16. Mai 2011

Warum täuschen wir einander?

Von nst_xy

Wenn der Schein trügt

Im Märchen „Des Kaisers neue Kleider” ist es ein Kind, das feststellt: Der umjubelte Kaiser trägt ja gar keine Kleider, sondern ist nackt! Alle anderen Untertanen unterliegen der kollektiven Einbildung, die Kleider seien besonders kostbar, und verbeugen sich tief – wie es das Hofzeremoniell will. Die Ehrlichkeit des Kindes zeigt aus psychologischer Sicht, dass es noch nicht von einer Realität in eine zweite hinüberwechseln kann und noch nicht so tun kann „als ob”. Erst mit dem vierten Lebensjahr beginnt es, mit dem Lügen zu experimentieren. Sein Intellekt wird dadurch geschärft, da es sich in den anderen hineindenken muss. Es gewinnt so mehr Autonomie und Macht.
Erwachsene richten ihr persönliches Machtstreben meist auf die Sicherung von Einfluss, Anerkennung und Geld. Diese wichtige Triebfeder bringt sie oft dazu, andere Menschen gezielt zu täuschen: mit einem Doktortitel, um als Edelprostituierte in bessere Kreise zu kommen oder als Minister die Karriere zu beschleunigen; mit einem EU-Mandat, um als verdeckter Lobbyist Schmiergelder zu kassieren. Steckt nur Gier dahinter, oder lässt ein tief sitzendes Misstrauen jemanden zu solchen Mitteln greifen – weil das Vertrauen fehlt, dass das Leben auf anderem Wege auch gelingen kann?
In der Natur ist die Täuschung ursprünglich ein Mittel, um zu überleben. Ein Busch in der Savanne schützt seine jungen Triebe vor hungrigen Gazellen, indem er einen üblen Duft freisetzt, wenn sie sich nähern. Er bleibt verschont, da er für giftig gehalten wird, ohne giftig zu sein. Die ranghöchsten Tiere einer indischen Affenart stoßen Warnschreie aus, als näherten sich Leoparden. Während die anderen Affen auf die Bäume fliehen, verzehrt der Schreihals am Boden in Ruhe die Früchte, die alle gesammelt hatten.
Wenn Homo Sapiens seine Talente zum Erzeugen von Illusionen einsetzt, ist es wie eine Pervertierung der großen Möglichkeit des Menschen: Visionen zu entwickeln und andere dafür zu gewinnen, gemeinsam an deren Verwirklichung zum Wohle vieler zu arbeiten.
Dorothea Oberegelsbacher

(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, Mai 2011)
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