3. Dezember 2025

Gesten der Zärtlichkeit

Von nst5

Solidarisches Handeln ist nicht selbstverständlich.

Warum es gerade heute sinnvoll ist, sich dafür stark zu machen.

Wer sich mit der Verteilung von Armut und Reichtum auf dieser Welt beschäftigt, kann mutlos, aufgebracht oder kämpferisch gestimmt daraus hervorgehen. Gerecht geht es auf unserem Planeten jedenfalls nicht zu. Die reichsten zehn Prozent der Weltbevölkerung besitzen vier Fünftel des Vermögens und beziehen mehr als die Hälfte des Einkommens. Hingegen müssen 700 Millionen Menschen täglich mit weniger als 2,15 US-Dollar auskommen; nach wie vor leben die meisten von ihnen auf der südlichen Halbkugel. Trotzdem betreffen Ungerechtigkeit und Ungleichheit nicht nur sie. Auch in unseren Ländern nimmt die Not zu. So waren 2022 in der Schweiz 8,1 Prozent der Bevölkerung von Einkommensarmut betroffen; gleichzeitig leben dort aktuell 152 Milliardärinnen und Milliardäre. 50 waren es 2024 in Österreich und 16,9 Prozent der Menschen dort lebten unter der Armutsschwelle. Deutschland weist nach jüngsten Medienberichten 256 Milliardäre auf, während 20 Prozent der Menschen von Armut und Ausgrenzung bedroht sind.
Die derzeitige wirtschaftliche und politische Lage führt dazu, dass staatliche Mittel für die internationale Zusammenarbeit auf den Prüfstand geraten, teilweise bereits gekürzt wurden. Auch sozialstaatliche Leistungen sind betroffen. Manche Äußerung in den Diskussionen ist bestens geeignet eine Neiddebatte anzuheizen, die Populisten noch zusätzlich befeuern.
„Einer für alle, alle für einen?“ – Solidarisches Denken und Handeln ist eine Haltung, die sich angesichts der Reden von „Ich-, Wir-, Unser Land-Zuerst“ anscheinend immer schwerer Gehör verschaffen kann.

Bild: (c) freepik (Freepik)

Schwindet die Solidarität also? Spontan spricht einiges dafür. Andererseits: Wenn ich auf das Spendenaufkommen allein in Deutschland schaue, komme ich ins Grübeln. Spricht das, was da zusammenkommt, nicht eine andere Sprache? Etwa bei „Ein Herz für Kinder“ (gut 23 Millionen Euro an nur einem Abend 2024), den „Sternstunden“ (25,5 Millionen im Jahr 2024) oder spontanen Hilfsaufrufen bei Katastrophen?
Auch die großen Hilfswerke der Kirchen verzeichneten 2024 meist höhere Spendenaufkommen als in den Jahren zuvor. Neben der Projektarbeit, die sie leisten, mahnen diese Träger auch beharrlich strukturelle Veränderungen an: etwa die Einführung einer globalen Milliardärssteuer und umfassende Reformen der internationalen Finanz- und Schuldenarchitektur. Denn: Eine Haltung der weltweiten Verbundenheit muss sich auch in gerechten Strukturen und Gesetzen niederschlagen. Dabei ist die Politik gefragt. Aber auch Organisationen, Verbände, Initiativen, die ihre Stimme für Schwache und Ausgegrenzte erheben.
Die nicaraguanische Schriftstellerin Gioconda Belli bezeichnet Solidarität als Zärtlichkeit der Völker. Was für ein schönes Bild! Mir gefällt, es auch auf Beziehungen von Menschen und Gruppen untereinander zu übertragen.
Wir Menschen sind Beziehungswesen. Wir leben nicht allein auf dieser Welt – weder als Gruppen oder Länder noch als Einzelne. Je mehr wir um diese Verbundenheit wissen, desto größer ist auch die Bereitschaft füreinander einzustehen. In Familie, Schulklasse, im Verein, am Arbeitsplatz und in der Nachbarschaft – über Gartenzäune und Grenzen hinweg. Solidarität ist das Gegenteil von Nationalismus, Eigennutz und Individualismus. Sie bedeutet, dass Menschen aufeinander Rücksicht nehmen; dass sie Hilfe geben und sie empfangen.
Solidarität kann man nicht verordnen und erzwingen. Sie ist eine freiwillige Selbstverpflichtung. Dabei zeigen Studien und praktische Erfahrungen, dass diese Selbstverpflichtung sehr vernünftig ist. In Ausnahmesituationen ist das eigene Wohlergehen, ja Überleben am besten gesichert, wenn nicht jeder auf sich schaut, sondern möglichst viele untereinander solidarisch sind.
Christliche Überzeugung ist es, dass alle Menschen Geschwister sind, unabhängig von Herkunft oder Glauben. Solidarität findet ihre Wurzeln dann auch in der biblischen Botschaft, insbesondere in der Zuwendung Jesu zu den Armen und Schwachen. Und im Gebot der Nächstenliebe.

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Wenn ich die Erzählungen von den Anfängen der Fokolar-Bewegung während des zweiten Weltkriegs in Trient höre, staune ich immer wieder neu über die Auswirkungen der Entdeckung dieser jungen Frauen. Sie haben Gott als liebenden Vater erfahren und sich deshalb den Menschen zugewandt. Ihre Mitmenschen und deren Not waren ihnen nicht mehr gleichgültig. Sie gaben, was sie hatten – und waren überzeugt, dass sie so die soziale Frage der Stadt lösen würden. Viele schlossen sich ihnen an und brachten, was sie „übrig“ hatten – Eier, Schuhe, Kartoffeln, Kleider, Geld, …  Gesten der Zärtlichkeit in einer gebeutelten Zeit.
Ihr Leben nach dem Evangelium setzte einen Kreislauf der Güter und Bedürfnisse, des Gebens und Nehmens, der gelebten Solidarität in Gang. Mehr noch: Sie erlebten dadurch, dass jener Gott, den sie als Liebe entdeckt hatten und für den sie all das tun wollten, für sie sorgte „wie für die Lilien des Feldes“, wie es das Evangelium zusagt. Sie erfuhren sein Eingreifen wie kleine Gesten /seiner/ Zärtlichkeit und erzählten, dass solche „kleinen, aber bedeutsamen Erfahrungen ihr Leben umrankten“. Ihr Leben nach dem Evangelium und ihr Bemühen zu lieben hatte Gott – wie sie sagten – „die Hände geöffnet“.
Ich erinnere mich noch gut an meine ersten Erfahrungen mit diesem Geben und Empfangen. Noch bis heute bringt es mich zum Staunen. Vielleicht weil es keine Garantie dafür gibt und das Geben aus Liebe immer auch einen Akt des Vertrauens voraussetzt. Wie schön und überwältigend ist es jedoch, dann die Zärtlichkeit Gottes zu erfahren, der so konkret und überraschend sorgt. Diese Erfahrung ist das Risiko wert.
Gegenseitigkeit, Solidarität, Zärtlichkeit – das sind Worte, die mir besonders ins Herz gefallen sind bei den Beiträgen dieser Nummer. Ich bin gespannt darauf zu hören, wie es Ihnen geht.
Gabi Ballweg


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Der Artikel oben ist erschienen in der NEUEN STADT, November/Dezember 2025.
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