Fair zu allen
“Unser Land lebt über seine Verhältnisse.” Ein unbequemes Eingeständnis, aber es entspricht der Wahrheit. Es könnte für viele Staaten gelten, die mehr Geld ausgeben als einnehmen und immer höhere Schulden anhäufen, um ihr Lebensniveau zu halten. Ausgesprochen hat es Joyce Banda, seit April Staatspräsidentin des südostafrikanischen Staates Malawi.
Dort müssen vierzig Prozent der Bevölkerung am Tag mit höchstens einem Dollar auskommen. Die Klarheit der Sicht, die Gradlinigkeit konsequenter und doch zügiger politischer Entscheidungen und der Mut, sich dabei auch gegen die üblichen Gepflogenheiten zu stellen, wenn sie nicht dem Gemeinwohl dienen, imponiert an der Afrikanerin. Um sie darin zu bestärken, widmen wir ihr unseren offenen Brief.
Ähnliche Charaktereigenschaften, wenn auch in ganz anderem Zusammenhang, entdecken wir bei Alexander Schmorell: Er hat klar die Menschenrechtsverbrechen des NS-Regimes benannt, sich in der Widerstandsgruppe „Weiße Rose“ mit großem Mut dagegen gestemmt, gradlinig und konsequent seine Verurteilung zum Tod durch dieses Regime angenommen. Auch er stellte das Wohl anderer über sein eigenes.
Wir erleben immer wieder Menschen, denen das Hemd näher ist als der Rock. Otto Pischof gehört nicht dazu. Der Burgenländer hat im Laufe seines Lebens einiges an Zeit investiert, um Brücken zu Menschen in Ungarn zu schlagen, das damals noch hinter dem Eisernen Vorhang lag, und um Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen das weiterzugeben, was ihm selbst wichtig geworden ist: nach dem Wort Gottes zu leben und tragfähige Beziehungen aufzubauen.
Dieses Ziel – auch ein Beitrag zum Wohl der Gesellschaft – teilt er mit vielen anderen Österreichern. Der entscheidende Maßstab für das Gemeinwohl ist für den italienischen Wirtschaftswissenschaftler Luigino Bruni die Bedürftigkeit: „Willst du wissen, ob eine Gesellschaft gerecht ist, prüfe, wie sie die Ärmsten behandelt.“. Selten steht das Wohl der Ärmsten ganz oben auf unserer Prioritätenliste.
Wir leben über unsere Verhältnisse, kein Zweifel. Das zeigen die wirtschaftliche Entwicklung, der Raubbau an der Natur und den Ressourcen, der große Arm-Reich-Kontrast auf der Erde. Unsere Gesellschaft tut sich äußerst schwer, vom erreichten Lebensstandard herunterzukommen. Wo anfangen? Die bevorstehende Ferienzeit legt den Blick auf unsere Reisegewohnheiten nahe: Wie kann die Urlaubs fahrt umweltschonender und rück sichtsvoller gegenüber sozialen Missständen im Feriengebiet werden? Christine Plüss vom Arbeitskreis Tourismus und Entwicklung in Basel hat dazu überlegenswerte Anregungen parat.
Mut und Klarheit im Blick auf das eigene und das Wohl anderer, aber auch einen entspannten Sommer wünscht
Ihr
Clemens Behr
(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, Juli /August 2012)
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