Der Klimawandel schlägt immer härter zu
Rund 17 000 Teilnehmer zählte die 18. UN-Klimakonferenz im Dezember in Katar, einen nennenswerten Fortschritt beim globalen Klimaschutz gab es jedoch nicht. Dabei drängt die Zeit. Denn längst lässt die zunehmende Erderwärmung das Gletschereis abschmelzen und den Meeresspiegel ansteigen. Was für Folgen der Klimawandel noch hat und welche Bemühungen es gibt, den Schaden zu begrenzen, beleuchten unsere Kollegen aus Argentinien, den USA und den Philippinen.
Argentinien: Der Preis des Klimawandels
Die Auswirkungen der klimatischen Veränderungen machen sich beim Welt-Bruttoinlandsprodukt (BIP) bemerkbar: Die Auswirkungen von Umweltverschmutzung und Erderwärmung bedeuten zusammen einen Verlust von einer Billion Euro im Jahr. Das geht aus einem Dokument hervor, das zwanzig Nationen in Auftrag gegeben haben und vom Forum der Klimagefährdeten (CVF) und der Organisation DARA erstellt wurde, die die wirtschaftlichen Folgen des Klimawandels untersucht. Ein Pool von fünfzig Wissenschaftlern, Wirtschafts- und Politik-Experten hat die Daten des Dossiers überprüft. Der „Climate Vulnerability Monitor“ warnt, dass sich diese Kosten für die Weltwirtschaft bis 2030 verdoppeln könnten, wenn nicht gegengesteuert wird. Den Schaden haben in erster Linie die Entwicklungsländer, wenngleich auch die starken Wirtschaftsnationen nicht ungeschoren davonkommen werden.
Schon jetzt sind es die weniger entwickelten Regionen der Erde, die am meisten unter extremen meteorologischen Phänomenen wie Überschwemmungen, Dürren, ungewohnten Kälte- oder Hitzeperioden leiden, vor allem die Land- und Viehwirtschaft. Schätzungen zufolge werden für die Entwicklungsländer bis 2030 Erderwärmung und Umweltverschmutzung zu Verlusten von bis zu elf Prozent ihres BIPs führen. Sheikh Hasina, Ministerpräsidentin von Bangladesh, meint, die Erhöhung der durchschnittlichen Temperatur um ein Grad Celsius bedeute für ihr Land ein Absinken der landwirtschaftlichen Produktivität um zehn Prozent. Diesem Wert nähern wir uns bereits: Die durchschnittliche Temperatur auf der Erde ist seit Ende des 19. Jahrhunderts um 0,7 Grad gestiegen. Weltweit sollen die Verluste in zwanzig Jahren 3,2 Prozent des BIPs betragen. Diese Zahlen stellen die demgegenüber bescheidenen Kosten in den Schatten, die ein direktes Vorgehen gegen den Klimawandel verursachen würde, versichern die Wirtschaftler, die das Dossier erarbeitet haben. Die US-amerikanische Wirtschaftskraft soll sich dann um zwei Prozent verringern.
Die Ergebnisse decken sich mit denen, die der Wirtschaftler Nicholas Stern 2006 in einem von der britischen Regierung in Auftrag gegebenen Dokument veröffentlicht hat. Er schreibt darin, schon wenn man nur ein Prozent des Welt-BIPs in den Kampf gegen den Klimawandel investierte, würden starke wirtschaftliche Verluste vermieden. Diese Eingriffe hätten unter anderem einen positiven Effekt, weil die Entwicklung von Technologien – beispielsweise für erneuerbare Energien – eine „Industrie des Klimawandels“ hervorbringen würde. So wie in Spanien, wo ein Gesetz verabschiedet wurde, das beim Bau neuer Häuser zur Verwendung von Solaranlagen verpflichtet.
Der Klimawandel ist kein Problem der fernen Zukunft. Seine Auswirkungen sind schon jetzt offensichtlich: In diesem Sommer schrumpfte das Eis in der Arktis auf 3,4 Millionen km2 zusammen, die geringste Ausdehnung, die je gemessen wurde. Die Dürren in den USA haben wie die Veränderungen des Monsuns in Indien einen großen Preisanstieg nach sich gezogen. Der EU-Kommissarin für Klimaschutz Connie Hedegaard zufolge „scheint es, dass extreme klimatische Phänomene mehr und mehr zur Normalität gehören“.
Alberto Barlocci
Ciudad Nueva, Buenos Aires
Philippinen: Beängstigende Szenarien
Zwanzig Taifune fegen im Durchschnitt jedes Jahr über die Philippinen hinweg, den Archipel von 7107 Inseln im Pazifik. Oft ist es das erste Land, das mit besonderer Härte von den Wirbelstürmen getroffen wird, bevor sie weiterziehen nach Taiwan, Japan, Hongkong und Vietnam. Seit Anfang der 1990er Jahre werden die Taifune aufgrund des Klimawandels immer heftiger. Sie gefährden die Lebensmittelproduktion, fügen Straßen, Brücken und Gebäuden schwere Schäden zu. Überschwemmungen und Erdrutsche führen zur Ausbreitung von Epidemien, weil sie gleichzeitig den Zugang zu medizinischer Hilfe behindern.
