15. Mai 2014

Hört mich jemand?

Von nst1

Welche Haltung wünschen sich Mitmenschen von uns?

Bei der Analytischen Psychotherapie hört der Therapeut dem Patienten zu, ohne das Gesagte zu protokollieren, zu deuten, mit dem Verstand einzuordnen, zu erklären oder gar zu urteilen. Stattdessen achtet er gleichermaßen auf den Widerhall, den die Bekenntnisse des Patienten in ihm selbst hervorrufen. So sollte seine Aufmerksamkeit nicht allein auf die Worte des Gegenübers fixiert sein, sondern kann sich gleichsam eine leichte Ablenkung erlauben; er kann in einem Zustand „gleichschwebender Aufmerksamkeit“ auch in sich selbst hineinschauen. Der Freud-Schüler Theodor Reik nennt das „Zuhören mit dem dritten Ohr“.

Wenn ich jemandem wirklich zuhöre und nicht nur auf die Worte achte, sondern auf die gesamte Person, und wenn ich demjenigen klarmache, dass ich seinem Persönlichsten und Tiefsten zugehört habe, dann passieren mehrere Dinge. Vor allem bemerke ich einen Blick voller Dankbarkeit: Der andere fühlt sich entspannter und möchte mir jetzt viel mehr aus seiner Welt mitteilen, denn er spürt ein neues Freiheitsgefühl und wird empfänglicher für Veränderungsprozesse. Häufig, wenn einer Person ganz aufmerksam zugehört wird, treten ihr Tränen in die Augen, die ich als Freudentränen verstehe im Sinne von: Gott sei Dank, mir hört jemand zu, jemand versteht, was mir gerade widerfährt!

Ähnliche Empfindungen könnte ein Häftling in einer unterirdischen Zelle haben, der Tag für Tag Morsezeichen klopft: „Ist da jemand? Hört mich jemand?“ Bis er endlich eines Tages ein schwaches „Ja“ wahrnimmt, das ihn aus seiner Einsamkeit befreit und wieder  zu einem menschlichen Wesen macht.
Viele Leute leben heute wie in privaten Zellen, lassen nichts nach außen durchdringen. Sie brauchen eine hohe Aufmerksamkeit, damit die Botschaften, die sie aus ihrer Zelle senden, auch empfangen werden.
Nicht von ungefähr haben wir zwei Ohren und nur einen Mund: Wir sind geschaffen, um mehr zuzuhören und weniger zu sprechen.
Pasquale Ionata

(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, Mai 2014)
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