Ohne Erwartungsdruck und Perfektionswahn

Offener Brief an den Müttern zum Muttertag

Liebe Mamas und Muttis,

die israelische Soziologin Orna Donath hat im April mit der Veröffentlichung einer Studie eine Diskussion über die Mutterrolle losgetreten. Sie hat mit 23 Frauen zwischen Mitte 20 und Mitte 70 wissenschaftliche Interviews geführt, die – obwohl sie ihre Kinder lieben – bereuen, Mütter geworden zu sein: Bei allem, was sie auch von den Kindern zurückbekommen, überwiegen für sie letztlich die Nachteile!

Einige Begründungen der Frauen könnten genauso für eine Erwerbsarbeit gelten: Sie verlangt alles von uns ab, lässt kaum persönliche Freiheit; wir fühlen uns wie im Hamsterrad, aus dem wir nicht ausbrechen können. Wobei wenigstens die Möglichkeit besteht, einen Arbeitsplatz zu wechseln, während die Mutter immer Mutter bleibt.

Keine Frage, Kinder aufziehen ist ein Knochenjob! Verständlich, wenn Mütter irgendwann den Eindruck haben: Ich bin fremdbestimmt, alles dreht sich ums Kind, ich hab keinen Moment mehr Zeit für mich. Der Gedanke jedoch, alternativ führe ein Job automatisch ins Paradies Selbstverwirklichung, in die ersehnte Freiheit, kann sich schnell als Illusion erweisen! Denn dann greifen andere Zwänge und Abhängigkeiten: Fristen, die Anforderungen vom Chef, von Kollegen, Kunden…

Aber ist die Studie die Aufregung überhaupt wert? Sie bezieht sich gerade mal auf 23 von über vier Millionen israelischen Frauen. Bedenklicher als die Reue weniger, Mutter geworden zu sein, finde ich, dass Millionen Frauen bei uns gar nicht erst Mütter werden: Unter den Frauen im Alter von 40 bis 44 Jahren sind 22 Prozent kinderlos; Tendenz steigend.

Ein Grund mag die Erwartung sein, als Mutter und Berufstätige eine Doppelrolle auszufüllen. Gerade für Alleinerziehende wird es damit eng. Ein zweiter Grund ist der von vielen Medien geförderte Perfektionswahn: nur ja eine gute Mutter sein! Das heißt dann: mir keine Fehler erlauben, mein Kind möglichst gesund ernähren, es nicht benachteiligen, ihm alle Entwicklungschancen offen halten, seine Talente fördern, Schwierigkeiten abnehmen. Ist es wirklich das, was das Kind braucht? Sollte die Familie statt auf Perfektion nicht viel mehr Wert auf liebevolle Beziehungen legen? Wenn es der Mutter gut geht, färbt das doch auch auf das Kind ab!

Stattdessen muss sie jederzeit alles im Griff haben, zu Hause wie im Beruf, und zudem nett, sexy und gebildet sein! Und wenn das Kind nicht voll die Norm erfüllt, fällt auch das noch auf die Mutter zurück. Erschwerend kommt hinzu, dass in unserer Gesellschaft Kinderfreundlichkeit nicht gerade großgeschrieben wird. Sich angesichts des Drucks nicht überfordert zu fühlen, sondern eine gesunde Distanz und Gelassenheit zu bewahren, dazu braucht es ein dickes Fell oder eine kräftige Unterstützung – vom Ehemann, von Gleichgesinnten, einer Gemeinschaft.

Warum lasten die Erziehungserwartungen, der Druck vor allem auf den Frauen? Wie steht es um die Verantwortung der Väter? Auch wenn sich hier schon etwas bewegt hat, haben wir doch noch am Rollenverständnis zu arbeiten, bis wir Sie als Mütter entlasten können!

Ich bin meiner Mutter, meinen Eltern dankbar, dass sie mich und meine Geschwister angenommen und ins Leben begleitet haben. Ohne die verurteilen zu wollen, die – gewollt oder ungewollt – ein Leben ohne Kinder führen, danke ich auch Ihnen, dass Sie sich auf die Mutterschaft, die große Unbekannte, eingelassen haben! Und wünsche Ihnen, dass die Freude an und mit Ihren Kindern die damit verbundenen Lasten und Mühen weit übersteigt: Alles Gute zum Muttertag!

Mit freundlichen Grüßen,

Clemens Behr
Redaktion NEUE STADT

 

(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, Mai 2015)
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