Partner statt Bittsteller
Entwicklungszusammenarbeit ist ein Ausdruck weltweiter Solidarität.
Wem nützt sie? Wo liegen ihre Chancen, wo die Gefahren? Im Gespräch mit Ariel Hernandez, der in diesem Bereich forscht.
Foto: (c) Skip Tan
Herr Hernandez, wie hat sich die Entwicklungszusammenarbeit in den letzten Jahrzehnten verändert?
Es hat sich einiges bewegt. Das war aber auch bitter nötig!
Inwiefern?
Nachdem viele kolonialisierte Nationen von europäischen Ländern unabhängig geworden waren, galt der Grundsatz, dass reiche Länder ärmeren helfen sollten. Das war nach der jahrhundertelangen Ausbeutung nur recht und billig, schuf aber neue Abhängigkeiten. Die Hilfe aus Europa war nämlich nicht uneigennützig, sondern an Bedingungen geknüpft: Wenn etwa die Philippinen Entwicklungshilfe bekommen wollten, mussten sie Technologien aus den westlichen Ländern kaufen, selbst wenn günstigere philippinische Produkte verfügbar waren. Und auch wenn es philippinische Experten und Ingenieure gab, mussten jene aus europäischen Ländern angeheuert werden.
Was hat sich geändert?
Entwicklungszusammenarbeit geschieht mehr auf Augenhöhe. Dazu hat beigetragen, dass die Süd-Süd-Zusammenarbeit zugenommen hat: Länder wie Indien arbeiten mit anderen Ländern des globalen Südens zusammen und sprechen dabei von Partnerschaft. So bürgerte sich auch in Europa der Begriff Entwicklungspartnerschaft ein.
Lange Zeit bestimmten etwa ganz selbstverständlich die Geberländer die Auffassung von Wirklichkeit und dem, was wissenschaftlich ist, das Weltbild und die Zielvorgaben bei Entwicklungsthemen. Denken und Weltbild der Empfängerländer, von indigenen Gemeinschaften etwa, blieben außen vor. Mündlich überlieferte Traditionen und ein großer Teil des Wissens der Menschheit wurden so gar nicht berücksichtigt. Das hat zu einer Debatte geführt, wie andere Formen des Wissens und der Erkenntnis als gültig angesehen und einbezogen werden können. Dazu gehört auch die Rolle von Religion und Spiritualität.
Wie lässt sich vermeiden, dass durch Hilfsprojekte neue Abhängigkeiten entstehen?
Entscheidend ist, wie stark die Beteiligung der lokalen Partner ist. Das Projekt muss auf Dauer ohne die Hilfe der Geber bestehen können. Das kann gelingen, wenn die Partner vor Ort es als ihres empfinden und Verbesserungen erkennen. Daher sollten sie bei der Planung von Anfang an eingebunden sein, von der Beschreibung der Problematik an bis zur Finanzierung. Auch sollten lokales Know-how und lokale Experten beteiligt werden. Schließlich sollte sichergestellt sein, dass die Empfänger die Technik selbst warten und die Finanzen verwalten können, bevor die europäischen Helferinnen und Helfer abziehen.
Ist es nicht verständlich, dass Staaten, die andere Länder unterstützen, etwas davon haben wollen?
Ja und nein. Hilfe muss zunächst von den Empfangenden auch als solche empfunden werden. Wenn sie Partner sind und nicht Bittsteller, dann kommt die Hilfe fast automatisch auch den Gebenden zugute.
In Deutschland gibt es für die Entwicklungszusammenarbeit ein eigenes Ministerium. Außenpolitik ist stärker mit Eigeninteressen verknüpft. Entwicklungspolitik hingegen sollte vermitteln: „Wir helfen, auch wenn es nicht unmittelbar in unserem Interesse ist.“
Worin bestehen die positiven Auswirkungen für die Geberländer?
