Eine Stadt auf dem Berge
Weniger Kinder, mehr Senioren, Umzüge in die Stadt: Der kleine nordhessische Ort Landau verliert Einwohner und kann den verbleibenden Bürgern etliche Dienstleistungen nicht mehr bieten. Viele übernehmen jetzt Mitverantwortung für eine lebenswerte Zukunft und schaffen selbst Abhilfe mit dem vielseitigen Projekt „Landliebe“.
Eine Stadt, die auf dem Berg liegt, kann nicht verborgen bleiben. Sie ist von Weitem zu sehen, gibt Orientierung, ist eine wichtige Hilfe, den Weg zu finden. Die Bergstadt Landau im hessischen Waldecker Land ist ein solcher Ort. In Zeiten, in denen viele deutsche Landstriche aufgrund der Bevölkerungsentwicklung auf das Abstellgleis geraten, zeigt das Beispiel Landau, dass es mit ehrenamtlicher, ideenreicher und engagierter Arbeit möglich ist, einen Ort im ländlichen Raum für alle Generationen attraktiv zu halten und selbst zu gestalten.
Landau wurde im 13. Jahrhundert auf Anordnung des Waldecker Grafen Otto des I. als befestigte Stadt auf dem Berg errichtet. Der Ort, bereits 1290 erstmals urkundlich erwähnt, entwickelte sich unter der gräflichen Förderung und erhielt schon 1294 die Stadtrechte – ohne dass die Bevölkerungszahl eines großen Dorfes jemals überschritten wurde.
1974 wurde Landau im Zuge der kommunalen Gebietsreform nach Bad Arolsen eingemeindet. Die Bergstadt hat knapp 1.000 Einwohner. Die Folgen des demografischen Wandels sind hier durchaus spürbar. In den letzten zwanzig Jahren hat Landau daher mehr als 200 Einwohner verloren. Um sich den dringenden Zukunftsfragen ihrer kleinen Stadt zu stellen, organisierten sich im Jahr 2005 Landauer Bürger und gründeten das Projekt „Landliebe“, um ihrer Stadt auf dem Berg eine Zukunft zu geben. Sie arbeiteten mit dem Ortsbeirat, der Stadt Bad Arolsen und dem Landesamt für Denkmalpflege zusammen und entwickelten Ideen und Projekte, um den allmählichen Wegzug zu bremsen.
Alexander Eichenlaub, Professor an der Universität Kassel, wurde auf die „Landliebe Landau“ aufmerksam und unterstützte die Bürgerinnen und Bürger wissenschaftlich. Eine Gruppe Studenten aus dem Fachbereich Architektur, Stadtplanung und Landschaftsplanung nahm die Bergstadt unter die Lupe und entwickelte gemeinsam mit den Bürgerinnen und Bürgern Zukunftsperspektiven in der Dorfentwicklung. Nach drei Bürgerversammlungen und ein knappes Jahr später übergab die Gruppe aus Kassel den Staffelstab an etwa fünfzig engagierte Landauer, die in Arbeitsgruppen und mit weiterer Hilfe von Fachleuten mittel- und langfristige Ziele für die Ortsentwicklung festlegten. Erstes Ziel war und ist es, die Infrastruktur des Ortes zu erhalten, die Attraktivität für junge Familien zu steigern und den Wegzug der Menschen und den Leerstand von Gebäuden zu verhindern.
In Landau ist vieles seit dem Mittelalter unverändert. Die Altstadt ist nur durch zwei Stadttore zu erreichen und die Gassen und Straßen folgen nach wie vor ihrem historischen Verlauf. Viele Gebäude stehen unter Denkmalschutz.
Sie alle mit privaten Mitteln zu erhalten, ist nicht möglich, denn zu groß sind die Ensembles der Höfe mit Ställen und Scheunen. Aber den ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Projektes ist es gelungen, neue Einwohner „auf den Berg“ zu locken, sodass sogar Fachwerkhäuser, die etliche Jahre leer standen, heute verkauft sind und renoviert werden. Um die einmalige Bergstadt zu erhalten, war Landau bereits Förderschwerpunkt im staatlichen Programm „Stadtumbau“. Spuren der gelungenen Dorferneuerung in den 1980er-Jahren sind an vielen Plätzen und Häusern sichtbar.
Besonders stolz sind die Bürger auf das Projekt der Kirchensanierung. Nachdem die evangelische Kirche 2002 von außen grundlegend instand gesetzt worden ist, steht nun die Innensanierung an. Die Bewohner der Bergstadt haben es geschafft, hierfür knapp 137 000 Euro zu sammeln. Die Stiftung Kirchenerhaltungsfond der evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck hat diesen Betrag nun ihrerseits verdoppelt. Wunschtermin für den Abschluss der Arbeiten ist das Jahresende 2013.
Der demografische Wandel zeigt sich auch in der Schulsituation. Die im Bad Arolser Stadtteil vorhandene Grundschule ist noch eine richtige Dorfschule. Die Schülerzahlen gehen zwar spürbar zurück, aber immerhin sind es in diesem Schuljahr noch 35 Kinder, die in den beiden Klassen in jeweils zwei Jahrgängen unterrichtet werden. Im Projekt „Landliebe“ organisieren Bürger für schwache Schüler eine kostenlose Nachhilfe, und ehrenamtlich leistet eine pensionierte Lehrerin Schulsozialarbeit. In der „Landliebe“-AG lernen die Kinder, sich für ihr Gemeinwesen einzusetzen.
