Nordische Gelassenheit

Eine Woche Island, und das während das Land durch seine Fußballnationalmannschaft in ganz Europa in aller Munde ist. Joachim Schwind schildert Eindrücke seiner Reise in den Inselstaat.

Es ist Sonntag, der 19. Juni 2016, und Reykjavik macht einen völlig entspannten Eindruck. Na gut: Die Fußball-Nationalmannschaft hat in den ersten beiden Spielen der laufenden Europameisterschaft jeweils ein 1:1 Unentschieden erzielt. Und das gegen die Gruppenfavoriten Portugal und Ungarn! Aber das ist noch kein Grund zur Aufregung.
Auch dass am nächsten Sonntag Präsidentschaftswahlen sind, bringt hier niemanden aus der Ruhe. Wahlplakate sind keine zu sehen. Wozu auch? Man kennt sich in Island. Bei gut 320 000 Einwohnern auf der ganzen Insel stößt man auch im Gespräch mit einer unbekannten Person bald auf gemeinsame Bekannte. Wer sich also nach dem einen oder anderen Kandidaten erkundigt, erhält zunächst einmal keine Informationen über dessen politische Ausrichtung. Man erfährt hingegen, wer mit dem betreffenden Kandidaten in verwandtschaftlicher oder freundschaftlicher Verbindung steht. Das gilt in diesen Tagen noch mehr für die Fußballnationalspieler, von denen – im Gegensatz zu den Präsidentschaftskandidaten – in der Fußgängerzone sogar Plakate hängen.
Dass die Hauptstadt einen so entspannten Eindruck macht, mag auch an der Jahreszeit liegen. Es ist Mittsommer. Gefühlsmäßig hat man alle Zeit der Welt. Bis kurz vor Mitternacht scheint die Sonne, und das faszinierende, schräg einfallende sanfte Licht lädt geradezu ein zur Gelassenheit.
Zwei Tage, um die Hauptstadt zu erkunden, sind für einen Erstbesucher Islands völlig ausreichend, nicht zuletzt, weil man die wichtigsten Sehenswürdigkeiten alle zu Fuß erreicht. Die malerischen Holzhäuser, zum Schutz mit bunt angestrichenem Wellblech verkleidet, erinnern daran, dass die Stadt vor nicht allzu langer Zeit noch ein verschlafenes Fischerdorf war. 600 Einwohner zählte Reykjavik Anfang des 19. Jahrhunderts. Die hatten fast alle in der damals neu gebauten Domkirche Platz.

Heute wird die Stadt überragt von der 1986 fertiggestellten Hallgrims-Kirche, deren Architektur die überall auf der Insel vorzufindenden Basaltformationen aufgreift. Ebenso eindrucksvoll, aber weit weniger pompös, sind die Konzerthalle Harpa mit ihrer ständig im Licht sich verändernden Glasfassade und das außen zum Teil mit Moos und Flechten bewachsene neue Rathaus.

Alte Domkirche (links) und das Parlamentsgebäude in Reykjavik. - Foto: (c) Joachim Schwind

Alte Domkirche (links) und das Parlamentsgebäude in Reykjavik. – Foto: (c) Joachim Schwind

