So wie’s war, war’s gut!
Auf den ersten Blick könnte man ihre Familienträume als gescheitert bezeichnen. Trotzdem erfährt Angela Krahn sich als „echtes Glückskind“.
Weil sie in ihrem Leben reich beschenkt wurde, möchte Angela Krahn sich an andere verschenken. Deshalb engagiert sich die Aachenerin in der Familienarbeit. Und obwohl ihre eigene Familie auseinanderbrach, ist sie überzeugt: „Gott will mich da haben!“ Im Lauf der Zeit hat die 63-Jährige, die selbst seit 31 Jahren getrennt von ihrem Mann lebt, viele begleitet, deren Beziehung nicht gehalten hat. Und weil sie selbst „im ganzen Elend nach der Trennung“ immer wieder Haltepunkte gefunden hat, bezeichnet sie sich als „Glückskind“.
Aber der Reihe nach. Aufgewachsen ist Angela Krahn in Jülich, einer Kleinstadt 30 Kilometer nordöstlich von Aachen. Dort hat sie auch ihren Mann kennengelernt und ihn kurz vor ihrer Abiturprüfung geheiratet, hochschwanger mit der ersten Tochter. Später – nach einem Studium an der Pädagogischen Hochschule, „das man auch als junge Mama ganz gut hinkriegen konnte“, mit den Fächern Deutsch, Musik und Theologie – kamen noch zwei Töchter.
Über ihre Ehe sagt sie: „Wir haben uns unendlich geliebt. Und ich weiß bis heute nicht, wo die Liebe verloren gegangen ist!“ Fakt ist, dass sie sich irgendwann nicht mehr in der Lage sah, bei ihrem Mann zu bleiben. „Nach außen sah man nichts. Aber es war unendlich schwierig geworden und ich wollte nur noch der Atmosphäre des ständigen Streits entkommen.“ Gehen schien die einzige Lösung. Erst Jahre später erfuhr sie, dass „schon länger eine Freundin da war“, die auch direkt bei ihrem Mann einzog.
Mit den drei Töchtern – damals fünf, sechs und 12 Jahre – zog sie nach Aachen. „Meine Eltern stellten mir eine Wohnung zur Verfügung. So kamen wir finanziell über die Runden“, erzählt sie. „Gleichzeitig arbeiten, das wäre nicht gegangen!“
Als die zweite Tochter zur Erstkommunion kam, suchte man dringend Mütter, die bei der Vorbereitung mitmachten. „Irgendwie haben die rausbekommen, dass ich Religionslehrerin bin“, erinnert sich Angela an die eigenartige Situation: „Ich dachte mir: Was soll das denn jetzt?“ Schließlich war sie innerlich weit weg von Kirche. Nach vier Wochen hat sie dann aber zugesagt. Rückblickend nennt sie die Zeit „kostbar“, wenn auch „schwierig zu leben“: „Natürlich war bei einem solchen Fest auch der Vater eingeladen. Da musste ich ganz kräftig durch Täler gehen, mich zurücknehmen, Bemerkungen aushalten. Aber wir haben uns beide ordentlich zusammengerissen und das gut hingekriegt!“
Ein Jahr später hat die Gemeindereferentin Angela zu einem Sommertreffen der Fokolar-Bewegung eingeladen. „Aber ich bin doch nicht das, was Kirche möchte“, war ihre unsichere Antwort. Trotzdem hat sie sich an Pfingsten 1986 auf den Weg gemacht. Noch heute sieht sie sich in dem großen Saal sitzen: „Auf der Bühne stand ein Satz aus der Bibel: ‚Ich nehme das Herz von Stein aus eurer Brust und gebe euch ein Herz von Fleisch.’ 1) Und ich merkte: Gott meint dich!“ Obwohl sie Theologie studiert hatte, „war da nichts an persönlicher Beziehung zu Gott! Dass das Wort Gottes mich meint und dass Er mich kennt – das ist in mir eingeschlagen wie ein Blitz!“
Für Angela stand fest: Da musste sie dranbleiben! Zurück in Aachen, suchte sie deshalb Kontakt zur Fokolar-Bewegung vor Ort und stieß zu einem sogenannten Familienkreis, einer Gruppe von Familien, die sich monatlich treffen, um ihr Leben am „Wort des Lebens“ auszurichten. „Mit Sicherheit haben die da einen großen Schritt gemacht, denn eigentlich sind es ja Paare, die sich treffen“, ist Angela sicher. Obwohl sie mit ihrer Lebenssituation scheinbar nicht ins Bild passte, „haben die mich genommen, wie ich war!“ Die monatlichen Treffen, das daraus resultierende Leben und „viele Menschen, mit denen ich all den Rotz, den ich zwischendurch loswerden musste, auch bereden konnte und die mich aus einem gemeinschaftlichen Leben auf richtige Spuren gesetzt haben – das war ein Riesengeschenk!“
