Ökumenische Wegbereiter
Offener Brief an PRO ORIENTE-Präsident Clemens Koja
Foto oben: (c) Erzdiözese Wien/Schönlaub
Sehr geehrter Herr Koja!
Brücken schlagen zwischen den Kirchen westlicher und östlicher Tradition: Dieser Aufgabe hat sich die Stiftung PRO ORIENTE, deren Präsident Sie seit Anfang 2025 sind, seit über sechzig Jahren verschrieben. Eine Aufgabe, für die Sie und Ihr ganzes Team neben großem Einsatz auch Fingerspitzengefühl und langen Atem brauchen. Denn bereits 1054 spaltete sich die christliche in eine katholische und eine orthodoxe Welt; Brüche zwischen ihnen gab es aber schon wesentlich früher.
Begegnung ermöglichen, Gelegenheiten bieten, um Vertrauen aufzubauen und Freundschaften zu knüpfen – darauf setzt PRO ORIENTE vor allem. Denn gute Beziehungen sind die Basis, um in theologisch strittigen Fragen und in politisch schwierigen Situationen im Gespräch bleiben und Fortschritte erzielen zu können. PRO ORIENTE sei in der Ökumene „so etwas wie Johannes der Täufer: ein Vorläufer, der vieles tut, eröffnet und vorwegnimmt“, sagte Kardinal Kurt Koch, Präfekt des Dikasteriums für die Einheit der Christen im Vatikan, im September in Rom. Die österreichische Stiftung könne auf der informellen Ebene vieles in Gang setzen, was über den offiziellen ökumenischen Dialog nicht möglich ist. Das sei angesichts verschärfter Lagerbildungen und ausgesetzter Dialoge etwa mit der russisch-orthodoxen Kirche im Zuge des Ukraine-Krieges wichtiger denn je. So gesehen ist Ihre Arbeit auch ein bedeutender Dienst für den Frieden!
Ganz deutlich wird das mit Ihrem Projekt „Healing of wounded Memories“: Kriege, Hass und Diskriminierungen durch Angehörige einer anderen Kirche haben in der Vergangenheit Verletzungen verursacht, die kollektiv weitervererbt werden. In dem Projekt regen Sie Geistliche und Gläubige unterschiedlicher Kirchen an, neue Perspektiven auf Vergebung, Reue und Gerechtigkeit zu suchen. Beachtlich, dass Sie damit beispielsweise bei einer Konferenz im letzten März in Litauen unter anderem Theologinnen und Theologen aus der Ukraine, Belarus und Russland zusammengebracht haben.
Brücken bauen Sie auch mit dem Projekt „Dem Osten zuhören“: Die orthodoxen und altorientalischen Kirchen haben eine lange synodale Tradition. Um diese für den Synodalen Prozess in der katholischen Kirche fruchtbar zu machen, haben Sie 2022 drei Konferenzen in Rom veranstaltet. Dabei haben Theologinnen, Theologen und Jugendliche dieser Kirchen ihre Erfahrungen mit synodaler Praxis und Spiritualität eingebracht.
Überhaupt setzten Sie stark auf die junge Generation: In Ihren Workshops – zum Beispiel im Nahen Osten – erleben junge Menschen oft erstmals die Vielfalt kirchlicher Traditionen als Bereicherung. Eine Erfahrung, die sie für ihr Leben prägt. In Ihrer Präsidentschaft, Herr Koja, wollen Sie verstärkt Frauen unterstützen, denn gerade sie tragen oft wesentlich zu Versöhnung, Dialog und Frieden bei.
Die Einheit aller Christen wiederherstellen war eines der großen Ziele des Zweiten Vatikanischen Konzils. PRO ORIENTE hat es sich zu eigen gemacht und setzt immer neue Impulse für den Dialog zwischen den Kirchen. So kann Ihre Arbeit auch für unsere polarisierte Gesellschaft eine Blaupause sein! Wir wünschen, dass sie viele Früchte bringt!
MfG
Clemens Behr,
Redaktion Neue Stadt

Foto: (c) Erzdiözese Wien/Schönlaub
PRO ORIENTE
ist eine kirchliche Stiftung, die sich für die Annäherung der seit Jahrhunderten getrennten Kirchen des Ostens und des Westens einsetzt. Sie wurde 1964 von Kardinal Franz König ins Leben gerufen. Ihr Sitz ist in Wien; sie hat regionale Sektionen in Salzburg, Linz und Graz. Am 23. Januar 2026 bekam PRO ORIENTE in Aachen den von der Fokolar-Bewegung alle zwei Jahren verliehenen Klaus-Hemmerle-Preis verliehen.
pro-oriente.at
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Der Artikel oben ist erschienen in der NEUEN STADT, Januar/Februar 2026.
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