4. August 2012

Für einen nachhaltigen, verantwortbaren Tourismus

Von nst_xy

Warum in die Ferne schweifen?

Reisen bildet und erholt, kann aber auch die Umwelt belasten und zur Ausbeutung der heimischen Bevölkerung beitragen. Um das zu vermeiden, engagiert sich Christine Plüss für einen nachhaltigen, verantwortbaren Tourismus.

NEUE STADT: Man spricht auch vom sanften Tourismus. Kann Tourismus denn auch unsanft oder rücksichtslos sein?

PLÜSS: Durchaus! Auf unserem gemeinnützigen Reiseportal 1) bringen wir fast täglich Beispiele, wie Angestellte ausgebeutet und schlecht bezahlt werden, bis hin zum sexuellen Missbrauch. In Kenia wurden gerade Mitglieder vom Volk der Samburu von ihrem angestammten Land vertrieben, weil die Regierung einen Naturschutzpark einrichten will, um den Tourismus anzukurbeln.

Aus Sri Lanka wissen wir von einer Frau, die gegen einen neuen Investor vor Gericht eine Entschädigung erreicht hat. Eines Morgens wurde auf ihrem Grundstück ein Hotel gebaut, ohne dass sie gefragt wurde. Sie hat ihr Haus und ihr Grundstück verloren. Immerhin bekam sie Geld und hofft, dass es reicht, um eine neue Existenz aufzubauen.

NEUE STADT: Was im Hintergrund läuft, bekommt der Urlauber meist gar nicht mit. Kann er dann überhaupt etwas gegen solche Praktiken unternehmen?

PLÜSS: Das Erste ist, dass er bei der Ferienplanung den Anbieter genau auswählt. Das beste Beispiel zurzeit sind Fair Trade-Reisen. Der Reiseveranstalter in Deutschland oder der Schweiz und all seine Partner in Südafrika haben sich auf die Einhaltung von Fair Trade-Kriterien testen lassen. Allerdings werden solche Reisen bisher nur nach Südafrika angeboten.

Jedoch gibt es auch darüber hinaus Merkmale, wie Sie einen verantwortlichen Reiseveranstalter erkennen: Im Dachverband „forum anders reisen“ 2) haben sich kleine und mittlere Reiseveranstalter auf ein Zertifizierungsverfahren geeinigt, das alle Mitglieder durchlaufen. Es heißt „CSR Tourism certified“ 3). Das entsprechende Logo haben die zertifizierten Reisebüros an ihrer Eingangstür oder auf ihren Webseiten.  Dafür wird überprüft, inwiefern sie in allen Geschäftsbereichen auf Nachhaltigkeit, auf Umweltschutz und soziale Gerechtigkeit achten und die Kunden auch darüber informieren können. Diese Berichte sind öffentlich: Man kann nachlesen, was den Reiseveranstalter schon auszeichnet und wo er sich noch verbessern muss.

Es gibt in der Branche eine Vielzahl weiterer Gütesiegel; ein kleiner Label-Führer auf unserer Webseite gibt eine Orientierungshilfe, welches Label wofür steht und welche Qualitätsmerkmale abdeckt.

NEUE STADT: Bekomme ich solche Informationen auch im Reisebüro?

PLÜSS: Sie können immer nachfragen, im Reisebüro oder vor einer Online-Buchung beim Veranstalter. Das erhöht auch den Druck auf den Veranstalter, transparent zu sein und sich zu informieren, wie es in den angebotenen Ferienorten tatsächlich aussieht! Fragen Sie, welche Auswirkungen die Reise auf die Umwelt hat, auf das Klima, was Sie tun können, um die Schäden gering zu halten.

Fliegen ist die umweltschädlichste Fortbewegungsart. Wenn sich aber ein Flug nicht vermeiden lässt, fragen Sie: Kann ich die Treibhausgase, den CO₂-Ausstoß mit einem Klimaticket kompensieren? Gilt das auch für den Transport über Land vor Ort? Wenn Sie vielleicht auf eine Mittelmeerinsel wollen: Ist es möglich, auf einen Flug zu verzichten und stattdessen per Zug und Fähre anzureisen? So können Sie unterwegs gleich ein bisschen Abenteuergefühl genießen.

Ähnliches gilt auch, wenn Sie Hotels im Internet buchen: Die müssen Auskunft geben können, was sie tun, um die Umwelt zu schützen, wie fair sie ihre Angestellten behandeln und ob sie sich von Produzenten aus der Region beliefern lassen. Dann sieht man schon, ob die Bauern, Fischer und Handwerker vor Ort auch am Tourismus mitverdienen.

Wenn der Hotelier bereits auf Nachhaltigkeit setzt, wird er sich freuen, dass sich seine Kundschaft auch dafür interessiert. Und wer noch nichts macht, wird nachdenklich und sagt sich, höchste Zeit, dass ich etwas tue. Wenn ein Veranstalter keine Antworten geben kann, dann gehen Sie zu einem anderen.

NEUE STADT: Was führt dazu, dass manche Reisen klimaschädlich und menschenverachtend sind? Liegt es daran, dass der Urlaub immer möglichst günstig sein soll?

PLÜSS: Ja, der Wettbewerbsdruck auf dem Reisemarkt ist groß, da spielen die Preise eine große Rolle. Das sehen Sie daran, dass häufig einzig über den Preis geworben wird. Die Reisen sind zum Teil unglaublich billig und können oft die Kosten gar nicht decken. Denken Sie mal nach: Eine Woche nach Bali für tausend Schweizer Franken – für Flug, Hotel und Organisation! Rechnen Sie dann ein Drittel für das Hotel, für Zimmer und Frühstück – ob der Hotelier damit die Angestellten fair bezahlen und die ganze Anlage auch noch ökologisch bewirtschaften kann?

