Hilfe von innen
Offener Brief an Hind al-Taif
Foto: (c) Right Livelihood
Sehr geehrte Frau al-Taif!
Ihr Land, der Sudan, ist „Schauplatz sowohl der schlimmsten humanitären Krise der Welt als auch der ermutigendsten Reaktion darauf.“ So schrieb das US-amerikanische Time Magazine Anfang des Jahres in einer Reportage über die „Emergency Response Rooms“ (Notfall-Hilfszentren), für die Sie als Sprecherin tätig sind.
Der brutale Bürgerkrieg zwischen zwei verfeindeten Generälen der Sudanesischen Streitkräfte auf der einen und der Miliz „Rapid Support Forces“ auf der anderen Seite hat seit April 2023 über 150 000 Menschen das Leben gekostet und die weltweit größte Geflüchtetenkrise ausgelöst. 26 Millionen Menschen haben nicht genug zu essen.
Bereits bei der Revolution 2019 spielten Sie als Mitglied der Widerstandkomitees eine wichtige Rolle. Der mehrmonatige Aufstand führte zum Sturz von Diktator Omar al-Baschir und ermöglichte eine Übergangsregierung aus Zivilisten und Militärs. Im Oktober 2021 putschten die Militärs. General Abdel Fattah al-Burhan wurde Präsident, der Milizenführer Muhammad Hamdan „Hemedti“ Dagalo sein Stellvertreter. Dieses Bündnis hielt nicht lange und mündete 2023 in einen Bürgerkrieg, der bis heute andauert.
Mit der „ermutigendsten Reaktion“ meint das Time Magazine die Emergency Response Rooms (ERR), von etwa 10 000 einheimischen Freiwilligen betriebene Netzwerke, die lebenswichtige humanitäre Hilfe leisten. Sie haben Zehntausende Menschen aus Konfliktgebieten evakuiert, sauberes Wasser und medizinische Hilfsgüter bereitgestellt und die wenigen noch funktionierenden Krankenhäuser mit Treibstoff und Hilfsgütern beliefert. Sie betreiben Gemeinschaftsküchen, die Millionen von Menschen versorgen.
Die Unterstützung der internationalen Gemeinschaft für die Zivilbevölkerung im Sudan ist beschämend gering. Auch viele Hilfsorganisationen haben sich zurückgezogen, weil sie um die Sicherheit ihrer Mitarbeitenden besorgt sind. So kämpfen Sie zumindest um internationale Aufmerksamkeit für die Arbeit der ERR. „Die Anerkennung und Fürsprache von Seiten großer Organisationen bietet unseren Freiwilligen mehr Schutz.“ Tatsächlich sind sie Repressalien von beiden Bürgerkriegsparteien ausgesetzt. Einige haben ihren Einsatz mit dem Leben bezahlt. Außerdem weisen Sie darauf hin, dass internationale Aufmerksamkeit zu höheren Spenden führt, damit die ERR ihre Arbeit fortsetzen können.
John Prendergast, früherer Direktor für afrikanische Angelegenheiten im Nationalen Sicherheitsrat der USA, sieht das Wirken der ERR als „eine der höchsten Ausdrucksformen gelebter Menschlichkeit“. Und Samantha Power, ehemalige Leiterin der US-Behörde für internationale Entwicklung, weist darauf hin, dass die Arbeit der ERR „nicht nur das Fundament der humanitären Hilfe in dieser Krise“ bildet, sondern „auch entscheidend für die Zukunft des Sudan“ sei – „Vorbild für eine reaktionsschnelle, gerechte und bürgernahe Regierungsführung, wie sie das sudanesische Volk verdient.“
Es bleibt zu hoffen, dass diesem vielstimmigen Lob für Ihre Arbeit auch konkrete Unterstützung der reichen und mächtigen Nationen folgt, um Ihre Arbeit zu unterstützen.
Mit freundlichen Grüßen,
Peter Forst, Redaktion NEUE STADT

Hind al-Taif
ist eine Sprecherin der sudanesischen Emergency Response Rooms (Notfall-Hilfszentren). Die von einheimischen Freiwilligen betriebenen Netzwerke leisten lebenswichtige humanitäre Hilfe in den vielen Gebieten des Bürgerkriegslandes, in denen es an internationaler Unterstützung mangelt. Die Emergency Response Rooms (ERR) erhalten den Right Livelihood Award 2025, auch als „Alternativer Nobelpreis“ bekannt, weil sie – so die Begründung – „inmitten von Krieg und Staatszerfall gemeinschaftliche Nothilfe für die würdevolle Versorgung von Millionen von Menschen aufbauen.“
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Der Artikel oben ist erschienen in der NEUEN STADT, November/Dezember 2025.
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