Die Chance geben, sich einzubringen
Viele Nationalitäten auf engem Raum: Vor elf Jahren galt der Kemptener Ortsteil Thingers als sozialer Brennpunkt. Im Verein Ikarus engagieren sich Bürger für Integration und verwandeln in ihrem Stadtviertel das Lebensgefühl.
„Weißt du, was das ist?“ Die ältere Dame und das kleine Mädchen sitzen über Eck an einem Tisch und haben ein Spiel mit vielen kleinen Bildern vor sich liegen. Die Dame weist mit dem Finger auf eine der Darstellungen. „Das ist ein Baum. Und was ist das?“ Das Mädchen sieht konzentriert auf das Bild, bleibt aber stumm. Es stammt aus Osteuropa und kann noch kein Deutsch. Erst vor kurzem ist es in die erste Klasse der Nordschule, einer Grundschule in Kempten, gekommen, und die hat es an den Verein Ikarus vermittelt. Der Verein bietet den Kontakt mit „Sprach- und Kulturpaten“ an, um die Sprachfähigkeit der Kinder zu fördern.
Sprach- und Kulturpatin Christa Merk ist selbst erst seit einem halben Jahr in Kempten: „Ich habe Zeit und möchte mich einbringen. Mein Enkel wohnt in Helsinki und muss selbst eine fremde Sprache lernen. Da übernehme ich gern diesen Dienst für ein Kind aus einem anderen Land, damit es sich hier schneller zurechtfindet.“ Für Frau Merk und das Mädchen ist es die erste Begegnung; kein Wunder, dass es noch mit der Verständigung hapert.
Christa Merk holt Zeichnungen und Farbstifte aus ihrer Tasche. „Möchtest du das ausmalen? Welches gefällt dir besser?“ Schüchtern zeigt das Mädchen auf die Zeichnung mit den Schmetterlingen. Dann kann es losgehen, das Eis ist gebrochen.
Nebenan gibt es Kaffee und Kuchen. Bilal, fast 9, ein Junge arabischer Herkunft, ist mit Mutter und Schwester in den Bürgertreff gekommen zu seinem Sprachpaten. Hanspeter Kratzer und Bilal sind schon gut miteinander vertraut: „Ich treff mich mit ihm seit über einem Jahr, so einmal die Woche für anderthalb Stunden oder auch länger.“ Die beiden haben schon allerhand unternommen und sind Freunde geworden. „Wir waren in München auf dem Rummel, im Zirkus, auch mal im Kino und beim Minigolf“, zählt Bilal auf. „Ich versuche, auf ihn einzugehen“, erklärt Hanspeter Kratzer, „auf das, wonach ihm gerade ist. Und wenn er nur im Einkaufszentrum bummeln will, dann machen wir das auch.“ Auf diese Weise kommt Bilal nicht nur immer besser in die deutsche Sprache hinein; die Ausflüge und Begegnungen mit Herrn Kratzer bringen ihm auch Kultur und Mentalität nahe.
27 Sprach- und Kulturpaten arbeiten ehrenamtlich in dem Verein. Zu wenig, sagt Gottfried Feichter, der „Ikarus“ vor über elf Jahren gegründet hat. Denn zu den 60 Kindern von der Nordschule, die sie zwei Jahre lang betreuen, möchte eine andere Kemptener Schule gern noch weitere an den Verein vermitteln.
Im Jahr 2001 sah es in Thingers noch anders aus. 850 Sozialwohnungen waren gebaut worden, erzählt Gottfried Feichter, für Italiener, Aussiedler aus Osteuropa, Türken, Inder, Afrikaner. „Mitten rein in eine Schlaf-Stadt von zumeist Geschäftsleuten, fast in eine Villengegend. Da gab es viele Konflikte!“ Thingers-Nord war ein sozialer Brennpunkt. Kempten war damit in das Städtebauförderprogramm „Soziale Stadt“ aufgenommen worden, mit dem Bund und Länder die Lebensbedingungen in „Stadtteilen mit besonderem Entwicklungsbedarf“ verbessern wollten. „Aber Thingers-Nord war ein komplett vereinsfreier Raum. Da tat sich die Stadt schwer, Leute zu finden, die bereit waren, mit anzupacken.“ So gründete Gottfried Feichter, der ein Jahr zuvor gesundheitsbedingt in Frührente gehen musste, mit einem Freund den Verein. „Unsere allererste Initiative war ein Gedenken, ein Gebet für die Opfer vom 11. September.“
Was Integrations-Vereine angeht, war die gesamte Region südlich von Augsburg damals ein weißer Fleck. „Wie man das anpackt, davon hatten wir selbst keine Ahnung“, sagt der heute 65-Jährige im Rückblick. „Wir sind von einem Tag auf den anderen ins kalte Wasser gesprungen.“
Bald schälte sich eine Kultur- und eine Sportabteilung heraus. Bei den Sportangeboten sind Fuß- und Volleyball, Tischtennis, Aerobic, chinesisches Qigong und Schach dabei. Zur Kulturabteilung zählen eine Näh-, eine Sing- und eine Theatergruppe, Sprachkurse und die Mutter- und Kindgruppe „Mammut“ (Mamas mit Mut). Wie bunt es zugeht, sieht man am besten im Projekt internationale Küche, meint Gottfried Feichter: „Einmal im Monat kocht jemand etwas aus seinem Land, indonesisch, angolanisch, brasilianisch, kasachisch, anatolisch. Jeder kann kommen; es wird gemeinsam gegessen und wer will, bekommt anschließend das Rezept.“
