Zwischen Moderne und Tradition

Die Italienerin Chiara Andreola (31) war erstmals in Japan unterwegs – von Tokio nach Kyoto über die Insel Honshu, die Tempel von Hiroshima und Yamadera. Aus dem Reisetagebuch einer, die aus dem Staunen nicht herauskommt.

Sie fallen sofort ins Auge: eine rote und eine blaue Linie auf dem Boden jedes Bahnsteigs. Wer einsteigen will, muss sich in einer Schlange dahinter ordentlich einordnen, je nachdem, ob man einen Platz im Zug reserviert hat oder nicht. Willkommen in Japan.

Wir sind noch desorientiert nach dem langen Flug und fühlen uns bedrängt von der Menschenmenge auf dem Gleis; aber ein Blick auf die „Einheimischen“ und ihre Disziplin genügt, um zu verstehen, wie die Dinge hier laufen. Und das scheint das Abbild unserer stereotypen Vorstellungen von japanischer Ordnung und Effizienz: Die Züge halten genau 20 Sekunden, ausreichend, um die ordentlich aufgestellten Fahrgäste aus- und einsteigen zu lassen; die Schaffner verbeugen sich, bevor sie die Fahrscheine überprüfen, die alle in Ordnung zu sein scheinen; im Zug herrscht absolute Stille, um keinen zu stören; und wer erkältet ist, trägt eine Maske, um andere nicht anzustecken.

Der erste Eindruck von Tokio ist nicht so sehr der einer pulsierenden Metropole, sondern vielmehr der eines riesigen Systems, in dem jedes Rädchen ins andere greift und alles perfekt funktioniert. Wenn man nach dem Weg fragt, muss man sich darauf einstellen, dass die Befragten einen an den gesuchten Ort begleiten oder riskieren, den eigenen Zug zu verpassen. Das ist aber nicht Ausdruck von Nächstenliebe, sondern eines tief verwurzelten, unterwürfigen Dienstverständnisses und erklärt auch, warum kaum einer den anderen als Erster anspricht.

In Tokio kann man das moderne Japan ahnen, das die eigenen Wurzeln nicht vergisst: Neben breiten Straßenzügen, Wolkenkratzern und Gebäuden, die Ausdruck der zeitgenössischen Architektur sind, gibt es große Grünflächen und einige Tempel, die die Bombardierungen des Zweiten Weltkrieges überstanden haben oder wieder aufgebaut wurden. Diese Plätze sind nicht nur mit Touristen überfüllt, sondern auch mit Einheimischen, die trotz der Eile, mit der sie durch die Straßen hetzen, nicht versäumen, hier das rituelle schintoistische Gebet zu verrichten: ein Glockenschlag, dreimal Händeklatschen, drei Kniebeugen und einen Moment der Stille. Man sieht nicht viele Jugendliche, die es tun, aber bei Erwachsenen bekommt man den Eindruck, dass die Moderne sich dem „harten Kern“ der Tradition nicht aufzwingen konnte: Ob sie es aus Gewohnheit oder echter Überzeugung tun, ist schwer zu sagen.

Nach Meinung vieler ist das „innerliche Japan“ jedoch ganz anders; eine Ahnung davon bekommen wir bei unserem Halt in Sendai, im Norden der Insel Honshu. Der Weg zum Campus der Tohoku-Universität erweist sich als sehr lehrreich.

Wir sind nördlich von Fukushima und das Erdbeben von 2011 zerstörte mehrere Gebäude der Universität. Innerhalb von zwei Jahren waren sie wieder aufgebaut und mit vielen Schildern versehen: Man darf sich nicht an die Wände lehnen, denn bei einem Erdbeben würde sich das ganze Gebäude bewegen, um die seismischen Wellen abzufangen; man könnte also buchstäblich vom Biologie-Fachbereich „vereinnahmt“ werden. In Italien hätten nach zwei Jahren vielleicht endlich die Ausschreibungen begonnen.

Außerhalb des Campus, wo es auch ausländische Studierende gibt, sieht man Sendai seine 1,3 Millionen Einwohner nicht an. Es wirkt ruhig und weniger „mondän“ als Tokio. In der ganzen Stadt findet man überall kleine Tempel, echte Schmuckstücke und Oasen der Ruhe: über allem der Rinnoji-Tempel mit einem wunderschönen Zen-Garten.

Am nächsten Tag geht es weiter in die Berge bis zum buddhistischen Tempelkomplex Yamadera. Ein Dorf im Grünen, wo die kleinen Handwerksläden zwar voller Souvenirs für Touristen sind, einen die betagte Besitzerin jedoch ganz persönlich mit einem Tee begrüßt. Auch die Tempel bieten ein anderes Bild: Die Mönche hier arbeiten kunsthandwerklich oder beten, und sogar die Touristen scheinen mehr Respekt vor der Heiligkeit des Ortes zu haben.

