3. Dezember 2025

Als Unternehmer Menschen nahe sein

Von nst5

Johannes Binder

Foto: privat

Johannes Binder
ist seit 2003 Geschäftsführer der Binder HandelsgmbH in St. Andrä-Wördern, Niederösterreich. In zwei Lebensmittel-Geschäften beschäftigt er 30 Angestellte. Den Betrieb hat er von seinen Eltern übernommen und weiterentwickelt. Zuvor hat er die Handelsakademie besucht und acht Jahre in einer Steuerberatungskanzlei gearbeitet.


Wie kann ich in der Arbeitswelt solidarisch leben? Die Frage hat mich schon beschäftigt, als ich noch nicht selbstständig war. Ich bin überzeugt, dass jeder und jede durch die eigene Haltung einen Unterschied machen kann. Dort, wo er oder sie steht.
Als Chiara Lubich 1991 den Impuls zur „Wirtschaft in Gemeinschaft“ (WiG) gab, habe ich diese alternative Wirtschaftsform interessiert verfolgt. Es geht darum, dass Unternehmer nicht nur an Gewinnmaximierung denken, sondern ihren Blick weiten auf Notleidende, sich einsetzen für die Ausbildung und Schulung von Menschen und in die eigene Zukunftssicherung investieren. Dabei hat sich im Lauf der Jahre gezeigt, dass jeder Betrieb in den eigenen Zusammenhängen verstehen muss, wie das gelebt werden kann.
Für mich bedeutet es zuallererst: Es geht um die Menschen! Tatsächlich machen Personalthemen mindestens die Hälfte meiner Arbeitszeit aus. Da geht es um Planung, Konflikte, Entscheidungen. Mir ist wichtig, dass wir als Team gut funktionieren. Wir brauchen einander. So versuche ich immer wieder, den Blick Einzelner auf die Position der anderen zu weiten, um Verständnis zu werben für die jeweiligen Eigenheiten, die Kommunikation untereinander zu fördern und an das Miteinander zu appellieren.
Wenn ich den Menschen in den Mittelpunkt stelle, geht es auch um faire Bezahlung; darum, auch denen eine Chance und eine Ausbildung zu geben, die sonst vielleicht keine bekommen. Wichtig ist, dass es für das Team tragbar ist und Neue ins Team passen.
Es gibt immer wieder stressige Situationen. Und es ist meine Aufgabe, dafür zu sorgen, dass es auch dann läuft, und dafür auch klare Vorgaben zu machen. Wenn ich dabei übers Ziel hinausgeschossen bin, laut oder ungeduldig war, entschuldige ich mich. Das gilt auch Kunden und Lieferanten gegenüber. Wir sind gemeinsam ein Team.
Lernen geschieht nicht nur in Kursen und Seminaren, sondern auch durch das Leben in der Arbeit. Durch den Umgang, die Wertschätzung, das Miteinander. So freut es mich, wenn bei einem Engpass jemand spontan einspringt. Andererseits versuche ich es auch zu organisieren, wenn jemand kurzfristig einen freien Tag braucht. Gegenseitigkeit ist wichtig.
Der Mensch ist wichtig! Das bedeutet nicht, dass wir ein Sozialprojekt sind. Wir müssen immer wieder hinschauen, was für den Betrieb finanziell möglich ist. Denn es braucht auch die Weiterentwicklung. Wichtig ist mir, nicht zu knapp zu kalkulieren, damit es für alle lebbar bleibt. Und wenn es möglich ist, geben wir etwas vom Erwirtschafteten für Notleidende weiter.
Es ist nicht immer einfach, die Prinzipien der WiG umzusetzen, auch weil die Betriebe, die sich daran orientieren, oft klein sind. Trotzdem scheint es mir heute wichtiger denn je, sich in der Wirtschaftswelt diese Fragen zu stellen. Hier in Österreich gibt es seit zwei Jahren auch Kurse an der Universität – und die Studierenden analysieren dabei auch WiG-Betriebe. Sie sehen so: Es gibt Alternativen zum aktuellen Leitbild der großen Betriebe und Konzerne. Vielleicht bringt es sie zum Nachdenken, wie sie ihren Führungsstil einmal leben wollen. Veränderung geht nur, wenn möglichst viele an den kleinen Schrauben drehen und etwas tun.

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Der Artikel oben ist erschienen in der NEUEN STADT, November/Dezember 2025.
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