Das Sonntagsgebot
Das Sonntagsgebot: Gilt es noch als Todsünde, nicht zur Kirche zu gehen?
Unser katholischer Pfarrer hat kürzlich in der Predigt den Katechismus zitiert: Wer den Sonntagsgottesdienst absichtlich versäumt, ohne durch einen wichtigen Grund entschuldigt zu sein, begeht eine schwere Sünde. Mein Mann und meine großen Kinder gehen schon seit Jahren nicht mehr in die Kirche. Ich bin total verunsichert.
Das Sonntagsgebot existiert schon sehr lange. Die Kirche hat es aufgestellt in Sorge für das Heil der ihr anvertrauten Menschen. Dahinter steht die Befürchtung, dass jemand auf Dauer seinen Glauben verliert, wenn er sonntags dem Gottesdienst fernbleibt.
Die deutschen Bischöfe haben 1997 in ihren „Orientierungen zur Bußpastoral“ erläutert: Schwere Sünde oder Todsünde ist die „radikale Zurückweisung des Guten bzw. der Liebe zu Gott und zu den Menschen.“
Stellt sich, wer nicht mehr den Gottesdienst besucht, grundsätzlich gegen Gott und den Glauben? Ihre Angehörigen werden das in vielen Fällen von sich weisen. Manche, die den Kontakt zur Kirche verloren haben, leiden darunter, dass sie keinen Zugang mehr zu ihr finden; manche engagieren sich vorbildlich für ihre Mitmenschen. Wir sollten uns fragen: Warum kommen die Betreffenden nicht zum Gottesdienst? Entweder bedeutet ihnen der Glaube tatsächlich nicht mehr viel. Oder aber sie können kaum noch etwas mit den liturgischen Formen anfangen.
Ich habe erlebt, dass Menschen dann gern zum Gottesdienst kommen, wenn sie Kirche als lebendige Gemeinschaft erfahren: Wo Leute das Wort Gottes nicht nur betrachten, sondern auch ihr Leben daraus gestalten, wo sie sich trotz ihrer Verschiedenheit gegenseitig annehmen und einander in Freud und Leid nahe sind, wächst als Konsequenz daraus mit der Zeit oft auch das Bedürfnis, dies auch zusammen in einer Liturgiefeier vor Gott zum Ausdruck zu bringen. Sicher ist es sinnvoller, mit „Nichtkirchgängern“ einen Weg in diese Richtung einzuschlagen, als mit dem Finger auf sie zu zeigen.
Martin Gögler
(erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, Mai 2012)
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