4. August 2012

Die Fokolar-Bewegung in Österreich feierte ihre ersten 50 Jahre

Von nst_xy

Mut zur Freiheit

Die Fokolar-Bewegung in Österreich feierte ihre ersten 50 Jahre mit alten Weggefährten und startete mit einem Geburtstagswunsch der Fokolar-Präsidentin in die nächsten.

Runde Geburtstage sind Grund zum Feiern. Man blickt zurück, schaut nach vorn. Gäste kommen; die Familie, Freunde, Weggefährten. Manche trifft man nach Jahren oder Monaten wieder einmal, mit anderen ist man regelmäßig zusammen. Mit den einen hat man lange Wegstrecken geteilt, mit anderen nur kurze. Man tauscht Erinnerungen aus – über den Jubilar und an prägende gemeinsame Erlebnisse. Und man redet über das, was ansteht.

Genau mit diesen Elementen ließe sich auch die „Geburtstagsfeier“ der Fokolar-Bewegung in Österreich beschreiben: Am 19. Mai trafen sich dazu über 700 Festgäste aus allen Landesteilen in Wien – Große und Kleine, Junge und Alte, Alleinstehende, Verheiratete, Familien, Priester und Ordenschristen. Unter ihnen auch die Präsidentin der Fokolar-Bewegung, Maria Emmaus Voce, und der Ko-Präsident Giancarlo Faletti, die zu einem neuntägigen Besuch nach Österreich gekommen waren.

Dass es für eine solche Feier ein besonderes Ambiente braucht, ist klar. Und die Gäste fühlten sich in dem modernen Tagungszentrum „Mulitversum“ in Schwechat vor den Toren Wiens offensichtlich zuhause: An Tischgruppen konnte man sich stehend oder sitzend unterhalten, und eigens hergerichtete Litfasssäulen mit alten Fotos und Dokumenten waren geschätzte Anlaufpunkte, die viele gern durch eigene Kommentare ergänzten.

Schlicht und doch feierlich, so könnte man neben der Saalgestaltung auch das Programm zum 50-Jährigen kennzeichnen; mit viel Zeit für Gespräch und Begegnung, mit Musik und anderen künstlerischen Einlagen, mit gemeinsamen Erinnerungen und Zeugnissen.

Dankbarkeit und Freude waren die Grundnoten des Tages: „Dankbarkeit Gott gegenüber für die Spiritualität der Einheit, die dem Leben vieler Menschen in Österreich neuen Sinn, Tiefe und Freude geschenkt hat“, so Maria Magerl und Andreas Amann, die beiden Verantwortlichen der Bewegung in Österreich, in ihren Begrüßungsworten. Und gleichzeitig auch Dankbarkeit all denen gegenüber, die in der Alpenrepublik die Anfänge und die ersten 50 Jahre mit geprägt haben. „Manche“, so die beiden Verantwortlichen, „haben Impulse gesetzt, sind dann andere Wege gegangen und haben sich anderen Aufgaben zugewandt.“ Dass bei der Feier nun aber viele von diesen ehemaligen „Baumeistern und Weggefährten“ wieder dabei waren, machte die Freude aller umso strahlender.

Beim „gemeinsamen Blättern im Familienalbum“ spannte sich ein weiter, bunter Bogen. Dabei blitzten die wichtigsten Etappen der Fokolar-Geschichte in Österreich seit den Anfängen in Tirol und Wien auf: Edith Schmidt, die erste österreichische Fokolarin, erzählte von einer Zugfahrt Anfang der 60er-Jahre, die ihr Leben nachhaltig veränderte.
Einen Aspekt, der vielen nicht mehr im Bewusstsein war, rief Otto Pischof in Erinnerung:

Österreich war für die Fokolar-Bewegung ein Brückenland in den Osten; von hier breitete sich die Spiritualität der Einheit auch jenseits des Eisernen Vorhanges aus, und wie Otto Pischof erinnerten sich einige der Festgäste an die abenteuerlichen Reisen nach Ungarn und in die damalige Tschechoslowakei.

Eine wichtige Seite im Familienalbum der Bewegung in Österreich war dem Besuch der Gründerin Chiara Lubich 2001 gewidmet: Eine Begegnung mit Jugendlichen im Stephansdom sowie ihre programmatische Rede beim Bürgermeisterkongress „1000 Städte für Europa“ in Innsbruck waren offensichtlich vielen im Saal noch in lebendiger Erinnerung.

Bilder von Begegnungen, großen Sommertreffen und vollen Konzertsälen bei Tourneen der beiden Bands Gen Rosso und Gen Verde führten allen vor Augen, wie viele Menschen im Lauf der Jahre landauf landab mit dem Charisma der Einheit in Berührung gekommen sind. „Das wirst du nicht mehr los“, bestätigte dann auch einer der Gäste, der nach vielen Jahren des äußeren Abstands nun zur Geburtstagsfeier gekommen war. „Daraus lebe ich bis heute!“ Und nicht ohne Staunen nahm er wie andere auf, was inzwischen alles gewachsen ist: So ließen die Bewohner der österreichischen Modellsiedlung  „Mariapoli Giosi“, die sich seit 2000 rund um das Seminarhotel „Am Spiegeln“ in Wien-Mauer entwickelt hat, die Anwesenden an ihrem alltäglichen Zusammenleben im Zeichen der gelebten gegenseitigen Liebe teilhaben. Reinhard Domig, Opfer eines brutalen Überfalls in seiner Postfiliale, gab ein berührendes Zeugnis der Vergebung 1), Frucht seines Lebens in der Gemeinschaft der Bewegung in Vorarlberg.