Entwicklungszusammenarbeit erweitert die Spielräume politischer Einflussnahme. Die Zusammenarbeit mit China etwa stärkt die Klimapolitik und erlaubt uns einen gewissen Einfluss auf die Menschenrechtspolitik. Das gegenseitige Vertrauen wird in einem Bereich gestärkt, was auch Bereiche positiv beeinflusst, wo wir uns nicht einig sind.
Entwicklungszusammenarbeit kann helfen, Lieferketten zu stabilisieren. Sie ist auch Krisenprävention. Über sie lässt sich Einfluss auf die Migration nehmen: Wenn es einem Land besser geht, haben die Bewohner weniger Anlass, nach Europa zu gehen.
Die Zusammenarbeit kann ein Gewinn über die beiden Partnerländer hinaus bedeuten: Deutschland hat mit Indonesien in der Tsunami-Warnung zusammengearbeitet und dabei eine Technologie entwickelt, die andere Staaten genauso nützen können.
Immer mehr im Kommen sind Dreieckskooperationen. Deutschland gibt zum Beispiel Geld an die Philippinen, das mit seinem Know-how ein Projekt in Vietnam umsetzt. Auf diese Weise profitieren drei Länder; das Eigeninteresse Deutschlands rückt in den Hintergrund, das Kontrolle und Macht abgibt, wodurch das Vertrauen wächst. Allerdings kann Deutschland dann auch leicht den Philippinen die Schuld in die Schuhe schieben, wenn das Projekt keinen Erfolg hat.
Ist also alles gut?
Sicher nicht. Entwicklungszusammenarbeit führt zuweilen immer noch zu neuer Abhängigkeit. Häufig vergeben die reichen Länder etwa ihre Hilfe in Form von – wenn auch günstigen – Darlehen und die Partnerländer müssen Schulden aufnehmen. Ich bezweifle, dass dies noch vertretbar ist, wenn wir unsere historische Verantwortung sehen und unser Ziel die globale Gerechtigkeit ist.
Hinzukommt, dass verschiedene Formen der Hilfe in Konkurrenz zueinander stehen. Derzeit ist Klimapolitik wichtig; sie bindet Mittel, die nicht mehr zur Bekämpfung der Armut zur Verfügung stehen. Klimageld fließt in Länder wie China und Indien, die hohe Emissionen haben und ohnehin schon auf dem Weg zur Industrialisierung sind. Die Gelder für humanitäre Hilfe werden gekürzt. Wenig entwickelte Länder wie etwa Mali erhalten so weniger Geld. Da müssen Prioritäten überdacht werden.
Neben staatlichen Akteuren gehen auch Nichtregierungsorganisationen (NGO) und private Organisationen Entwicklungspartnerschaften ein. Wo liegen deren Stärken und Schwächen?
NGO und Zivilgesellschaft sind für globale Partnerschaften unverzichtbar! Ihr Vorteil ist die Nähe zu den Menschen. Einheimische NGO kennen die Probleme und wissen, was die besten Lösungen sein könnten. Eine Schwäche liegt darin, dass sie abhängig sind von Spenden, oder – wenn sie öffentliche Geldgeber haben – viel Arbeit in die Berichterstattung stecken müssen. Hinzu kommt, dass die Projekte meist nur eine Laufzeit von ein, zwei Jahren haben und damit nur eine begrenzte Wirkung. Oft sind NGO zu klein, um notwendige Veränderungen im System bewirken zu können. Andererseits können sie manches dadurch ausgleichen, dass sie mit anderen NGO vernetzt sind.
Gleichzeitig sollten wir nicht nur NGO als Partner wählen, die schon erfolgreich und etabliert sind. So werden sie zu Platzhirschen, was neue Ungleichheiten schafft. Wir müssen bereit sein, Fehler zu machen und mit NGO zu arbeiten, die noch wenig Erfahrung und keine großen Kapazitäten haben. Durch sie lernen wir neue Perspektiven kennen und kommen auf neue Ideen.
