8. April 2014

Als Brüder zusammen weinen

Von nst1

Pfingstgemeinden in den USA erhalten Video-Gruß von Papst Franziskus.

Die Beziehungen zwischen evangelikalen Gruppen in den USA und der römisch-katholischen Kirche als kühl zu bezeichnen, ist noch untertrieben. Einige dieser charismatischen Gemeinden sehen im Papst den Antichrist; die etablierten großen Kirchen betrachten deren wörtliche Bibelauslegung und Zungenreden mit Argwohn und werfen ihnen fehlendes Interesse an Ökumene vor.
Umso mehr erstaunte im Februar ein per Smartphone aufgenommenes 7-Minuten-Video, das auf Youtube kursiert: eine sehr persönlich gehaltene Ansprache des Papstes an die über tausend Teilnehmer einer Leiter-Konferenz von Pfingstgemeinden in Texas. Er möchte sein Herz sprechen lassen, sagt Franziskus darin, als ihr Bruder. Er sei froh, dass er ihnen einen Gruß senden kann, einen freudigen und sehnsüchtigen Gruß. „Wir sind getrennt, weil unsere Sünden uns getrennt haben, die Missverständnisse, die Geschichte, eine lange Straße gemeinsamer Sünden, auf der wir alle Schuld tragen“, sagt Jorge Bergoglio. „Ich habe die Sehnsucht, dass diese Trennung aufhört und Gemeinschaft entsteht.“

Wie kam es zu dem Video-Clip? Noch aus seiner Zeit in Argentinien ist Bergoglio mit Anthony Palmer befreundet, Bischof der anglikanisch-episkopalen Gemeinschaft und Mitbegründer der Ark Community. Der in England geborene und in Südafrika aufgewachsene Palmer ist mit einer katholisch-charismatischen Italienerin verheiratet. Mitte Januar traf er den Papst in einer privaten Audienz, erzählte ihm von der bevorstehenden Begegnung in Texas und bat ihn spontan um ein Grußwort.

„Wir müssen uns als Brüder treffen“, wünscht der Papst in dem Clip und verweist auf die alttestamentliche Geschichte von Josef, der von seinen Brüdern nach Ägypten verkauft wurde und sich später mit ihnen versöhnte. „Wir müssen zusammen weinen, so wie Josef mit seinen Brüdern geweint hat – Tränen der Liebe.“ Das Wunder der Einheit habe begonnen, sagt der Papst, und er habe noch nie erlebt, dass Gott ein Wunder nicht zu Ende führt. Zum Abschluss verspricht er den Evangelikalen, für sie zu beten und sie zu segnen, und bittet sie, auch für ihn zu beten und ihn zu segnen.

Wenige Wochen später zeigt Anthony Palmer das Video auf der Convention in Texas. Er spricht davon, dass 1999 die gemeinsame Erklärung von Lutherischem Weltbund und römisch-katholischer Kirche zur Rechtfertigungslehre wesentliche Gründe der Trennung aufgehoben habe: „Später haben die Methodisten unterzeichnet. Bis heute aber hat keine evangelikal-protestantische Kirche den Mut aufgebracht, das zu unterzeichnen. Und ich bin überzeugt, dass wir das ändern müssen.“

Der Papstclip berührt die Teilnehmer der Convention, weckt Verwunderung, Dankbarkeit Gott gegenüber, die sich in Gebetsanrufungen und Zungenreden ausdrückt. „Er hat uns um seinen Segen gebeten“, erinnert Kenneth Copeland, der Leiter der Versammlung, und ruft Tony Palmer samt Smartphone auf die Bühne: Für den Papst filmt er den vollen Saal mit den Gemeindeleitern, die stehend und mit erhobenen Händen seine Bitte erfüllen.
Papst und Pfingstler – vielleicht eine einmalige Episode, vielleicht die ersten Tropfen eines beginnenden Tauwetters.
Clemens Behr

(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, April 2014)
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