“Humus der Hoffnung”
Leere Kirchenbänke, Glaubenskrise, Kirchenfeindlichkeit: Anstatt das übliche Klagelied anzustimmen, bliesen Protestanten und Katholiken in Hannover zu einem neuen Aufbruch. Beim ökumenischen Kongress „Kirche hoch zwei“ suchten sie gemeinsam nach Wegen in die Zukunft.
„Wenn von Kirche die Rede ist, dann häufig von Abbrüchen: Von Austritten, Skandalen, Unzufriedenheit, von dem, was nicht läuft“, ärgert sich Regina Ingelmann, Gemeindereferentin in der katholischen Pfarrei Sankt Godehard in Hannover. Sie hatte sich zu „Kirche2“ angemeldet, um in geballter Form kirchliche Aufbrüche kennenzulernen: „Hier war der Fokus klar darauf gerichtet, wo etwas läuft, wo etwas Lebendiges wächst, wo Menschen etwas Neues ausprobieren.“
„Milieusensibel taufen“ hieß eine Veranstaltung, die Regina Ingelmann besucht hat. Es sei nicht darum gegangen, die Taufliturgie neu zu erfinden, sondern sich anhand eines Sakramentes hineinzudenken, was Menschen heute anspricht. Wie denkt und empfindet ein „Postmaterieller“, ein „moderner Performer“ oder ein „Hedonist“ – drei der zehn Charaktere, in die die Sinus-Milieu-Studie die Bevölkerung einteilt – und wie können sich Christen darauf einstellen?
Bei einer anderen Begegnung erfuhr sie von der Heilig-Kreuz-Gemeinde in Münster, Schlusslicht im Bistum, was den Gottesdienstbesuch angeht. „Aber um unsere zentrale Lage würden sich die Geschäfte reißen“, dachte sich der Pfarrer und schrieb einen Wettbewerb mit der benachbarten Kunsthochschule aus. Eine junge nichtgläubige Frau gewann. Auf ihren Vorschlag hin räumte die Gemeinde eine Zeit lang alle Bänke aus der Kirche und lud die Leute ein, Stühle mitzubringen: ein Wagnis! So brachte sich die Kirche ins Gespräch; Menschen kamen, die sonst nie zu sehen waren, motiviert, etwas von sich einzubringen.
„Kirche2“ ging aus einer längeren vertrauensvollen Zusammenarbeit zwischen dem Haus kirchlicher Dienste der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannover und dem Fachbereich Missionarische Seelsorge im Bistum Hildesheim hervor. 69 Workshops, 23 Foren und 43 Marktstände boten Einblick in die bunte Welt kirchlichen Lebens: Fast 1400 kirchliche Multiplikatoren, Haupt- und Ehrenamtliche, waren gekommen, um neue Gottesdienstformen, missionarische Projekte und geistliche Aufbrüche kennenzulernen. Nicht jede Initiative ist gleich der große Wurf, ist sich Regina Ingelmann sicher. „Man muss auch den Mut haben, dass ein Projekt scheitert. Das ist nicht negativ zu sehen. Alles ist einen Versuch wert!“
„Wir wollen den Humus der Hoffnung suchen“, formulierte Norbert Trelle, der katholische Bischof von Hildesheim, das Anliegen des Kongresses. „Es geht nicht prioritär um die Frage, wie wir Kirchenmitglieder gewinnen“, stellte der evangelische Landesbischof von Hannover, Ralf Meister, klar, „sondern darum, wie wir mit den sozialen Veränderungen unserer Zeit umgehen.“
Viele Menschen kennen die Bibel nicht mehr, haben kaum Kontakt zu einer Kirchengemeinde. In England hat die anglikanische Kirche schon vor dreißig Jahren begonnen, auf diese Entwicklung zu reagieren. Mit einer Bewegung, die die Menschen ins Zentrum der Aufmerksamkeit rückt.
Für die Christen heißt das, raus aus den Kirchenmauern, dorthin, wo die Leute sind: Man trifft sich in Pubs, Gaststätten, Anlagen für BMX-Radfahrer und Skateboarder. So kamen ganz neue Leute mit der Botschaft von Jesus in Kontakt: 2000 Gemeindegründungen waren die Folge.
In Hannover haben Anglikaner von ihren kreativen Experimenten berichtet. „Wenn im deutschen Sprachraum jemand etwas Neues ausprobiert, wird das schnell mit großer Skepsis beäugt“, klagt Regina Ingelmann. „Die Engländer sind da anders. Die sagen erst mal: Klasse, dass es das gibt!“
Ein „kleines ökumenisches Pfingsten“ waren für Bernd Galluschke, Propst in Duderstadt, die Tage in Hannover. Damit spielt er zugleich auf die tiefe Gläubigkeit der Teilnehmer und die begeisterte Aufbruchstimmung an. Sein ganzes hauptamtliches Seelsorgeteam plus Pfarrgemeinderatsvorsitzende waren mit ihm angereist. Das selbstverständliche ökumenische Miteinander bei „Kirche2“ klingt noch in ihm nach: „Wir könnten eigentlich viel mehr miteinander teilen als nur ökumenische Gottesdienste“, sagt er mit Blick auf seine evangelische Nachbargemeinde in Duderstadt.
„Wenn die ein soziales Projekt für ärmere Leute macht, müssen wir nicht auch eines stemmen. Stattdessen könnten sich unsere Pfarrmitglieder dort mitengagieren; und deren Senioren können zu den Seniorennachmittagen kommen, die bei uns schon gut laufen.“
Regina Ingelmann merkt, dass es kirchlich engagierten Christen oft schwerfällt, von ihrem gewohnten Denken wegzukommen. Daher hält sie es für nötig, dass Christen mutiger und stärker auf die Menschen zugehen. Bei „Kirche2“ hat sie Initiativen erlebt, wo das bereits geschieht: in Soltau die Seelsorge im Freizeitpark; in einem hannoverschen Stadtteil mit vielen Studenten und Migranten die „soul side linden“ mit offenen Räumlichkeiten; im braunschweigischen Stadtteil Broitzem eine Kleine Christliche Gemeinschaft, die sich der kleinen Nöte der Nachbarn annimmt. Für Regina Ingelmann ist klar: In ihrer Gemeinde kann sie die Ideen anderer nicht einfach nachmachen, sich aber von ihnen inspirieren lassen.
Clemens Behr
(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, April 2013 )
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