10. Dezember 2009

Kruzifix und Lévi-Strauss

Von nst_xy

Europaweit für Aufsehen und Aufregung hat ein Urteil des Europäischen Menschengerichtshofes in Straßburg gesorgt, nach dem Kruzifixe in öffentlichen Schulen die Religionsfreiheit verletzen. Geklagt hatte ein italienisches Elternpaar, das in Italien nicht Recht bekommen hatte. Michele Zanzucchi, der Chefredakteur unserer italienischen Schwesterzeitschrift, kommentiert das Urteil.

Es war ein Zusammentreffen, das in der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen wurde: Am 3. November gab der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg dem Antrag eines italienisch-finnischen Ehepaares statt und entschied, dass die in italienischen Klassenzimmern aufgehängten Kruzifixe nicht mit dem Grundrecht auf freie Ausübung der Religion zu vereinbaren sind. Wenige Tage zuvor, am 30. Oktober, verstarb kurz vor Vollendung seines 101. Lebensjahres Claude Lévi-Strauss, herausragender Anthropologe, Begründer der Philosophie des Strukturalismus und Verfechter eine radikal aufklärerischen Kultur.
Mit Lévi-Strauss starb ein Denker, der wie kaum ein anderer die Symbole zu ergründen suchte und sie relativierte, indem er sie ihres mythischen Hintergrundes beraubte. Zeitgleich entschied eine der für das Zusammenleben der Menschen in Europa bedeutendsten Einrichtungen, das christliche Symbol schlechthin, das Kruzifix, von Gesetzes wegen zu relativieren und zu entmythologisieren.
Die Reaktionen auf dieses Urteil waren mehrheitlich ablehnend. Das am meisten vorgebrachte Argument lautete: Das Kruzifix ist nicht nur ein religiöses, sondern auch ein kulturelles Symbol. Einige Kommentatoren gingen sogar so weit zu sagen, das Kruzifix sei überhaupt einfach nur ein kulturelles Symbol. Doch wenn dem so wäre, dann hätte Lévi-Strauss recht: Das Kruzifix wäre ein Kultursymbol, nichts anderes, und damit relativierbar wie alle anderen Symbole kultureller Natur.
Aber Vorsicht! Wer die Symbole einer Kultur abschaffen will, läuft Gefahr, die Kultur auszulöschen, die diese Symbole hervorgebracht hat.

Wir sollten Symbole nicht abschaffen, sondern – gleich ob sie kultureller oder religiöser Natur sind – fördern und vermehren. Vielfalt ist ein Reichtum demokratischer Gesellschaften. Eine demokratische Gesinnung verbietet es demnach geradezu, den Menschen ihre Symbolik zu nehmen; denn hinter jedem Symbol verbergen sich Werte.

Vielmehr müsste es darum gehen, das friedliche und bereichernde Miteinander und Ineinander jedweder Verschiedenheit zu gewährleisten und zu fördern und dabei die Geschichte und die Tradition der Völker zu respektieren. Und es besteht nicht der geringste Zweifel an der Tatsache, dass das Kruzifix unsere europäischen Gesellschaften hervorgebracht hat und noch immer prägt.

Dann gibt es aber auch noch einen anderen Gesichtspunkt: Religiöse Symbole, zumal die christlichen, haben einen „Mehrwert“. Sie repräsentieren nicht nur eine Wirklichkeit, sondern fordern immer auch heraus, sind eine eindrückliche Einladung an die Angehörigen der jeweiligen Religion.

Auch wenn man die christlichen Symbole äußerlich gesehen abschaffte, blieben sie lebendig im Leben der Christen – jener Menschen, die der Trappist Thomas Merton als „wandelnde und sprechende Kruzifixe“ bezeichnet hat.
Beispiele dafür gibt es zur Genüge: die kleine christliche Gemeinde von Nagasaki, die über Jahrhunderte hinweg ihren Glauben bewahrte und weitergab, ohne jede Möglichkeit, ihn öffentlich zu bezeugen; die russischen Babuschkas, jene Großmütterchen, die unter dem Kommunismus den christlichen Glauben weitergetragen haben, während ihre Kirchen in Getreidespeicher umgewandelt wurden; oder Glaubenszeugen wie Dietrich Bonhoeffer, die unter dem Nazi-Regime ihr Christsein fruchtbar werden ließen.
Hier liegt meines Erachtens das eigentliche Problem, das durch die Frage, ob das Kruzifix ein kulturelles Symbol sei oder nicht nur verdeckt wird: die mangelnde Bereitschaft der Christen in Europa, nicht nur äußerlich zu ihrem Glauben zu stehen. „Wir brauchen lebendige Kruzifixe“, sagt Mutter Teresa von Kalkutta, „keine Kreuze, die in einem Schränkchen verstauben“, wie es die Schriftstellerin Margherite Yourcenar auf den Punkt brachte.
Michele Zanzucchi

Das Urteil
Das Kruzifx in Klassenzimmern öffentlicher Schulen verletzt die Freiheit der Eltern, ihre Kinder nach ihren eigenen philosophischen Überzeugungen zu erziehen, sowie Religionsfreiheit der Kinder und damit Artikel 2 (Erziehungsrecht) und Artikel 9 (Meinungs-, Gewissens- und Religionsfreiheit) der europäischen Menschenrechtskonvention. Zu diesem Urteil kam der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte am 3. November 2009. Er gab damit der Klage einer italienischen Mutter statt, die in Italien vergeblich das Abhängen des Kreuzes in den Unterrichtsräumen ihrer Kinder eingeklagt hatte. Gegen das Urteil hat die italienische Regierung Berufung eingelegt.

Michele Zanzucchi
(52) ist Direktor der Zeitschrift „Città Nuova“, der zweiwöchentlich erscheinenden italienischen Ausgabe der NEUEN STADT . Zanzucchi ist Autor zahlreicher Bücher und Dozent für Journalistik an der päpstlichen Universität Gregoriana in Rom

(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, Dezember 2009)
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