Frau Hüsens Geheimnis
Julia Hüsen ist Kunsterzieherin an einem Gymnasium in Mainz. Was macht sie bei den Schülern so beliebt?
“Ihr braucht nur die Grundlinien mit Bleistift vorzuzeichnen. Dann könnt ihr die Acrylfarben direkt auftragen. Die müsst ihr nicht verdünnen; Wasser braucht ihr nur, um die Pinsel auszuwaschen!“ Doppelstunde Kunst in der sechsten Klasse im Theresianum. Die Schüler sollen ein Zimmer malen, perspektivisch, mit Schrank und Bett und Gegenständen, die ihnen selbst wichtig sind.
„Ist das schlimm, wenn ich Farbe an der Hand habe?“, fragt eine Schülerin. „Nein, die lässt sich locker abwaschen.“ Julia Hüsen verteilt alte Hemden, die ruhig dreckig werden dürfen, hilft Farben mischen und beantwortet geduldig Fragen. „Ein Klecks an den Händen ist sogar ganz gut“, fügt sie mit schelmischem Lachen hinzu, „sonst glaubt uns keiner, dass wir richtig gearbeitet haben!“
Während sie ihr Werk noch vorskizzieren oder schon Farben auftragen, erzählen die Schülerinnen und Schüler bereitwillig, was sie von der Kunstlehrerin halten: „Das macht Spaß bei ihr!“ – „Die ist immer nett und schimpft nicht!“ – „Sie ist lustig und nicht so langweilig!“ Bei dieser Bewertung überrascht es, dass Julia Hüsen bekennt: „Ich wollte nie Lehrerin werden!“ Ihr Traum war die Diplomatenlaufbahn. Sie lacht, als sie erzählt, dass sie deshalb Rechtswissenschaft studieren wollte. „Aber das Mathematisch- Rationale lag mir nicht.“ Julia Hüsen, in Celle geboren und in Neckargemünd aufgewachsen, schrieb sich stattdessen in Mainz für Kunst und Theologie ein. Auch während des Studiums dachte sie nicht daran, Lehrerin zu werden.
Erst nach dem Examen ließ sie sich auf ein Referendariat in München ein. Auch, weil es ihr für die Promotion nutzte. Die Arbeit mit den Schülern gefiel ihr jedoch unerwartet gut. So gut, dass sie die Schule regelrecht vermisste, als sie Dozentin an der Mainzer Kunstakademie wurde. Daher nahm sie nach einigen Jahren parallel dazu eine halbe Stelle am Theresianum an, bis sie 2010 den Dozentenjob an der Uni ganz aufgab.
Lukas hat seinen Pulli am Waschbecken ausgewaschen und schleppt ihn noch stark tropfend zu seinem Platz. „Tja, jeder will im Leben eine Spur hinterlassen!“, kommentiert Julia Hüsen ohne jeglichen Ärger, als sie die Pfützen wegwischt. Gegen Ende der Doppelstunde reinigen die Kinder Pinsel und Becher. Dabei verstopft immer wieder das Waschbecken. „Lukas“, ruft die Lehrerin den Jungen, der offenbar aus Langeweile Quatsch macht, „ich brauch dich als Waschbecken-Assistent!“
Die nächste Stunde: Arbeiten mit Ton in einer 8. Klasse. Die Schüler nutzen aus, dass der Raum mit dem Brennofen laut hallt: Zu Beginn lassen sie die Stühle absichtlich auf den Boden knallen. Julia Hüsen lässt sich nicht beeindrucken: „Das ist normal, dass Schüler in dem Alter provozieren. Das darf man nicht persönlich nehmen.“ Allerdings sei das manchmal schon anstrengend. Andererseits: So wie die Schüler ihre Nerven austesten, teste auch sie aus, wie viel Stoff die Schüler verkraften und wie viel Pausen sie brauchen.
„Solange man´s nicht übertreibt, ist sie ganz nett.“ Die Meinung über ihre Lehrerin klingt bei den Achtklässlern zunächst distanziert. Erst wenn man mit ihnen warm wird, hört man auch: „Frau Hüsen macht guten Unterricht. Ist super vorbereitet. Und richtig kurzweilig!“ Aber die 38-Jährige bildet sich nichts auf ihre Beliebtheit ein: „In Kunst ist es keine große Kunst, als Lehrer gut dazustehen. Das ist anders als in Deutsch oder Englisch!“
Mittagspause. Kurz vor dem Lehrerzimmer fängt eine Gruppe junger Schüler Julia Hüsen ab. Einer bekommt vor lauter Schluchzen kein Wort heraus. „Nun kommt erstmal ins Notfallzimmer und erzählt mir in aller Ruhe, was passiert ist.“ In der Essens- Schlange sei er geschlagen worden, heißt es. Die Kunstlehrerin, die auch Vertrauenslehrerin ist, nimmt sich Zeit. Das Mittagessen muss warten. Bald kommt heraus, dass der heulende Junge nicht ganz unschuldig an der Schlägerei war. Julia Hüsen holt die Kontrahenten zusammen, hört beide an, schlichtet, vermittelt, bis sie sich die Hände reichen.
