Leben als Ware?
Forscher und Firmen verändern das Erbgut von Pflanzen und Tieren und lassen die Ergebnisse patentieren. Wir fragen Christoph Then vom Netzwerk „No Patents on Seeds“, warum er gegen die „Patente auf Leben“ kämpft.
Müssen wir unterscheiden zwischen Patenten auf unverändertes und auf gentechnisch verändertes Leben?
THEN: Das kommt auf die Perspektive an. Das Leben ist an sich keine Erfindung des Menschen und deswegen können es auch gentechnisch veränderte Tiere und Pflanzen nicht sein. Eigentlich dürfte man also nur die Verfahren zu ihrer Veränderung patentieren. Im Bereich der Gentechnik werden in Europa jedoch sowohl Verfahren als auch Pflanzen, Tiere und sogar ihre Nachkommen patentiert, und diese Patente sind rechtlich kaum mehr angreifbar.
Auch bei konventionell gezüchteten Tieren und Pflanzen wurden erste Patente erteilt. Einerseits gibt es rechtlich und politisch Bemühungen, diese Patente zu stoppen. Andererseits will im Moment kaum jemand gentechnisch veränderte Pflanzen essen, und da steigt das wirtschaftliche Interesse, auch konventionelle Züchtungen patentierbar zu machen.
Wer hat überhaupt Interesse daran, gentechnisch veränderte Pflanzen patentieren zu lassen?
THEN: Die meisten Patente werden angemeldet von großen Konzernen wie Monsanto, Syngenta, BASF, DuPont und Bayer. Die haben die Marktmacht, um die Patente durchzusetzen. Oft kaufen sie die Zuchtfirmen auf; eine zunehmende Konzentration und Monopolisierung von Saatgut ist die Folge. So können sie die Preise weitgehend frei bestimmen. Letztlich können sie eine so große Marktmacht erlangen, dass sie festlegen können, was wie angebaut wird, und die gesamte Produktionskette vom Acker bis zum Verbraucher kontrollieren. Die Folgen sieht man in den USA, wo Patente üblicher sind und viel mehr gentechnisch veränderte Pflanzen vermarktet werden: Die Preise für Saatgut steigen steil an.
Gehen von den gentechnischen Veränderungen Gefahren aus für andere Pflanzen oder für Menschen?
THEN: Für die Umwelt entstehen zum einen Risiken durch einen höheren Spritzmittelbedarf. Zum anderen geraten die Pflanzen außer Kontrolle insofern, dass Wind, Vögel, Insekten sie von ihrem Acker aus in die Umgebung verbreiten können und sich damit unter Umständen auch deren zusätzlichen Gene in der Umwelt ausbreiten . Damit verliert der Mensch die Kontrolle über diese technisch veränderten Organismen; er kann sie nicht mehr zurückholen.
Ob es sich auf die Menschen auswirkt, wenn sie gentechnisch veränderte Lebensmittel essen, ist umstritten. Dazu gibt es nur wenige Langzeituntersuchungen mit kontroversen Ergebnissen. Der Eingriff in das Erbgut der Pflanzen kann Nebenwirkungen hervorrufen. Risiken für den Verbraucher sind nicht auszuschließen.
Was stecken für Interessen dahinter, Schimpansen oder Schweine patentieren zu lassen?
THEN: Es geht immer um Monopolisierung: Man kann dann Konkurrenten verbieten, auch mit diesen Tieren zu handeln. Gentechnisch veränderte Versuchstiere sind ein richtig großes Geschäft: International agierende Firmen bieten für die Pharma-Industrie auf Bestellung für bestimmte Zwecke veränderte Tiere an. Das kann auch streng geschützte Tierarten wie Schimpansen betreffen. Wenn der finanzielle Anreiz groß genug ist, können die Tiere in Ländern gentechnisch manipuliert werden, in denen die Gesetze nicht so streng sind.
Bei Schweinen und Kühen sind Landwirtschaft und Lebensmittelproduktion betroffen. Das Interesse besteht darin, Zuchttiere an die Landwirte zu verkaufen und da ein möglichst großes Monopol aufzubauen. Landwirte werden von den Anbietern abhängig. Wenn bisher Landwirte, die Milch produzieren, auch ihre Kühe selbst gezüchtet haben, ist das dann nicht mehr möglich oder nur noch gegen Bezahlung.
Trifft die Monopolisierung eher Landwirte in unseren Breiten oder in ärmeren Ländern?
THEN: Patentrechte auf Tiere sind eher in den industrialisierten Ländern ein Thema, weil viele Entwicklungsländer das gar nicht vorsehen. Aber Europa hat rechtlich wirksame Instrumente, um Patente auf Züchtung von Kühen auch vor Gericht durchzusetzen und Landwirte zu verfolgen, die gegen diese Patente verstoßen. Patente auf Nutzpflanzen hingegen betreffen auch Landwirte in Schwellenländern: In Argentinien, Brasilien, Indien werden gentechnisch veränderte Pflanzen angebaut.
Dann gibt es die Biopiraterie: Konzerne aus Industriestaaten bedienen sich der biologischen Vielfalt in den Ländern des Südens. Sie eignen sich Heilpflanzen oder andere landwirtschaftliche Nutzpflanzen an und vermarkten sie, ohne die Herkunftsländer zu entschädigen. Wir haben in solchen Fällen schon Einspruch eingelegt: Eine Melonenart aus Indien wurde patentiert , eine indische Weizenart, Mais aus Mexiko, der einen bestimmten Ölgehalt hatte.