Sehen Sie Ansätze globalen Wirtschaftens, die dazu beitragen könnten, der weltweiten Solidarität näherzukommen?
Da ist zum Beispiel das Modell der Sozialen Beschaffung: Es bedeutet, dass Unternehmen und öffentliche Institutionen so einkaufen, dass sie neben den benötigten Gütern und Dienstleistungen auch einen sozialen, wirtschaftlichen oder ökologischen Mehrwert schaffen.
Oder die Kreislaufwirtschaft, die Materialien und Produkte durch Wiederverwendung, Reparatur und Recycling so lange wie möglich im Wirtschaftskreislauf hält.
Oder die missionsorientierte Wirtschaftspolitik, die dem Staat eine aktive Rolle bei den notwendigen Veränderungen gibt, insbesondere hin zu nachhaltiger Entwicklung und grünen Innovationen.
Einen Beitrag leisten auch Klima- und Menschenrechtsstandards. Viele Menschen sind bereit, mehr für ein Produkt zu zahlen, wenn es ohne Kinderarbeit oder die Zerstörung von Wäldern hergestellt wurde.
Es gibt also Ideen und eine Reihe guter Ansätze.
Bei weltweiter Solidarität denken wir schnell an materielle Hilfe. Wie sonst kann man sich solidarisch zeigen?
Es gibt zahlreiche Wege. Städtepartnerschaften; Interesse für die kulturellen Gepflogenheiten und Denkweisen der Menschen aus anderen Ländern, die mit uns leben; die Bereitschaft, von ihnen zu lernen: All das kann gelebte Solidarität sein über das Materielle hinaus. Denn Solidarität hat nicht nur mit Geld zu tun, sondern auch mit Macht, Wissen und Teilhabe, einschließlich der Beteiligung an Ressourcen.
Als Wissenschaftler und Akademiker sind wir gut beraten, die Partner aus dem globalen Süden nicht als Objekt der Untersuchung zu betrachten, sondern als Mit-Autoren. Manche Wissenschaftler stellen schon ihre Daten zur Verfügung, so dass die Kolleginnen und Kollegen dort darauf zugreifen und damit eigene Untersuchungen durchführen können.
Welche Haltung empfehlen Sie denjenigen, denen Solidarität in der Menschheitsfamilie ein Anliegen ist?
Die Einstellung zur weltweiten Solidarität drückt sich oft in der Frage aus: „Tut der globale Süden genug?“ Stattdessen sollten wir fragen: „Wodurch wurde diesen Ländern die Handlungsfähigkeiten entzogen? Was verhindert, dass sie zu Wohlstand kommen?“ Die ungleichen Machtverhältnisse und die beherrschende Wirtschaftskraft unserer Länder sind häufig Ergebnis der Kolonialisierung. Viele Europäer vergessen, dass sie Teil des Problems sind.
Wenn wir helfen, dann nicht nur, weil wir uns verpflichtet fühlen, nicht aus Mitleid, sondern aus dem Bedürfnis nach Gegenseitigkeit. Es ist Teil unseres Menschseins. Manche Menschen helfen nicht, weil sie Angst haben, dass ihr Wohlstand dadurch abnimmt. Andere haben keine Angst; sie helfen, weil sie frei sind. Sie verstehen sich nicht als Retter, sondern als Mitbewohner unseres Planeten.
Herzlichen Dank für das Gespräch!
Clemens Behr

Ariel Hernandez
arbeitet als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Leibniz-Institut für Globale und Regionale Studien in Hamburg (GIGA). Seine Forschungsschwerpunkte sind Globalisierung und Entwicklung sowie Transformationen und Nachhaltigkeitspolitik. Hernandez hat 2011 in Wien in Politikwissenschaft und 2014 in Köln in Wirtschafts- und Sozialwissenschaften promoviert. Er stammt aus den Philippinen und kam 1998 nach Europa.
dr-ariel-hernandez.com
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Der Artikel oben ist erschienen in der NEUEN STADT, November/Dezember 2025.
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