7. Stunde, Klasse 10b. Julia Hüsen hat die Leinwand runtergelassen und den Beamer angeworfen, zeigt Bilder von den alten Ägyptern, ihrer Kultur, ihrer Kunst, ihren Gräbern. Fragt nach, was die Schüler schon wissen, oder erzählt selbst. „Kunstgeschichte in den höheren Klassen schüttel ich nicht aus dem Ärmel. Das kostet viel Vorbereitung!“ Eine halbe Stunde lang hat sie eine Internetseite gesucht, wo die Schüler ihren Namen eingeben können, der dann in Hieroglyphenschrift erscheint. „Ich möchte sie schon auch anstecken mit meiner Begeisterung für Kunst. Aber vor dem Fach kommt der Mensch!“
Was das heißt? Ihr fällt ein Mädchen ein, dessen Mutter gestorben war. Julia Hüsen ging mit zur Beerdigung und bot der Schülerin später an, sie könne sie jederzeit aus dem Unterricht holen, wenn sie zu verzweifeln drohe. Einem leukämiekranken Schüler, dem durch die Chemotherapie die Haare ausgefallen waren, sagte sie: „Mich interessiert, wie es weitergeht mit deiner Krankheit, und ich bete für dich, dass du es schaffst!“ Später vertraute er ihr an, er habe große Angst. Er kam auch zu ihr, als es wieder bergauf ging: „Fühlen Sie mal, meine Haare wachsen wieder!“ – „Das hat mich gerührt!“
Nochmal ist für eine Doppelstunde Konzentration gefragt: Kunstgeschichte in Klasse 12. Thema ist die Renaissance. Julia Hüsen hat Probleme mit den Augen: Die geraten außer Kontrolle, wenn sie müde ist. Die Schüler sind dann unsicher, wen sie gerade dran nimmt, und fragen: Meinen Sie mich? „Dann spreche ich es ganz direkt an: Oh, ich habe wohl wieder geschielt!“ Denn die Kunstlehrerin steht zu ihren Schwächen. „Damit vergeht ihnen die Lust, mich zu ärgern. Im Gegenteil, meistens sagen sie sogar: Ach, so schlimm ist das doch gar nicht!“ Sie hat gemerkt: Wenn Lehrer den Schülern eine Fassade der Perfektion vorgaukeln, kratzen sie daran, bis sie bröckelt. „Deswegen sage ich lieber selbst, wie unleserlich meine Schrift an der Tafel ist.“
Mit einigen Kollegen hat es schon harte Diskussionen gegeben. „Sie haben mir unterstellt, ich würde meine Noten zu billig hergeben.“ Julia Hüsen hat Verständnis, dass nicht jeder Schüler ihr Fach mag. „Sie sollen spüren, dass ich sie deswegen nicht weniger gern hab als andere.“ Sie ist überzeugt: Die Schüler belohnen ihre Offenheit mit Vertrauen und Lernbereitschaft.
Viele haben sich eine unverfälschte Echtheit bewahrt, hat Julia Hüsen bemerkt, und lassen sich existenzieller ansprechen als Studenten an der Uni. „Auch deswegen habe ich mich für die Schule entschieden. Meine Werte kommen da ganz anders raus!“ Die Schüler sollen merken, sie werden als Person wertgeschätzt. „Nicht, um sie zu verhätscheln, sondern um zusammen zu lernen. Denn auch ich lerne viel von ihnen! Ich glaub, ich mach so eine Pädagogik von unten.“
Das Schöne an ihrem Fach ist, dass jede Krise in der Kunst eine neue Epoche hervorgebracht hat. „Das kann ich den Schülern mitgeben fürs Leben: Wir alle scheitern mal, aber das ist kein Grund, sich zurückzuziehen. Es ist nur ein Anlass, wieder aufzustehen und – vielleicht mithilfe anderer – etwas Neues zu erproben.“
Clemens Behr
(erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, Mai 2012)
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