Nimmt durch die Patentpolitik die Artenvielfalt ab?
THEN: Sie nimmt ja schon durch die konventionelle Züchtung ab, denn es ist ja immer auf Hochleistung gezüchtet worden. Aber das wird in Zukunft durch die Patentierung forciert, weil sich die Zahl der Züchter und die Vielfalt im Angebot verringern. Große Unternehmen werden keinen Wert darauf legen, traditionelles Saatgut zu vertreiben, wenn es nicht patentiert ist, weil sie damit weniger verdienen.
Aber es gibt noch ein anderes Problem: Schon jetzt sind viele Pflanzen sehr anfällig gegen Krankheiten, weil sie nicht auf Resistenz gegen Umweltstress, sondern nur auf Ertrag gezüchtet worden sind. Auch das kann durch die Patentierung verschärft werden.
Wo liegen die Risiken bei der Arzneimittelforschung?
THEN: Bei Arzneimitteln ist das etwas anderes als bei Pflanzen für die Ernährung. Auch da werden zwar gentechnische Verfahren angewandt, aber vermarktet werden in der Regel nicht die gentechnisch veränderten Organismen, sondern die Stoffe, die mit deren Hilfe hergestellt worden sind. Das heißt, wenn ich Insulin aus gentechnisch veränderten Organismen einsetze, ist das chemisch identisch mit natürlichem Insulin. Das Risiko für die Patienten ist dadurch in der Regel einfacher zu untersuchen als zum Beispiel das Risiko des lebenslangen Verzehrs von gentechnisch veränderten Tomaten.
Im Arzneimittelbereich gibt es andere Gefahren wie die Entstehung neuer Viren. Es gibt Forschungen, bei denen Krankheitserreger gentechnisch verändert werden, um neue Impfstoffe zu entwickeln oder eben herauszufinden, ob sie dadurch gefährlicher werden. Damit entstehen Risiken für Mensch und Umwelt.
Im November hat der Bundesgerichtshof in Deutschland Patente auf embryonale Stammzellen erlaubt, sofern bei der Gewinnung keine Embryonen zerstört werden. Ist das ein Schritt nach vorn?
THEN: Es geht grundsätzlich in die richtige Richtung. Aber nach wie vor bleiben rechtliche Fragen offen. Denn die europäische Patentrichtlinie und der Europäische Gerichtshof gehen weiter: Menschliche Embryonen dürfen grundsätzlich nicht für kommerzielle Zwecke verwendet werden, also auch dann nicht, wenn sie dabei nicht zerstört würden.
Wenn man davon ausgeht, dass eine kommerzielle Verwertung menschlicher Embryonen verboten ist, muss man sich jetzt auch andere Patente noch mal ansehen. Unter Umständen wird es neue Rechtsstreitigkeiten geben.
Wie weit gehen die Versuche, Teile des menschlichen Organismus patentieren zu lassen?
THEN: Dass Patente auf menschliche Gene erteilt werden, ist Routine. Mittlerweile sind das einige Tausend Patente. Vereinzelt werden sogar Patente auf Embryonen, Eizellen, Organe und Mensch-Tier-Chimären erteilt; manche dieser Patente sind schon über zwanzig Jahre alt und wieder erloschen. In Europa fehlt der politische Wille, diese Entwicklung wieder zurückzudrehen und zum Beispiel Patente auf menschliche Gene grundsätzlich zu verbieten. In den USA wird das gerade heftig diskutiert anhand von Genen, die zur Erkennung von Brustkrebs dienen können – bei einem Muster-Verfahren vor dem Supreme Court. Je nachdem, wie das ausgeht, wird es vielleicht in Europa eine neue Debatte geben. Hier war das Thema lange umstritten; dann hat sich die Industrie durchgesetzt. Wobei man differenzieren muss: Nicht einmal alle Pharma-Firmen stehen hinter den Genpatenten. Viele sagen, sie behinderten die Forschung, weil ja nur der Entdecker des Gens die Nutzungsrechte daran hat, nicht aber die Firma, die an einem Arzneimittel forscht.
Was sagt die Patent-Frage über die Einstellung unserer Gesellschaft zur Schöpfung aus?
THEN: Es zeigt doch eine Geringschätzung, wenn man Pflanzen und Tiere wie Erfindungen behandelt. Damit wird so getan, als würde die Industrie Leben erfinden. Damit wird unterschwellig suggeriert, dass Leben völlig verfügbar sei; der Patentinhaber kann damit machen, was er will. Wenn ich Patente auf Lebewesen erteile, billige ich dem Leben keinen Eigenwert mehr zu, sondern nur noch einen finanziellen Wert.
Herzlichen Dank für das Gespräch!
Clemens Behr
Christoph Then,
Jahrgang 1962, ist Doktor der Tiermedizin und Geschäftsführer von Testbiotech e.V. in München, einem Institut für unabhängige Folgenabschätzung in der Biotechnologie. Then gründete 1992 in Deutschland die Initiative „Kein Patent auf Leben“. Er ist Experte für Gentechnik und Patente bei Greenpeace Deutschland, Mitarbeiter von „foodwatch“, dem „Gen-ethischen Netzwerk“ und der „Gesellschaft für ökologische Forschung“ und koordiniert die Initiative „No Patents on Seeds“.
www.no-patents-on-seeds.org/de
(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, März 2013 )
Ihre Meinung ist uns wichtig, schreiben Sie uns! Anschrift und E-Mail finden Sie unter Kontakt.
(c) Alle Rechte bei Verlag Neue Stadt, München