3. Dezember 2025

Gütergemeinschaft ist Geben und Nehmen

Von nst5

Elisabeth Lennes

Foto: privat

Elisabeth Lennes
hat in Graz Betriebswirtschaft und Wirtschaftspädagogik studiert. Derzeit leitet sie das Begegnungszentrum der Fokolar-Bewegung in Wien. Seit 2019 ist sie Beraterin für den Bereich „Gütergemeinschaft, Arbeit und Wirtschaft“ der geistlichen Gemeinschaft in Deutschland, Österreich und der Schweiz.

Christlich gelebte Gütergemeinschaft kann man nicht verordnen. Sie ist nur dort echt, wo sie freiwillig gelebt wird und von Herzen kommt. Diese Grunderfahrung der Fokolar-Bewegung begeistert mich immer neu. Gütergemeinschaft „geschieht“, wenn Menschen sich als Teil einer lebendigen Gemeinschaft erfahren. Dann bleiben sie nicht gleichgültig gegenüber der Not und den Bedürfnissen anderer. Gütergemeinschaft ist so eine von vielen Ausdrucksformen der (Nächsten-)Liebe.
Dabei geht es nicht um Almosen. Gütergemeinschaft wird dort gelebt, wo sie gegenseitig wird: Wo man wie unter Freunden – und mit Freude – das tauscht und teilt, was man hat, ohne dass einer in die Schuld des anderen gerät. Sie ist Geben und Nehmen. Das meint nicht nur Geld oder materiellen Besitz; auch Zeit, Talente, Fähigkeiten, sogar Erfahrungen und eigene Bedürfnisse sind „Güter“, die Einzelne einbringen und anderen zur Verfügung stellen können. Eine Bitte aussprechen, eine Not offenlegen „kostet“ dabei manchmal mehr, als einen großen Geldbetrag zu geben.
Gütergemeinschaft lebt von Transparenz, Nähe und Vertrauen. Je konkreter und „fassbarer“ Bedürfnisse eingebracht und wahrgenommen werden, desto spontaner die Reaktionen. Je stärker die Verbundenheit, desto mehr können die Bedürfnisse anderer berühren und zu den eigenen werden. Je weiter die Kreise des Austausches werden, umso wichtiger wird das Vertrauen in diejenigen, die das Gegebene verwalten. Und um den „Kreislauf“ nachhaltig zu stärken, geht es nicht nur darum, Rechenschaft abzulegen, sondern auch darum, die Erfahrungen zu teilen, die aufgrund der „Gabe“ möglich wurden.
In einem solchen Verständnis von Gütergemeinschaft ist Besitz nichts Verwerfliches. Auch Talente sind ja Geschenk und man darf sich darüber freuen. Noch schöner – und auch für den Einzelnen beglückender – ist es, wenn sie so genutzt werden, dass sie zu einem größeren Gemeinwohl beitragen können. Wer sich dabei als „Verwalter“ des Besitzes sieht, kann diese Schritte leichter gehen. Für mich meint das, die persönlichen Dinge so behandeln, als gehörten sie allen, und sich für das, was der Allgemeinheit gehört, so verantwortlich fühlen, als sei es persönlicher Besitz.
Gütergemeinschaft leben heißt auch nicht unbedingt, dass man alles weggibt, was man hat. Das wäre verantwortungslos. Es geht um den „Überfluss“. Der ist subjektiv und eigene Bedürfnisse sind unbedingt zu beachten und zu respektieren. Ein hilfreiches Bild ist das der Pflanzen, die aus dem Boden und der Luft die Nährstoffe aufnehmen, die sie brauchen. Und da braucht jede Pflanze anderes. Das scheint mir sehr wichtig für ein gutes Verständnis von „Überfluss“ und für das Maß an Vorsorge, die es verantwortungsvoll zu treffen gilt.
Trotzdem kann es einen auch dazu drängen, für den anderen etwas zu riskieren, sich scheinbar zu verausgaben. Dass dann noch eine zusätzliche Dynamik ins Spiel kommt, ist eine typische Erfahrung der Gütergemeinschaft, die aus dem Evangelium inspiriert ist: „Gebt und es wird euch gegeben werden“ (Lukas 6,38). Diese Zusage Gottes und sein Eingreifen immer neu und ganz konkret zu erfahren, gehört für mich zu den berührendsten Erlebnissen der Gütergemeinschaft.


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Der Artikel oben ist erschienen in der NEUEN STADT, November/Dezember 2025.
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