PASSIERT
Aus dem Leben mit dem Wort
Bei der Arbeit ist die Lage seit Langem angespannt. Heute konnte ich in einer Sitzung einen dringenden Wunsch platzieren. Er ist angenommen worden und kann bald umgesetzt werden. Darüber sollte ich glücklich sein, dankbar. Aber am Nachmittag holte mich die Anspannung ein. Ich konnte meine Entrüstung darüber nicht loslassen, dass ich drei Jahre lang Energie aufbringen musste, bis dieses Anliegen endlich aufgegriffen wurde. Dann stellte ich beim Einkauf fest, dass ich das Portemonnaie vergessen hatte. Ich wollte meine Einkaufstasche bei der Verkäuferin deponieren, um später zurückzukehren. Sie hat wohl meine Müdigkeit und Frustration gesehen: „Wissen Sie was? Ich bezahle das für Sie! Sie können es mitnehmen und mir morgen das Geld geben!“ Das hat mich umgehauen: Durch meinen deplatzierten Ärger hindurch hat Gott mir gezeigt, dass er mich und mein Bemühen sieht. Fast als würde er sagen: Es ist gut, geh den Weg weiter.
C.S.
„Einander in jeder Hinsicht helfen“, hatte ich mir am Morgen vorgenommen. Eine alkoholkranke Mitbewohnerin unserer Hausgemeinschaft klagte dann später, ihr sei so langweilig und so säße sie jeden Tag lange Zeit vor dem TV-Gerät. So lud ich sie ein – wenn auch mit ein wenig Bauchweh wegen ihres oft so aggressiven Verhaltens –, mir beim Verzieren der Lebkuchen zu helfen. Sie sagte sofort Ja und machte ihre Sache wirklich gut. Nachher war sie dankbar, dass sie sich nützlich machen konnte und ich froh, dass ich gleich drei Sorten Kekse fertigkriegen konnte.
M.Ö.

Ich hatte gerade das Frühstück für meine Mutter und mich zubereitet, als eine Pflegehilfe kam, die wöchentlich vorbeischaut. Sofort stellten wir uns auf sie ein. Sie wirkte bedrückt und erzählte von ihrer Arbeit bei „der Tafel“. Mehr und mehr Menschen kämen dorthin, um Lebensmittel zu erhalten. Ein kleiner Junge hatte nach einer Möhre gefragt. Gern hatte sie ihm diese gegeben und ihn ermutigt: „Du kannst dir auch zwei nehmen!“ Ganz schüchtern hatte der Kleine gefragt: „Kann ich mir auch fünf nehmen, dann habe ich für jeden Schultag etwas für die Pause!“ Diese Erzählung bewegte uns sehr. Als die junge Frau nach einer Viertelstunde wieder ging, gab ich ihr einen Beutel Mandarinen mit. „Was für ein Geschenk! Ich muss heute nach der Arbeit noch über eine Stunde fahren. So komme ich erst spät nach Hause. Jetzt habe ich Vitamine für den ganzen Tag!“
M.W.
Nur noch schnell ein paar Dinge einkaufen. Mit diesem Gedanken war ich zum Laden gefahren. Beim Hinausgehen dort traf ich eine Frau, die ich schon lange nicht mehr gesehen hatte. Ich stellte meine Einkaufstasche ab, um sie kurz zu grüßen. Schnell waren wir in einem Austausch. Sie hatte ihre Schwiegermutter über Jahre gepflegt; vor wenigen Tagen war sie nun gestorben. Das ging ihr richtig nah. So standen wir über eine halbe Stunde und sprachen miteinander. „Oh, weißt du, ich kam gerade von den Absprachen mit dem Beerdigungs-Unternehmer und ich habe so wenig Leute, mit denen ich wirklich sprechen kann. Wie gut, dass du gerade jetzt einkaufen warst und mir so viel Zeit geschenkt hast. In meinem Erzählen konnte ich meinen Schmerz teilen und irgendwie auch schon ein wenig verarbeiten. Danke!“
W.M.
Aufgrund einer Verkehrssituation wurde ich durch viele kleine Dörfer geleitet. Es war nachmittags gegen 16 Uhr. In einem der Dörfer stand am Straßenrand ein kleines Mädchen mit einem großen Schulranzen und einer Mütze, die sie sich tief ins Gesicht gezogen hatte, denn es war kalt. Ich konnte so gerade ihre Augen erblicken. Sie kam wohl von der Schule. Ich stoppte und winkte der Kleinen freundlich über die Straße. Sie begann ebenfalls zu winken und strahlte mich an. Als ich weiterfuhr, sah ich im Rückspiegel, dass sie mir immer noch nachwinkte. Froh und dankbar vertraute ich beim Weiterfahren diese kleine Erdenbürgerin und ihren Lebensweg Gott an.
P.W.
Gestern war ich im Supermarkt. Als ich mir die Produkte ansah, bemerkte ich, dass mich ein Herr beobachtete. Da ich ihn nicht kannte, setzte ich meinen Einkauf fort. Er wartete dann am Ausgang: „Erinnern Sie sich nicht an mich?“ Da mir sein Gesicht unbekannt war, bat ich um einen Hinweis. „Ich bin Stefan“, antwortete er, „und vor Jahren haben Sie mir sehr geholfen, indem Sie mir ein Dokument ausgestellt haben. Sehen Sie, ich habe es noch.“ Strahlend öffnete er seine Tasche und zeigte mir einen Ausweis, der vor Jahren für Ausländer ausgestellt wurde. Ich sah, dass er aus dem Jahr 1993 stammte. Er sagte: „Es ist zweiunddreißig Jahre her. Aber ich habe nie vergessen, wie Sie sich für mich eingesetzt haben und was dieses Dokument für mich bedeutete. Deshalb habe ich den Ausweis immer in Erinnerung an Sie aufbewahrt, danke!“ Er fügte hinzu: „Sie sind noch genauso wie damals.“ Da hatte er wohl die Falten nicht gesehen, aber er erinnerte sich an die Liebe. Und die bleibt.
M.F.
Ich arbeite im Pflegeheim und sprach heute mit der Seelsorgerin über die momentan etwas „schwere“ Stimmung im Haus. Viele Bewohnerinnen und Bewohner sind unsicher durch die Veränderungen der letzten Wochen: Einige Mitarbeitende sind in Pension gegangen, andere wurden an einen anderen Standort versetzt und eine Kollegin war länger krankgeschrieben; das spürte man einfach überall. Während wir zusammensaßen, kam mir plötzlich der Gedanke: „Warum eigentlich nicht zusammen beten?“ Zuerst habe ich etwas gezögert, aber dann habe ich es doch vorgeschlagen – und sie hat sich richtig gefreut. Beim Beten – ich kann es kaum beschreiben – hatte ich das Gefühl, als ob auch Gott sich richtig freut, dass wir ihn um Hilfe bitten, damit wir verstehen, welche Schritte wir gehen können, um wieder mehr Frieden und Ruhe ins Haus zu bringen.
C.G.
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Der Artikel oben ist erschienen in der NEUEN STADT, Januar/Februar 2026.
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