Zehn Jahre, 30 000 Mahlzeiten
Der aufmerksame Blick auf eine Notlage
setzte eine Kettenreaktion in Gang. Davon profitieren Nehmende und Gebende.

Fred Lauber
lebt in Hartheim am Rhein am Rand des Schwarzwalds. Aus einer Konfliktsituation in seiner Kirchengemeinde Bad Krozingen-Hartheim und seinem Wunsch, sich nach der Pensionierung als Krankenpfleger „sinnstiftend“ einzubringen, entstand vor zehn Jahren „TreffBunt“, ein wöchentlicher Mittagstisch.
Es war vor gut zehn Jahren: Obdachlose hatten den Platz vor der Kirche als ihren neuen Treffpunkt auserwählt. Viele empfanden das als anstößig. Es kam zu Konflikten. Im Caritasausschuss machten wir uns Gedanken. Wir wollten sie nicht des Platzes verweisen, fanden aber auch keinen Zugang. Dann kam eine Frau auf mich und einen Pastoralmitarbeiter zu. Sie hatte früher Kontakte in die Szene und bot ihre Unterstützung an. Nach vielen Abwägungen schlugen wir einen wöchentlichen Mittagstisch als Ort der Begegnung vor. Dafür sprachen wir auch andere Gruppierungen in der Stadt an, warben um Ehrenamtliche und fanden Unterstützung.
Im März 2015 ging es los. Seitdem nehmen jeden Donnerstag um 12 Uhr 70 bis 90 Personen das Angebot im Pfarrsaal wahr. Etwa 30 000 Mahlzeiten und 2000 gespendete Kuchen gingen bisher über unsere Theke. Ein Team von 15 Ehrenamtlichen kümmert sich um das Kochen und 20 bis 25 Kuchenbäckerinnen bringen je nach Möglichkeit einen Kuchen. Jede Woche haben wir so fünf bis sechs Kuchen, die von den Gästen sehr geschätzt werden.
Von Anfang an war uns wichtig: Es sollte ein Raum der Begegnung werden und deshalb dürfen zum Essenstreff nicht nur Bedürftige kommen. Und: Es gibt keine Unterschiede zwischen Team und Gästen. Wir setzen uns zum Essen mit an die Tische, und die Gäste können sich einbringen. So kommen die Jungs und Mädels von der Straße um 10 Uhr und stellen etwa 30 Tische und 80 bis 100 Stühle, nachmittags räumen sie dann alles wieder weg. Das funktioniert gut und ist ihnen wichtig.
Wir haben bemerkt, dass die Menschen auf dem Kirchplatz nur einen Aspekt der Not in der Stadt widerspiegeln. Die Beziehungsnot ist groß und betrifft auch Migranten der zweiten Generation und ältere Menschen, die wenig integriert sind. Auch sie nehmen das Angebot gern an.
Bei „TreffBunt“ kann jeder essen und trinken, bis er satt ist. Wer kann, gibt einen Beitrag in eine aufgestellte Kasse. Spenden von Privatpersonen, Kirchen und Gruppen ergänzen das. So mussten wir noch nie einen Spendenaufruf machen. Inzwischen gibt es auch einen „Verschenketisch“: Wer etwas zum Weitergeben hat, bringt es mit; Geschirr, Elektronik, Lebensmittel kommen da zusammen – und am Ende ist das meiste weg. Es gibt auch einen Tisch mit Hinweisen zu Beratungsangeboten, und manchmal können wir auf kurzen Wegen direkt einen Kontakt vermitteln.
Von Anfang an haben wir um 12 Uhr ein einfaches Tischgebet gesprochen und manchmal auch einen Gedanken, ein Erlebnis oder eine Sinngeschichte eingebracht. Darauf reagierten die Gäste sofort und unmittelbar. Inzwischen ist dieser Moment genauso wichtig wie das gemeinsame Essen und klingt in der einen oder anderen Weise in den Tischgesprächen nach. Wir teilen unser Leben. Gemeinsame Feiern, manchmal eine musikalische Umrahmung, … vieles entwickelt sich aus dem Miteinander. Für mich ist das eine bereichernde Erfahrung, durch die ich mich innerlich lebendig erfahre. Wir alle haben Spaß miteinander, und auch das Team hat nicht den Eindruck sich aufzuopfern: eine echte Win-Win-Situation für alle.
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Der Artikel oben ist erschienen in der NEUEN STADT, November/Dezember 2025.
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