontrollgesetz!“ Sein Ziel: das Konrad-Adenauer-Haus, die Parteizentrale der Christlich Demokratischen Union.

Eine Redakteurin der Wochenzeitung „Die Zeit“ ist vor Ort. Ein Fotograf hält den Ein-Mann-Protest fest. „Die Zeit“ titelt: „Der heilige Peter der Schlachthöfe“. Er verweise mit seinen Aktionen auf den Kern von Religion – oder wie er es nennt: „Den Schwachen eine Stimme geben.“
Am 30. Dezember 2020 wird das Arbeitsschutzkontrollgesetz verabschiedet. Darin wird grundsätzlich verboten, Fremdpersonal im Kerngeschäft der Fleischindustrie (Schlachtung, Zerlegung und Fleischverarbeitung) einzusetzen. Das Fleischunternehmen darf damit im Kernbereich nur eigene Arbeitnehmer beschäftigen. Der Gesamtbetriebsratsvorsitzende einer der größten Fleischproduzenten in Europa schickt ihm eine Mail, in der schreibt: „Wir waren so oft verzweifelt. Durch Ihren Einsatz bewegt sich etwas.“
Kossen gibt sich dennoch keinen Illusionen hin. Es fehle an Kontrolleuren. Die Schlacht-Industrie finde zudem neue Wege, die Ausbeutung geschickter zu kaschieren. „Was ich nicht sehe“, wird Kossen deutlich, „ist eine Haltungsänderung.“
Während seiner Zeit im Priesterseminar im westfälischen Münster, Mitte der 1990er-Jahre, trifft er auf Studienkollegen, die sich der Fokolar-Bewegung zugehörig fühlen. Ihre Haltung fällt ihm auf. „Die haben sich nicht so zugeballert mit frommen Zeichen im Zimmer. Die hörten nicht nur Bach. Die hatten auch schon mal frische Blumen auf dem Zimmer stehen.“
Er findet Impulse für sein geistliches Leben. Er lernt eine große Offenheit kennen. „Diese Weite verbunden mit dem Gedanken der Einheit, das fasziniert mich bis heute.“
Es geht um Wahrnehmen. Es geht um Benennen. „Wenn wir Christen an die Ränder gehen“, so erlebt er, „verwässern wir nicht. Wenn wir uns gesellschaftlich reinhängen, vertun wir nichts, sondern kommen zu dem oder leben aus dem, was uns trägt.“
Kossen ist ein Spannungsspezialist. Er geht hinein. Mitunter erzeugt er sie. Er hält sie aus. Er erlebt Ungerechtigkeit, Hass und Menschenverachtung. Er läuft nicht weg. Er scheitert auch.
Von Klaus Hemmerle, dem verstorbenen Mitbegründer der Fokolar-Bewegung, habe er den Satz gehört, das Reich Gottes könne nur erscheitert werden. „Erscheitern.“ Ein Wortspiel. „Dennoch ein passendes Wort“, findet Kossen. „Wenn man etwas Wertvolles erscheitert, heißt das ja, man geht tatsächlich durch das Scheitern durch. Auch das prägt mein Leben.“
Peter Kossen hat eine stille Seite. Manchmal fragt er sich: „Rechne ich eigentlich noch mit Gott? Trage ich ihm auch die kleinen Dinge und alles Ungelöste vor? Oder sage ich ihm immer schon vorher meine Lösung?“
Er ringt mit seinem Gott und verweist auf die Propheten. Die seien mal mehr, mal weniger glücklich mit ihrem Gott gewesen. So wie er wohl. Seine innere Verbindung zu diesem seinem Gott ist für Peter Kossen der Ursprung seiner Mission.
Die ist stetig im Wandel. „Ich kann gar nicht mit dem Anspruch auftreten“, so Kossen, „dass ich nächstes Jahr noch genauso aktiv bin. Natürlich gehe ich davon aus. Vielleicht hat der liebe Gott aber auch die Idee, dass ich nächstes Jahr ganz woanders bin.“ Für ihn gehöre das zu seinem Abenteuer dazu. „Hoffentlich komme ich dann auch drauf, dass es gut so ist.“
Hubert Schulze Hobeling
1 Mehr Informationen unter wuerde-gerechtigkeit.de
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Der Artikel oben ist erschienen in der NEUEN STADT, November/Dezember 2025.
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