Geschwisterlichkeit und Dialog auf allen Ebenen – damit kann man das „Heute“ der Bewegung in Österreich wohl am besten beschreiben: „Beeindruckend“ war für viele Festgäste dabei vor allem, wie in persönlichen Kontakten und Beziehungen ein geschwisterliches Miteinander mit Menschen anderer Religionen und Weltanschauungen gewachsen ist, am gemeinsamen Arbeitsplatz, in der Linzer Zentral-Moschee, bei einem regelmäßigen Frauenfrühstück in Hall/Tirol und beim Flugfeldfest in Wiener Neustadt. Diese „Kontakte des Lebens“ reichen bis zur Zusammenarbeit mit der Universität Innsbruck bei einem christlich-muslimischen Studientag und seit Ende der 90er Jahre zum Dialog mit Vertretern der KPÖ (Kommunistische Partei Österreichs), woraus auch eine intensive Zusammenarbeit bei den Weltsozialforen entstand.

Wie der Leitgedanke der Geschwisterlichkeit auch in gesellschaftlich-kulturelle Bereiche ausstrahlt, das zeigten beispielhaft Berichte aus der Wirtschaft und der Pädagogik.

So erzählte Hannes Binder: „Als Unternehmer, der aus dem Geist der Geschwisterlichkeit lebt, zählt für mich nicht in erster Linie das Kapital, sondern der Mitarbeiter und der Kunde und wie man mit ihnen umgeht. Natürlich muss man gewinnorientiert arbeiten, aber wenn ich nur auf Gewinnmaximierung setze, gibt jeder den Druck weiter; es entsteht viel Egoismus und Hick-Hack.“ Maria Zangl hingegen engagiert sich zusammen mit anderen aus den Bereichen Kindergartenpädagogik, Pflichtschulwesen, Jugendarbeit sowie schulische Erwachsenenbildung in der ARGE 2) Pädagogik: „Inhaltlich hat sich bei uns `Beziehung` als Schlüsselwort herauskristallisiert. Erziehung ist dort möglich, wo Beziehung besteht, natürlich zwischen den beteiligten Personen, aber auch zwischen Denken und Handeln, Theorie und Praxis, Wort und Leben.“ Darauf sind auch Pädagogische Hochschulen und Professoren aufmerksam geworden und beteiligen sich gern an den regelmäßigen Tagungen der Arbeitsgemeinschaft.

Ein buntes Bild leuchtete auf, die Moderatoren sprachen von einem aktuellen Porträt der Fokolar-Bewegung in Österreich, und da durften die Jugendlichen nicht fehlen: Sie berichteten von ihren jährlich stattfindenden „Run4unitys“ (Friedensläufen) in Graz, Bregenz und Enzersdorf/Fischa, von ihrem „Socialday“ im Dienst an Obdachlosen, alten und einsamen Menschen sowie Flüchtlingskindern, und davon, wie sie zehn indonesischen Jugendlichen die Teilnahme am internationalen „Genfest“ 3) in Budapest ermöglichen wollen.
Und was wäre eine Geburtstagsfeier ohne Wünsche? Einen richtete die Fokolar-Präsidentin Emmaus Maria Voce zum Abschluss der Tage an die Angehörigen der Bewegung in Österreich: „Mich hat immer wieder beeindruckt, dass wir keine Organisation sind, sondern dass alles auf dem Leben basiert. Das hat mich etwas von der Freiheit der Kinder Gottes verstehen lassen. Vielleicht ist es etwas gewagt, aber ich möchte euch eine Ermutigung zur Freiheit mitgeben; das  heißt: Befreit euch vom Wunsch, effizient zu sein und davon, alles gut machen zu wollen; von der Erinnerung an Dinge, die nicht so gelaufen sind, wie ihr es wolltet; von der Geschichte. Lasst all das hinter euch, damit ihr Gott euer Ja sagen könnt, im Wissen, dass er eure Mitarbeit möchte, um aus diesem eurem Österreich ein Beispiel echter, tiefer Freiheit zu machen; jener Freiheit, die sich dann einstellt, wenn man zu den eigenen Grenzen steht und – was noch viel schwieriger ist – sich bewusst ist, dass man trotz dieser Grenzen etwas Gutes zustande bringen kann und dass Gott in den Grenzen und über sie hinaus wirksam ist. Er wirkt, wenn wir ihm unser JA sagen. Und er bringt jenes Feuer, von dem das Lebenswort in diesem Monat 4) spricht. Das ist mein Wunsch: Dass ihr frei seid, dieses Feuer (der Liebe Gottes) zu entfachen!“

Ein Wunsch, der Auftrag ist – dessen waren sich die Anwesenden bewusst, der aber vor allem „viel Druck genommen hat“, wie viele dankbar und froh zum Ausdruck brachten. Vielleicht war auch deshalb nach diesen Festtagen in Österreich oft von Weite und Offenheit die Rede – und das ist sicher kein schlechter Start in die nächsten 50 Jahre.
Gabi Ballweg

1) vgl. Neue Stadt, Juni 2009, „Vergebung nach 28 Messerstichen“
2) Arbeitsgemeinschaft
3) Internationale Jugendbegegnung vom 31.8. bis 2.09.2012 in Budapest; mit bis zu 12 000 Teilnehmern aus aller Welt.
4) Mai 2012: „Ich bin gekommen, um Feuer auf die Erde zu werfen …“ ,Lukas 12,49

(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, Juli /August 2012)
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