Berühmt ist das – für mitteleuropäische Verhältnisse fast schon niedliche – Parlament. Dort haben die Isländer bereits zweimal wichtige Politiker mit wöchentlichen Demonstrationen unter dem Lärm von Töpfen und Pfannen aus dem Amt gejagt – zuletzt ihren Präsidenten, der in den Skandal mit Briefkastenfirmen in Panama verwickelt war. Am Ruf Reykjaviks als der entspanntesten Hauptstadt der Welt hat auch das nicht gekratzt.
Weit weniger entspannt geht es am Mittwoch auf dem Golden Circle zu. Die Ringstraße rund um Reykjavik verbindet die wichtigsten Sehenswürdigkeiten, die man in einem Tagesausflug erreichen kann. Am Dienstagabend ist ein großes Kreuzfahrschiff im Hafen vor Anker gegangen und nun wird der Golden Circle von Kreuzfahrtouristen überschwemmt.
Der Tourismus ist das neue Goldene Kalb, das viele Isländer auf der Suche nach schnellem Geld anbeten. Nach der Finanzkrise zwischen 2008 und 2011, die viele Isländer durch Lohnkürzungen, Arbeitsplatzverlust oder Überschuldung persönlich getroffen hatte, geht es durch den Tourismus nun wieder aufwärts. Der Ausbruch des Eyjafjallajökull 2010 hat dem Fremdenverkehr nur kurzfristig geschadet. Letztlich war sie eine Superwerbung für die Insel aus Feuer und Eis. Wer kann, investiert in den Tourismus. Es scheint, als würde jede leer stehende Werkzeughalle, jeder Pleite gegangene Laden in ein Hotel oder eine Pension umgewandelt. Teilweise völlig ausgetretene Wege zu den Natursehenswürdigkeiten zeigen, dass es eigentlich schon zu viel ist. Hoffentlich merken die Isländer das, bevor der Massentourismus irreparable Schäden anrichtet.

Wasserfälle von Gulfoss. - Foto: (c) Città Nuova/Emanuele Emiliani

Wasserfälle von Gulfoss. – Foto: (c) Città Nuova/Emanuele Emiliani

Faszinierend sind sie dennoch: Die mächtigen Wasserfälle von Gullfoss, die wasserspeienden Fontänen des Geysirs Strokkur oder der Nationalpark Thingvellir, wo sich schon vor 1000 Jahren in der sichtbaren Bruchlinie zwischen europäischer und amerikanischer Kontinentalplatte das Althing getroffen hat, die demokratische Volks- und Gerichtsversammlung der Isländer.
Mit gemischten Gefühlen geht die Fahrt weiter in den Süden der Insel, vorbei am Eyjafjallajökull. Die Vulkanasche rechts und links der Straße ist gerade einmal von Flechten und Moos bedeckt. Einheimische warnen davor, dort zu wandern, weil man jederzeit auf dem trügerischen Untergrund einbrechen kann. Island ist – wie ein Reiseautor schrieb – ein Stück Land, wo der Mensch ein paar Millionen Jahre zu früh angekommen ist. Praktisch jederzeit und an nahezu jedem Ort der Insel kann sich die Erde auftun und das Landschaftsbild völlig verändern. Vielleicht kann man auf so eine Dauerbedrohung nur mit nordischer Gelassenheit reagieren.
Der Donnerstag gehört dem Vatnajökull (dt.: Wassergletscher), der mit über 8000 Quadratkilometern acht Prozent der Fläche Islands bedeckt. Seine Ausläufer reichen bis an die Südostküste der Insel und bieten immer wieder neue, grandiose Bilder. Das Städtchen Höfn am Ostrand des Gletschers hat seit vier Jahren eine – vor allem mit Schweizer Hilfe erbaute – neue katholische Kirche. Island ist eine eigene Diözese, hat aber nur fünf Pfarreien und – neben dem slowakischen Bischof – gerade 15 Priester. Dass nur zwei Isländer sind, spiegelt die Gesamtsituation. Denn auch die 13 000 Katholiken sind zum Großteil Zuwanderer oder Gastarbeiter: aus den Philippinen, Polen, Tschechien.