Bei einem Spaziergang von der Minischule durch das Dorf erläutert Christiane Deuse, stellvertretende Ortsvorsteherin und verantwortlich für das Projekt „Landliebe“, die Entwicklung von Landau. Mittlerweile haben die aktiven Bürger ein historisches Torhaus hergerichtet, öffnen die „Wasserkunst“, eine historische Wasserförderanlage von 1535, als technisches Denkmal und bieten Stadtführungen für touristische Besucher an. Ein Verein betreibt das ehemals städtische Freibad; Mitglieder wollen sich für die Badeaufsicht qualifizieren, um den Landauer Schwimmmeister zu entlasten, der in der Saison täglich ehrenamtlich im Einsatz ist.
Am Beispiel eines kleinen Dorfladens wird deutlich, wie die Bewohner Verantwortung für ihre Bergstadt übernehmen: Für manche ist es fast eine kleine Verpflichtung, in dem „Tante-Emma-Laden“ einzukaufen, obwohl die eine oder andere Ware bei einem Discounter günstiger zu haben ist. „Aber wenn die Nahversorgung funktionieren soll, braucht es das solidarische Mittun aller“, sind die Landauer überzeugt.
Es geht letztlich darum, die Bergstadt nicht nur als Wohnstandort zu behalten, sondern ein lebendiges Gemeinwesen zu fördern, auch wenn die gesellschaftlichen und finanziellen Rahmenbedingungen im ländlichen Raum spürbar schlechter werden.
Ortsbeirat und Bürger haben sich noch mehr einfallen lassen: Wer neu in den Ort zieht, wird willkommen geheißen mit Info-Material, einem Gutschein für einen geführten Stadtrundgang und einer Einladung zur Kaffeetafel für Neu-Landauer. Für die ältere Generation gibt es einmal im Monat eine Kaffeetafel im evangelischen Gemeindehaus, organisiert vom Förderverein für Jung und Alt. „Kirchengrün“ heißt das jüngste Projekt, das sich auch mit Konzepten für die Friedhöfe befasst. Neue Begräbnisformen wie Baumgräber könnten den Bedürfnissen betagter Landauer nachkommen, die ihren Partner verlieren, weil der Pflegeaufwand gering ist.
Um aktuelle Fragen voranzubringen, engagieren sich Bürger in Projektteams, die sich je nach Bedarf neu zusammensetzen. Jeder bringt sich nach Neigungen und Fähigkeiten ein, ohne den Zwang einer Vereinsmitgliedschaft. Ein Vorstand existiert nicht; die unregelmäßig stattfindenden Landliebe-Sitzungen ermöglichen jedoch eine Koordination des ehrenamtlichen Engagements. Ein Info-Blatt informiert mehrmals im Jahr über den Fortschritt der Initiativen und die jeweiligen Ansprechpartner.
Erfolge bei Wettbewerben und Auszeichnungen unterstreichen den Vorbildcharakter des Projekts. Christiane Deuse verschweigt jedoch nicht, dass die „Landliebe“ auch Momente des Scheiterns erlebt hat. So hatten die Bürgerinnen und Bürger sich dafür engagiert, dass das historische Grafenschloss im Ort dreifach genutzt wurde – als Bürgerhaus, Pflege- und Seminarhotel und als Ort für betreutes Wohnen –, während im Gebäude nebenan eine stationäre Altenhilfe untergebracht war. „Das Pflegehotel war auch sehr gut angelaufen, in dem Gruppen von Behinderten, Senioren und auch Pflegebedürftige mit ihren Angehörigen gemeinsam Urlaub im Waldecker Land machen konnten“, so Deuse. Bei der stationären Pflege machten dem Träger, der evangelischen Diakonie, aber private Anbieter mit wachsendem Überangebot an Pflegeplätzen in der Region zu starke Konkurrenz, sodass das Modellprojekt Schloss Landau letztlich keine Zukunft hatte. „Das hätten strukturelle Rahmenbedingungen wie ein langfristiges, verlässliches Altenhilfekonzept für den Landkreis vielleicht verhindern können,“ so die stellvertretende Ortsvorsteherin. Das Teilprojekt „Betreutes Wohnen“ schließlich hatte sich nicht bewährt. Hier zeigte sich, dass diese Wohnform wohl nur in einer größeren Stadt zu verwirklichen ist. Trotz eines guten Starts war das Modellprojekt unter diakonischer Trägerschaft am Ende schlicht zu teuer.
Jetzt steht Schloss Landau leer, in dem mehr als 60 Jahre lang Senioren zu Hause waren. Die Suche nach einem neuen Pächter hat begonnen. Das historische Gebäude ist ein Symbol für die beiden Seiten der Medaille in der Projektentwicklung. Denn es zeigt auch, dass der Verlust dessen, was war, gleichzeitig die Chance beinhaltet, neue Wege zu gehen. Welche, das wird erst mit der Zeit sichtbar sein.
Bernd Klotz
(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, März 2013 )
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