Nicht jedes Angebot „funktioniert international“: Zum Aerobik kommen fast nur russische Frauen, Türkinnen nie. Wo jedoch Menschen unterschiedlicher Herkunft zusammen sind, kann es auch schon mal krachen. Beim Projekt „Veranstaltungsservice“, zu dem auch Cateringdienste gehören, arbeiten türkische und russische Frauen mit. „Wie weit muss das Messer, das eine muslimische Türkin benutzen will, vom Schweinefleisch weg liegen, das eine Russin gerade verarbeitet hat? Da kommt es schnell zu Spannungen“, erzählt Feichter. „Oder beim Servieren: Die Russin stellt eine Schüssel auf den Tisch und eine Schöpfkelle, jeder bekommt einen Teller und bedient sich. Die Türkin aber ist gewohnt, jeden Gast ganz persönlich mit vielen Häppchen zu bedenken. All die Nationalitäten unter einen Hut zu bekommen, ist nicht leicht!“ Es braucht Geduld; die Leute müssen sich erst mit ihren Bräuchen und Gewohnheiten gegenseitig kennenlernen. „Zwingen können wir dazu keinen. Aber hier bekommen die Leute verschiedener Kulturen ja überhaupt erst die Möglichkeit, zusammenzuarbeiten.“
„Ich male das Brandenburger Tor.“ „Eine Pyramide“. „Ich male Menschen in Kostümen.“ „Und ich eine Brücke. Über die sind wir von Polen nach Deutschland gefahren.“ Ein Dutzend Jungen und Mädchen sitzen im Saal des Bürgertreffs an Tischen, zeichnen und malen. Mit Wasserfarben, Acrylfarben und Buntstiften. Lena Wanner leitet die Kinder an. Die Künstlerin will ihnen die Möglichkeit geben, Fantasie zu entwickeln und auf Papier zu bringen, will Liebe zur Farbe und zur Kunst vermitteln. Lena Wanner kam vor rund 20 Jahren aus Kasachstan nach Kempten: „Zuhause hatte ich auch als Grundschullehrerin gearbeitet. Aber das wurde in Deutschland nicht anerkannt. Hier kann ich Kunst und Pädagogik verbinden.“
Oft sind es Aussiedler oder Migranten, die sich bei „Ikarus“ engagieren. Das ist auch das Ziel des Vereins: Zugezogenen die Chance geben, sich mit ihren Fähigkeiten für andere einzubringen. Wer sie nutzt, lernt schnell Leute kennen und integriert sich leichter. Das weiß Feichter aus eigener Erfahrung: „Als gebürtiger Österreicher hab ich ja auch Migrationshintergrund“, erklärt er schmunzelnd. Zwar machen Einheimische als Projektleiter im Verein mit, aber nur wenige nutzen die kulturellen und sportlichen Angebote. „Wir würden gern die angestammte Bevölkerung mehr einbinden, aber das ist auch nach elf Jahren noch ein Problem“, klagt Feichter.
An den Sport-Aktivitäten beteiligen sich auch junge Männer. Sonst sind überwiegend Frauen im Bürgertreff zu finden. „Dabei hatten wir befürchtet, dass Türken und Russen ihre Frauen nicht rauslassen! Aber es sind oft die Männer, die sich zurückziehen. Vielleicht genießen sie es, zuhause so mehr Freiraum zu haben?“
Feichter will Leuten ein Forum geben, wo sie sich ausprobieren können. „Jeder kann mit seiner Projektidee kommen und wir unterstützen ihn. Das führt allerdings auch schon mal dazu, dass eine Veranstaltung nur einmal stattfindet und dann im Sande verläuft.“ Andererseits konnte der Verein mit seiner Strategie auch schon Initiativen anderer retten: Als die bisherigen Veranstalter das altbewährte Stadtteilfest nicht mehr ausrichten konnten, sprang Ikarus Thingers in die Bresche und übernahm die Trägerschaft.
Heute hat der Integrationsverein 250 feste Mitglieder, von denen drei Viertel den Vereinsbeitrag von 38 Euro im Jahr zahlen können. Die meisten Angebote stehen aber auch Nichtmitgliedern offen. „Viele vor allem aus sozialistischen Staaten waren gewohnt, alles umsonst zu bekommen. Sie mussten erst lernen, dass das bei uns nicht immer geht. Sonst könnten wir – trotz der Zuschüsse der Stadt – viele Aktivitäten gar nicht anbieten.“
Und wie hat sich das Kemptener Stadtviertel durch den Integrationsverein verändert? „Fakt ist, dass Thingers im letzten Polizeibericht der ruhigste Stadtteil war“, erzählt Feichter stolz, während er den Technikraum hinter der Bühne und das Tonstudio zeigt. „Man schimpft nicht mehr auf Ausländer, man kommt miteinander aus.“ Diese Auswirkungen werden wahrgenommen: Vor vier Jahren verlieh der Regierungspräsident von Schwaben dem Verein den Schwäbischen Integrationspreis; vor zwei Jahren honorierte die Allgäuer Zeitung sein soziales und gesellschaftspolitisches Engagement mit der „Silberdistel“.
Clemens Behr
(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, November 2012)
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