Gletscherlagune Jökulsárlón. - Foto: (c) Città Nuova/Emanuele Emiliani

Gletscherlagune Jökulsárlón. – Foto: (c) Città Nuova/Emanuele Emiliani

Von Gastarbeitern erzählt am nächsten Tag auch das „Franski spítalinn“, ein zum Hotel umgebautes früheres Krankenhaus in Fáskrúðsfjörður an einem der vielen malerischen Fjorde im Osten Islands. Zwischen 1880 und 1920 kamen Dorschfischer aus der Bretagne hierher. Mit dem Ersten Weltkrieg und der Einrichtung einer Schutzzone kam die französische Fischerei vor Island aber zum Erliegen. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Hochseefischerei zum wichtigsten Wirtschaftsfaktor Islands. Die Sorge um zu große Konkurrenz ist bis heute der entscheidende Grund, dass die Insel nicht der EU beitritt.
Von den Ostfjorden ins nördliche Island führt am Samstag die große Ringstraße Nummer 1 über 175 Kilometer durch eine Hochebene, auf der man sich keine Autopanne bei schlechtem Wetter wünscht. Verständlich, dass die wüstenähnliche Landschaft als Trainingsgelände für die NASA-Mondfahrt und Kulisse für viele Weltraumfilme gedient hat.
Überraschend lieblich ist dagegen der Norden, insbesondere seine heimliche Hauptstadt Akureyri, die zweitwichtigste Stadt. Dass hier alle roten Ampeln Herzform haben, gibt dem isländischen Charakterzug der Gelassenheit noch eine – im wahrsten Sinne des Wortes – herzliche Note. Und ein liebevoll gestalteter, blühender botanischer Garten ist das Letzte, was man sich nur 50 Kilometer südlich des Polarkreises erwarten würde.

Foto: (c) Joachim Schwind

Foto: (c) Joachim Schwind

Letzte Station im Norden ist Holar, ein kleiner Weiler mit großer Geschichte. Seinen Ruf verdankt er weder dem isländischen Biermuseum noch der kleinen Hochschule für Pferde- und Fischzucht und Tourismus. Holar war von 1106 bis 1801 zweiter Bischofssitz Islands und damit von größter Bedeutung. Mehr als die heute 85 Einwohner dürfte der Ort auch damals nicht gehabt haben. Aber Einzugsgebiet des Bistums war der ganze Norden. Die Bekehrung der Isländer zum Christentum war – alten Berichten zufolge – von einem einfachen Kalkül gelenkt: Auf Anraten des Stammesführers Thorgeir nahmen sie das Christentum nur deshalb an, weil sie verstanden, dass sie sonst von den lebensnotwendigen Handelsbeziehungen mit den nordeuropäischen Ländern abgeschnitten würden. Auch wenn Thorgeir öffentlichkeitswirksam alle heidnischen Götterbilder im Wasserfall Gothafoss („Götterfall“) versenkte, behielten die Isländer im Privaten noch lange heidnische Rituale.

Konzerthaus Harpa in Reykjavik. - Foto: (c) Joachim Schwind

Konzerthaus Harpa in Reykjavik. – Foto: (c) Joachim Schwind

Der gut 300 Kilometer lange Rückweg nach Reykjavik führt durch skandinavisch anmutende, in ihrer nur scheinbaren Eintönigkeit faszinierend abwechslungsreiche Fjord- und Fjäll-Landschaften und lässt Zeit zum Reflektieren. Vieles in Island ist – fast – unmöglich: eigentlich ein Wunder, in dieser kargen und durch Erdbeben und vulkanische Aktivitäten so bedrohlichen Umwelt zu überleben; die Isländer schaffen es seit bald 1200 Jahren. Kaum vorstellbar, mit 320 000 Einwohnern über eine solche Fläche einen Staat mit Bildungs- und Gesundheitswesen, Justiz, weltweitem Diplomatenkorps, Finanz- und Bankenwesen, Sicherheitsstruktur, staatlicher Verwaltung und vielem anderen zu organisieren. Die Isländer schaffen es — auch wenn sie selbst nicht so genau wissen wie. Vieles mag an ihrer wikingischen Zähigkeit und einem geradezu angeborenen Durchhaltevermögen liegen. Ihr größtes Geheimnis aber ist vermutlich ihre nordische Gelassenheit.
Joachim Schwind

(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, September 2016)
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