Fast wie ein Stehaufmännchen
Am 3. Oktober vor zwanzig Jahren wurde die Wiedervereinigung Deutschlands vollzogen. Seitdem hat Joachim Wolf aus Dresden schon x-mal seinen Job verloren. Trotzdem trauert er der DDR kein bisschen hinterher.
Sie können gehen!” Diesen Satz hört Joachim Wolf nicht zum ersten Mal. Die Stelle hat ihm die Agentur für Arbeit vermittelt: Gruppenleiter für Landschaftspflege in einer Behinderteneinrichtung. Dort hat er seine Kenntnisse als gelernter Gärtner einbringen können. Zwar ist der Umgang mit Behinderten neu für ihn gewesen, aber er hat sich ‘reingehängt. Dennoch ist jetzt nach knapp vier Monaten schon wieder Schluss damit: noch vor Ablauf der Probezeit!
Viel Zeit zum Ärgern über die unerwartete Kündigung nimmt sich der 52-Jährige diesmal jedoch nicht. Gleich am nächsten Tag schlägt er die Zeitung auf und durchforstet die Stellenangebote. Das war nicht immer so. Andere Male, als er seinen Arbeitsplatz verlor, hatte er dazu erstmal keine Kraft: Zu stark belastete ihn der Rausschmiss.
Was hat er nicht schon alles für Tätigkeiten angenommen? Im Organisationsbüro für den Katholikentag 1994 in Dresden hat er gearbeitet; in mehreren Gärtnereien und Landschaftsbau-Betrieben; als Hausmeister und Betreuer von Alkoholikern; drei Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen waren dabei. „Zwei Winter hab ich in der Kälte gestanden und Weihnachtsbäume verkauft.” Joachim redet sich in Fahrt. Selbst nach über zwanzig Jahren in Dresden hört man ihm immer noch an, dass er eigentlich Berliner ist.
Am meisten gedemütigt hat ihn die Beschäftigung bei einer amerikanischen Fastfood-Kette: Zwischen halb drei nachts und neun Uhr morgens im Akkord fettige Fritteusen und Lüfter sauber machen. Das Arbeitsklima war katastrophal, und die extreme Arbeitszeit eine Zerreißprobe für die Familie. Aber er biss die Zähne zusammen: „Ich kam mir vor wie ein Roboter!” Als ihm gekündigt wurde, fiel ihm ein Stein vom Herzen. – Alles in allem kommt er auf sechzehn verschiedene Jobs in den letzten zwanzig Jahren; drei Jahre und drei Monate lang war er arbeitslos.
„Beruflich immer wieder von vorn anfangen zu müssen, ist eine Riesen-Herausforderung!”
Die scheint er fast wie ein Stehaufmännchen zu meistern, allerdings nicht allein aus sich heraus. Auch seine Frau Barbara ist berufstätig; sie bringt andere Probleme mit nach Hause. Das Auf und Ab miteinander zu tragen, mit ihr über die Sorgen reden zu können und darüber, wie er mit der jeweiligen Situation umgehen kann, das gibt ihm Kraft. Auch seine beiden Kinder – 12 und 14 Jahre alt – verhindern, dass er in den kritischen Zeiten Trübsal bläst: „Mich auf ihre Welt einzulassen, lenkt erstmal von den eigenen Sorgen ab”, hat Joachim festgestellt. „Danach hab ich den Kopf wieder frei, um zu gucken, wie es bei mir arbeitsmäßig weiter gehen kann.”
Auftrieb gibt ihm auch die Gemeinschaft mit seinen „Kollegen” im Kernkreis. Joachim gehört zu den „Freiwilligen”, die aus dem Geist der Fokolar-Bewegung ihr gesellschaftliches Umfeld prägen wollen. In seiner Gruppe, dem Kernkreis, tauscht er sich mit anderen Männern darüber aus, wie er seinen Alltag aus dem Glauben heraus zu gestalten versucht. Seine „Brüder” – wie er sie nennt – hatten im Beruf auch schon schwere Zeiten zu meistern. Die haben sie dann gemeinsam durchgestanden, sich gegenseitig um Rat gefragt, Pläne geschmiedet, und manchmal tat einfach nur ihr Zuhören gut. „Mich baut auch das gemeinsame Gebet wieder auf”, erzählt Joachim. „Oder wenn ich einen Gottesdienst mitfeiere.”