Die starken klimatischen Veränderungen bringen die außerordentliche Artenvielfalt auf den Philippinen und den Reichtum an natürlichen Ressourcen in Gefahr. „Hier gibt es Pflanzen und Tiere, die noch gar nicht entdeckt wurden, nur in diesem Teil des Planeten leben und Gefahr laufen, auszusterben“, meint Jemimah Peñaranda vom Institut für Molekularbiologie und Biotechnologie der Universität Los Baños.
Die Polkappen liegen weit von den Philippinen weg und doch wird das Abschmelzen des Eises dort zu einem Anstieg des Meeresspiegels und damit zum Versinken von Küstenstädten und ganzen Inseln führen. Wenn sich die Regenzeiten weiter verändern, befürchtet Peñaranda, geraten die Wachstumszyklen in der Landwirtschaft durcheinander, mit beunruhigenden Folgen: „Reis zu pflanzen wird unmöglich, wenn sich der Sommer weiter ausdehnt.“
Infolge der UN-Konferenz zu Umwelt und Entwicklung 1992 in Rio hat die philippinische Regierung 2009 ein „Gesetz zum Klimawandel“ eingeführt, um die globale Umweltkrise anzupacken. 2010 wurde eine Kommission für den Klimawandel eingesetzt; im November 2011 unterschrieb Präsident Benigno Aquino einen nationalen Aktionsplan. Inzwischen haben einzelne Behörden mit der Umsetzung konkreter Maßnahmen begonnen: In Makati, einem Stadtteil Manilas mit einer halben Million Einwohner, fahren Polizei-Autos jetzt mit gebrauchtem Speiseöl. Dort wurden auch die ersten E-Jeepneys eingesetzt, stromgetriebene öffentliche Verkehrsmittel. Mit dem gleichen Ziel, den Abgasausstoß zu senken, haben mehrere Städte ein Projekt mit 100 000 E-Trikes – Motor-Dreirädern mit Lademöglichkeit – gestartet.
Giulian Geronimo
New City, Manila
USA: Die Entscheidungen jedes Einzelnen
Die Wertschätzung der Schönheit der Natur geht auf die ersten Erforscher des Kontinents und die Geburt der Nation zurück. 1962 erweckte Rachel Carsons Buch „Silent Spring“ (Der stumme Frühling) die Umweltbewegung zum Leben, und der „Earth Day“ – ein Gedenktag, um die Empfindlichkeit unseres Planeten bewusst zu machen – war eine der Früchte.
Trotz des Lufterhaltungsgesetzes von 1970, der Überwachung und der spürbaren Verbesserung der Luftqualität im ganzen Land erregte das Bewusstsein, dass die Erderwärmung auf den Ausstoß von Gasen wie CO2 zurückgeht, nur sehr langsam öffentliche Aufmerksamkeit. Die industrielle Produktion stieg weiter an sowie auch der Konsum. Das Thema kam auf die politische Agenda, aber die globalen Effekte wurden im Vergleich mit dem Recht auf industrielle Freiheit als zweitrangig angesehen. Erst nach und nach wurden die Auswirkungen des Klimawandels offensichtlicher: Dürren, die zu Waldbränden führten, neue Temperatur-Rekorde, der Verlust von Wohnraum, das Verschwinden von Gletschern und Packeis…
Viele Menschen warten nicht mehr darauf, dass die Politik aktiv wird. Millionen beginnen in vielen Gruppen wie Interfaith Power & Light (IPL), den Schadstoffausstoß selbst langsam zu verringern. IPL unterstützt Kirchen und Ordenskongregationen dabei, den Energieverbrauch zu senken, und informiert Hunderttausende über die Rolle, die jeder im Kampf gegen die Erderwärmung spielen kann.
Die Kohlenstoff-Emissionen der USA sanken von 2007 bis 2011 um sieben Prozent. Beigetragen dazu haben der abnehmende Einsatz von Kohle und Erdöl für die Energiegewinnung und eine wachsende Nutzung des saubereren Erdgases. Stromsparende Lampen und Haushaltsgeräte werden rasch ältere, ineffiziente Modelle ersetzen und den privaten Energiebedarf im kommenden Jahrzehnt um fünf Prozent senken. Die Gewinnung von Solar- und Windenergie sowie von Erdwärme wächst noch schneller.
Texas, einst mit der Erdölindustrie in Verbindung gebracht, produziert heute 22 Prozent der Windenergie der Vereinigten Staaten. Neue Windanlagen haben die USA bei der Produktion dieser Energieform nach China auf Platz 2 des Länder-Rankings befördert. „Die Absenkung des CO2-Ausstoßes kann sich bis 2020 um sieben Prozent auf 20 oder 30 Prozent ausweiten“, meint Lester Brown vom Earth Policy Institute. Das zeige, dass sich das Verhalten vieler Einzelner stabilisierend auf das Klima auswirken kann.
Lucia Martinez, Sue Kopp, John Mundell
Living City, New York
(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, Januar/Februar 2013)
Ihre Meinung ist uns wichtig, schreiben Sie uns! Anschrift und E-Mail finden Sie unter Kontakt.
(c) Alle Rechte bei Verlag Neue Stadt, München