Besonderheit unseres Aufenthalts in Sendai ist das „Kaitan Sushi“ (ein gehobenes Sushi-Restaurant, wo man für wenig Geld einen Teller mit Reis und rohem Fisch bekommt): Die auf Tellern angerichteten Speisen fahren auf einem Förderband an den Tischen vorbei. Man muss sich einfach nur bedienen. Und wenn das, was man essen möchte, nicht vorbeikommt, kann man es über den Touch-Screen an jedem Tisch bestellen. Der Teller hat einen Sensor, und wenn er an dem Tisch eintrifft, wo die Bestellung aufgegeben wurde, ist ein Piepen zu hören. Am Schluss kommt der Kellner, zählt die leeren Teller und erstellt die Rechnung, wobei ihm die Farben der Teller unterschiedliche Preise signalisieren. Scherzhaft bemerken wir, dass man in Italien wahrscheinlich jeden zweiten Tag neue Teller anschaffen müsste, weil die Gäste sie einstecken würden, um nicht bezahlen zu müssen. Hier hingegen lässt man sogar das Handy am Tisch liegen, um zu zeigen, dass der Platz besetzt ist. Es scheint, als könne man den Menschen vertrauen.

Wir verlassen Sendai Richtung Hiroshima an Bord eines der berühmten Hochgeschwindigkeitszüge, eines Shinkansen. Als wir das Ticket kaufen, bemerke ich, dass wir in Osaka umsteigen müssen und zwischen der Ankunft des einen und der Abfahrt des nächsten Zuges nur vier Minuten liegen. Erstaunt frage ich nach: „Wie, nur vier Minuten?“ Nun wirft der Schalterbeamte mir einen überraschten Blick zu und sagt dann mit breitem Lächeln: „Natürlich, nur vier Minuten!“ Als wolle er sagen: „Machen Sie sich keine Sorgen, wir sind effizient!“ In der Tat hält der Zug pünktlich und genau gegenüber von dem nach Hiroshima, sodass Umsteigen in vier Minuten kein Problem ist. Erstaunlich.

In Hiroshima angekommen, nehmen wir die Straßenbahn – kleiner Restbestand der Geschichte in einem modernen Land, einschließlich des Straßenbahnfahrers, der die Türen manuell öffnet und schließt – zu unserem Ryokan: So heißen die typischen Hotels, die im traditionellen Stil eingerichtet sind und wo man auf dem Futon schläft, einer Matratze, die man auf dem Boden ausrollt. An der Tür empfängt uns eine nette Dame, die uns, wie in Japan üblich, einlädt, die Schuhe auszuziehen, bevor wir das Haus betreten. Sie führt uns über eine steile Treppe zu unserem Zimmer. Es ist, wie immer in Japan, winzig. Man darf den Futon nicht ausrollen, bevor man ins Bett geht, sonst kann man sich nicht mehr bewegen.

Wir verlassen das Hotel und fahren zum Friedensmuseum, in dem die Erinnerungen an die Explosion der Atombombe bewahrt werden und das so auch zum Frieden mahnen will. Geschmolzene Gegenstände, Bilder von Betroffenen, Video-Zeugnisse von Überlebenden, Kleidungsfetzen und vor allem eine Treppenstufe mit dem Abdruck einer Person, die sich durch die Hitze der Explosion buchstäblich aufgelöst hat: Erschüttert gehen wir von dort weg und am Friedensbogen vorbei, dessen Flamme so lange entzündet bleibt, bis es in der ganzen Welt keine Atomwaffen mehr geben wird. Nach dem Museumsbesuch ist das für uns viel mehr als nur eine symbolische Geste.

Unsere letzte Station ist Kyoto, die ehemalige Hauptstadt des Landes. Sie wird auch „Stadt der tausend Tempel“ genannt: Allein 17 sind als Weltkulturerbe von der UNESCO anerkannt. Vor dem Bahnhof bemerken wir eine Art Stand: der Bereich für Raucher. Auf der Straße ist Rauchen verboten. In Kyoto besuchen wir einen Tempel nach dem anderen, von denen allerdings viele zu einem Vergnügungspark für Touristen geworden sind. Wir lernen deshalb die verborgeneren Tempel schätzen, wo man ein wenig mehr Frieden findet, auf knarrenden Holzböden (auch hier geht man nur barfuß), zwischen fein bemalten Wänden und gepflegten Gärten.

Selbst in einer so großen Stadt findet man Ecken wie den Nanzenji-Tempel, am Ende eines kleinen Tals, wo man Kilometer weit weg von der Zivilisation zu sein scheint.

Den letzten Abend in Japan gehen wir in ein Lokal. Unsere japanischen Tischnachbarn teilen sich einen Teller mit Häppchen: Weil wir nicht wissen, wie es heißt, und im modernen Japan Englisch nicht sehr verbreitet ist, zeigen wir dem Kellner mit den Händen, was wir möchten. Das bricht das Eis: Nachdem sie herausgefunden haben, dass wir Italiener sind, erzählen uns die beiden am Nachbartisch in gebrochenem Englisch von ihrer Reise nach Venedig, Florenz und Rom, alles in nur fünf Tagen.

Dies ist die letzte Erinnerung, die ich mir von einem Land mitnehme, das in meinen Augen modernsten Fortschritt mit tief verwurzelter Tradition verbindet; das auf die Weltmärkte strebt, dabei wenig Englisch bieten kann und für Ausländer kulturell verschlossen ist; wo völlige Verfügbarkeit sich mit einer so anderen Geselligkeit als unserer verbindet. Ein Land voller Kontraste, die es noch mehr zu entdecken gilt.
Chiara Andreola

(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, Juni 2016)
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