Loyalitätskonflikte
Was Kinder nach einer Trennung ihrer Eltern brauchen
“Nachdem sich mein Mann von uns getrennt hat, befürchte ich, dass sich unsere beiden Söhne von dem schlechten Verhalten des Vaters mir gegenüber anstecken lassen. Wie kann ich verhindern, dass er sie in eine falsche Richtung erzieht?”
Das ist beileibe keine einfache Situation, in der Sie da stecken. Viele berichten nach einer Trennung von einer Überströmung von Gefühlen: Enttäuschung, Wut, Trauer, Ver- letztheit, aber auch Erleichterung und das Gefühl, endlich weggekommen zu sein. Das sind alles verständliche Empfindungen. Sie lassen einen aber leicht den Blick dafür verlieren, dass die Kinder ihre ganz eigene Erlebenswelt haben. Der Beziehungsstatus der Partnerschaft ändert sich, derjenige zwischen Eltern und Kindern hingegen nicht.
Weil sie ein feines Gespür für ihre Eltern haben, ahnen Kinder, dass eine gute Beziehung zum einen Elternteil ein unangenehmes Gefühl beim anderen Elternteil bewirken könnte. In diesem Loyalitätskonflikt versuchen sie entweder auszugleichen oder schlagen sich ganz auf die Seite eines Elternteils und lehnen den anderen ab.
Aus diesem komplizierten Beziehungsgeflecht können die Kinder nur herausgeholt werden, wenn beide Eltern – jeder für sich – Klärungen vornehmen. Die Kunst besteht darin, sich der eigenen Gefühle dem Ex-Partner gegenüber bewusst zu werden, sich von ihnen aber nicht leiten zu lassen. Es braucht andere Räume, um vielleicht schwierige Erfahrungen aus der Beziehung zu verarbeiten. Dabei können Gespräche mit Freunden oder in Beratungsstellen hilfreich sein.
So kann es gelingen, sich wieder für die Perspektive der Kinder zu öffnen, die sich eigentlich nur eines wünschen und deren gesunde Entwicklung davon abhängig ist: die Erlaubnis zu einer guten Beziehung zu Mama und Papa.
Sebastian Baumann
(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, Dezember 2011)
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