Die Beziehung zu Gott und die Rückendeckung ihres Familienkreises waren nun Orientierungspunkt für Angela, auch in ihren „Alltagssituationen“: Etwa wenn es darum ging, wie sie der Freundin ihres Mannes begegnen konnte. „Natürlich haben die Kinder sehr schnell versucht, meinen Mann und mich gegeneinander auszuspielen, das kann man ihnen ja nicht verdenken. Und sie haben diese Frau völlig abgelehnt.“ Auch das hat sie im Familienkreis geteilt, versucht, am Wort Gottes Maß zu nehmen. So konnte sie dann, als sie die Kinder wieder einmal abholte, vorschlagen, dass sie sich alle gemeinsam hinsetzten und klärten, wie alles gehen konnte. „Das ist mir unheimlich schwergefallen“, gesteht sie. „Aber die Kinder merkten, dass ich mit der Freundin meines Mannes wenigstens sprechen kann, sie respektiere und sie mir nicht einfach irgendwas vormachen können.“
Dankbar ist Angela Krahn, dass sie und ihr Mann „immer ordentlich miteinander umgegangen sind.“ Auch als er sie im letzten Jahr um die Scheidung bat. „Wir respektieren uns gegenseitig und haben keinen Anwalt gebraucht.“ Nach über 30 Jahren jetzt eine geschiedene Frau zu sein, „ist mir ganz komisch!“
Über die Jahre ist Angela für viele zur Anlaufstelle geworden und weiß deshalb, dass andere getrennt Lebende in ihrem Umfeld oder ihren Gemeinden nicht immer so offene Türen und so viel Unterstützung finden wie sie. Sensibilität ist ein Stichwort, das Angela sehr am Herzen liegt. „Wie oft drückt man allein mit Worten anderen einen Stempel auf. Da könnte man sehr viel achtsamer sein, auch im kirchlichen Umfeld. Die sogenannte ‚heile Familie’ – Vater, Mutter, Kinder – ist ein enorm hohes Gut und das wünsche ich von Herzen wirklich allen! Aber es gibt eben leider auch das andere. Und eine Trennung hat sich ja keiner gewünscht. Trotzdem gibt es auch diese Wirklichkeit von Familie heute und damit Menschen, Männer und Frauen, die auch mit dieser Erfahrung auf der Suche nach Spiritualität und einer Beziehung zu Gott sind.“
Wie alle Menschen wird auch Angela immer wieder mit ihrer Geschichte konfrontiert.
Wenn sie zu einer Hochzeit eingeladen ist, „kostet das jedes Mal einen zusätzlichen inneren Schritt, um dann ganz in der Freude da zu sein!“ Genau das ist dann aber für die lebhafte Aachenerin ein Ansporn, besonders für das Paar zu beten, wachsam zu sein und „Liebe zu schenken“. Eine große Herausforderung ist für Angela auch, wenn bei ihren Töchtern eine Beziehung nicht klappt. „Da bin ich ganz schnell dabei zu sagen: Das kann ja gar nicht anders sein; du hast es nicht vorgelebt, also klappt’s bei deinen Töchtern auch nicht!“ Und es hilft ihr auch nicht, dass das in anderen „heilen Familien“ genauso wenig garantiert ist. Themen wie diese beschäftigen viele in ähnlichen Lebenssituationen, das weiß Angela aus vielen Gesprächsrunden. „Und wenn man die gemeinsam und aus der Beziehung zu Gott angehen kann, hilft das schon sehr!“
„Selbstverständlich“ hat Angela Krahn sich im Lauf der Jahre, bei allen Höhen und Tiefen, oft gefragt, ob ihr Leben anders verlaufen wäre, wenn sie diese Nähe zu Gott früher gefunden hätte. „Vielleicht wäre ich dann anders mit allem umgegangen“, sagt sie. „Aber: So wie es war, war’s gut! Gott hat irgendwann bei mir angeklopft und gesagt: ‚Hallo!’ Und dann ist er mit mir mitgegangen.“
Gabi Ballweg
1) Ezechiel 36,26
(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, Oktober 2015)
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Die Leichtigkeit des Scheins im geschriebenen Wort erstaunt immer wieder
Lasst die Blinden wieder sehn,
die Lahmen wieder gehn, …….
und predigt den Armen das Evangelium
Frei nach Matthäus 11:5