Bei Flügen gibt es krasse Beispiele, die nur wenige Euro kosten. Das hat mit einem realen Preis überhaupt nichts mehr zu tun. Am Preis kann man also schon einiges ablesen!

NEUE STADT: Müsste sich die Haltung ändern, wie wir an den Urlaub herangehen?

PLÜSS: Ganz genau. Beim Buchen sollten wir es so halten wie viele Leute beim Einkaufen im Supermarkt: Schauen, gibt es Produkte aus der Region, Bio- oder Fair Trade-Produkte, und dann verantwortlich wählen. Oder wie beim Kleiderkauf: Nicht den letzten Ramsch nehmen, der unter Ausbeutung von Arbeitskräften irgendwo in Bangladesch oder auf den Philippinen hergestellt wurde, sondern vielleicht ein T-Shirt aus Bio-Baumwolle, das man dann auch länger tragen kann.

Erschwerend kommt hinzu: Viele Leute wollen sich im Urlaub natürlich nicht mit Problemen beschäftigen. Also suchen sie ein Ziel, wo das Wetter schön ist, und ignorieren die sozialen Lebensbedingungen dort.

NEUE STADT: Würden Sie sagen, man müsste langsamer reisen, weniger hastig, sich mehr Zeit nehmen?

PLÜSS: Ja, vor allem, wenn Sie die Belastung anschauen, die das Reisen auf das Klima hat: Auf Dauer können wir uns das nicht leisten! Bei einem Flug nach Indien produzieren Sie so viel CO₂ wie sonst bei all Ihren Auto- und Zugfahrten im ganzen Jahr zusammen, und das gibt schon zu denken!

Wir sollten überlegen: Wie weit muss ich mich fortbewegen? Welches Verkehrsmittel wähle ich? Umweltbewusster ist es, lieber einmal längere Ferien als mehrere Kurzurlaube zu machen. Dann ist der Erholungseffekt größer. Und dann haben Sie auch mehr Zeit, um sich auf Begegnungen mit Einheimischen einzulassen. Denn daran werden Sie sich viel mehr erinnern als an all die Animationen und Events, die Ihnen im Tourismus heute präsentiert werden. Und wenn sich ein Flug nicht umgehen lässt, sollten Sie auf jeden Fall den CO₂-Ausstoß kompensieren. Das heißt, Sie zahlen pro Flugstunde einen bestimmten Aufpreis, der dann in Klimaschutzprojekte fließt, wodurch die Treibhausgase Ihres Fluges wieder eingespart werden.

NEUE STADT: Wenn ich mich für die Bevölkerung vor Ort interessiere, werde ich vielleicht als Eindringling oder Gaffer angesehen. Kann ich das vermeiden?

PRÜSS: Das ist tatsächlich heikel. Dafür ist das erste Gebot, das ich sowieso für ein verantwortliches Reisen empfehle: Bereiten Sie sich gut vor! Setzen Sie sich mit dem Land auseinander, in das Sie reisen wollen! Besorgen Sie sich einen guten Reiseführer, eventuell noch einen Roman oder zwei. Sehen Sie sich die Wirtschaftslage an, wo es Konflikte gibt, wo Armut herrscht; vielleicht können Sie Kontakt zu einem Entwicklungshilfe-Projekt aufnehmen. Es gibt immer mehr Reiseveranstalter, die sich spezialisieren, etwas mit Einheimischen gemeinsam zu unternehmen.

Und dann müssen Sie mit einer gewissen Sensibilität unterwegs sein. Sie können ein paar Worte der Sprache lernen, das macht Spaß und kommt bei den Leuten gut an. Und wenn Sie Angst haben, ein Trampel zu sein, erkundigen Sie sich vor Ort, was Sie dürfen und wo Sie Grenzen überschreiten.

NEUE STADT: Kennen Sie Beispiele für positive Effekte im Tourismus?

PLÜSS: In Brasilien konnte ein Fischerdorf seine Entwicklung selbstbestimmt in die Hand nehmen; der Tourismus erwies sich als hilfreicher Zusatzverdienst zur Fischerei. Bis dahin war es natürlich ein langer Weg!

Mein Eindruck ist, dass immer mehr Leute vom „Null-acht-fünfzehn“-Tourismus genug haben und etwas anderes suchen. Und die wollen wir ermuntern: Es gibt heute andere Möglichkeiten zu reisen, die nicht sonderlich kompliziert und teuer sind. Je mehr nachgefragt wird in Richtung faires, bewusstes Reisen, desto normaler wird es. Darauf hoffe ich. Denn es muss eine Wende geben vom Vielflieger-Konsum-Urlaub hin zum neuen Genuss eines ökologisch und sozial vertretbaren Reisens!

NEUE STADT: Herzlichen Dank für das Gespräch!
Clemens Behr

1) www.fairunterwegs.org 2) forumandersreisen.de 3) www.tourcert.org

Christine Plüss,
Jahrgang 1955, ist Historikerin. Während der Studienzeit war sie Reiseleiterin für verschiedene Schweizer Veranstalter. Seit 1988 arbeitet sie im Arbeitskreis Tourismus und Entwicklung Basel, seit 2000 als Geschäftsführerin. In den letzten Jahren befasste sie sich mit der Entwicklung des fairen Handels im Tourismus und plante das Portal www.fairunterwegs.org.

(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, Juli /August 2012)
Ihre Meinung ist uns wichtig, schreiben Sie uns! Anschrift und E-Mail finden Sie unter Kontakt.
(c) Alle Rechte bei Verlag Neue Stadt, München