Als Schüler war Joachim Wolf die große Ausnahme: In seiner Klasse der einzige katholische Christ, der einzige Ministrant, der einzige, der nicht an der Jugendweihe teilnahm. Verboten hatten es ihm die Eltern nicht, aber irgendwie spürte er selbst: Firmung und Jugendweihe, das passte nicht zusammen, wenn er sich treu bleiben wollte. Dafür musste er auf eine Klassenfahrt verzichten und fühlte sich aus der Gemeinschaft ausgeschlossen. „Da hab ich mich natürlich schon gefragt, warum tu ich mir das eigentlich an?”
Ein Sprung ins Wendejahr ’89: Im Sommer hatte Joachim geheiratet. Bei einer Stippvisite im Oktober in Karl-Marx-Stadt, wie Chemnitz zur DDR-Zeit hieß, bekam er zufällig mit, wie gerade die Züge mit den DDR-Bürgern durchfuhren, die sich in die Prager Botschaft geflüchtet hatten und in den Westen wollten. Das SED-Regime hatte Panzer auffahren lassen. Der Anblick und die Furcht, jeden Moment könnte es knallen, jagten ihm kalte Schauer über den Rücken.
Vier Wochen später traute er seinen Ohren nicht: Er wollte morgens gerade los zur Arbeit, da meldete das Radio, die Grenzen nach Westdeutschland seien offen! Dass die Nachricht stimmte, davon überzeugte er sich ein paar Tage später selbst. Dabei stieß er in Berlin Staaken nicht weit hinter den Grenzanlagen auf eine Gärtnerei, die ihn neugierig machte: „Ich hab den Mund nicht wieder zugekriegt, was es da alles im Angebot gab! Da biste im goldenen Westen, hab ich gedacht.”
Kurz darauf bekam Joachim jedoch zu spüren, dass nicht alles Gold war, was aus dem Westen kam.
Damals arbeitete er bei der größten Dresdner Gärtnerei als stellvertretender Brigadeleiter in der Topfpflanzenproduktion. Die konnte aber schon bald keinen Blumentopf mehr verkaufen. Denn vor allem aus Holland und Belgien drängten Gärtnereien auf den neuen Markt, mit einer Fülle von Züchtungen, auf die sich die ostdeutschen Betriebe unmöglich so rasch einstellen konnten. Da verlor Joachim zum ersten Mal seinen Job.
Unter dem Kommunismus dagegen hatte sein Arbeitsplatz als krisenfest gegolten. Wahrscheinlich hätte er ihn noch jahrelang behalten können.
“Trotzdem würde ich die DDR um keinen Preis zurückhaben wollen”, sagt Joachim mit Nachdruck.
Er zählt auf, was sich alles durch die deutsche Einheit verbessert hat: Die Bausubstanz, die Verkehrsverbindungen, die Freiheit zu reisen, nicht zuletzt die politische und die religiöse Freiheit. Beim Einkaufen muss er nicht mehr lange Schlange stehen oder auf Bückware hoffen, auf knappe Waren, die – sinnbildlich gesprochen – nur unter dem Ladentisch gehandelt wurden. „Wir wohnen jetzt besser, nicht mehr so beengt wie früher. Auf der anderen Seite sind die Mieten natürlich wahnsinnig gestiegen!”
Über manches macht sich Joachim Wolf auch Sorgen, was er früher so nicht kannte: Der Alkohol- und Drogenkonsum unter jungen Leuten zum Beispiel und ihre Orientierungslosigkeit. „Oder diese Ellenbogen-Mentalität oft auf der Arbeit, fast wie Mobbing. So ein psychischer Druck, das macht mir ganz schön zu schaffen!”
Auch wenn für Joachim nach zwanzig Jahren deutscher Einheit ganz klar das Positive überwiegt: Richtig zum Feiern zumute ist ihm am 3. Oktober nicht. Am Liebsten würde er den Tag mit befreundeten Familien verbringen, ihn nutzen, um Beziehungen zu pflegen. „Vielleicht entführ’ ich meine Familie diesmal ja auch in ein Eiscafe”, sagt er mit einem schelmischen Schmunzeln, „zur Feier des Tages!”
“So einen freundlichen Hausmeister hatten wir aber schon lange nicht mehr!” Diesmal hat Joachim Glück. Oder steckt „Der da oben” dahinter? Jedenfalls ist sein letzter Rauswurf kaum eine Woche her, da ist er schon wieder für eine andere Firma in Dresden unterwegs – als Hausmeister für über ein Dutzend Mehrfamilienhäuser; auch Gärtnerarbeiten gehören zu seinen neuen Aufgaben: Sein 17. Job nach der Wende! Von den Mietern bekommt er die ersten Komplimente, sie sind zufrieden mit ihm. Hoffentlich sein Arbeitgeber auch.
Clemens Behr
(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, Oktober 2010)
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